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W. B., * 1924. Stammt aus Hänner. Heute wohnhaft in Niederhof

In welchem Jahr sind Sie geboren?

1924, in Hänner.

Ich habe ja noch zwei Brüder gehabt und zwei Schwestern. Vier der Kinder sind in Hänner geboren, in dem Haus, wo jetzt das Blumenlädele drin ist, hinter der Krone. Eine Schwester kam in Laufenburg auf die Welt.

War das eine Landwirtschaft?

Der Vater war Landwirt und in dem Haus gab es auf der Westseite noch eine Mühle, eine Getreidemühle. Die hat er auch umgetrieben. Er war noch der Müller. Dazu kam die Landwirtschaft. Zwei große Pferde hat er gehabt, Arbeitspferde. Mit denen hat er noch Waldarbeit gemacht, nicht nur für sich, sondern auch für andere Leute. Und ausserdem ist er im Winter für die Gemeinde Schneepflug gefahren.

Den Dreiecksschneepflug?

Ja, den Holzschneepflug. Mit dem ist er durchs Dorf gefahren.

Wenn ich Sie nach ihren Kindheitserinnerungen frage, was fällt Ihnen dann als Erstes ein?

Da gibt es ein Ereignis, das ich mein Leben lang nie vergessen habe. Umso älter ich werde, desto mehr denke ich an dieses Ereignis. Es hat sich in Hänner zugetragen, in dem Haus, in dem wir geboren sind. Ich muss etwas ausholen. Ich selbst bin 1924 geboren, mein Bruder, der S., 1925. Ich im November, er das Jahr darauf im Oktober, als Siebenmonatskind. Und im Jahr darauf, 1926, ist dann der E. geboren, das ist der dritte Bub gewesen. Alles ging gut, die Geburten sind anscheinend reibungslos verlaufen, wie mir gesagt worden ist.  Der E., der Jüngste, der soll sogar ein Kind gewesen sein mit besonderen Fähigkeiten. Das ist mir später immer wieder gesagt worden. Es heißt, die Leute hätten gesagt, das Kind wird nicht alt, das ist zu gescheit. Und so war es tatsächlich auch. Der E.  ist, da war er noch nicht einmal ganz zwei Jahre alt, ertrunken im Mühlebach. Durch Hänner fliesst doch die Wühre, an der oberen Fabrik vorbei und dann runter in die Poststraße. Bei uns ist dann der Mühlbach davon abgezweigt worden. Ich war mit meiner Patentante, eine Schwester vom Vater, die war ledig und hat bei uns im Haus gewohnt, abends in der Kirche. Als wir von der Kirche heim kamen, war ein sehr großer Aufruhr ums Haus herum. Ich bin ja dort noch nicht einmal vier Jahre alt gewesen, aber nachher ist uns alles erzählt worden. S, der zweite Bub und der E. eben, das jüngste Kind, die waren hinter dem Haus und haben an dem Bachlauf, der ins Haus über das Mühlrad läuft, gespielt. Plötzlich hatte die Mutter den E. vermisst und er ist überall gesucht worden. Schliesslich, schon in der Nacht haben sie ihn gefunden unter dem riesengroßen Mühlrad, unten drunter. Ganz in der Tiefe ist er gefunden worden, er war tot. Er ist durch den Kanal in die Mühle reingezogen worden und übers Rad. Unter dem Mühlrad, wo das Wasser gestanden ist, gibt es eine Vertiefung. Und da haben sie ihn dann gefunden. Er war noch nicht einmal ganz zwei Jahre alt. Daran muss ich heute immer wieder denken. Und ich muss auch daran denken, dass die Leute gesagt haben, das Kind ist zu gescheit, das wird nicht alt. Da war nämlich noch Folgendes. Sie haben den Bub schon einmal gesucht  an dem Tag. Gesucht und gesucht haben Sie ihn und nirgends gefunden. Wir hatten ja zwei große Pferde. Die waren im Pferdestall, dort, wo jetzt das Blumenlädele ist. Die Pferde waren ja abgesondert von den Kühen. Irgendwann haben sie den Bub gefunden, in der Krippe bei den Pferden. Da ist er reingeklettert und ist dort drin gesessen, den Kopf bei den Pferden. Die haben dem Kind nichts gemacht.

Das war ihr jüngerer Bruder?

Ja.

Was war Ihr Vater denn für ein Jahrgang?

Der ist Jahrgang 1884, die Mutter war 1892. 

Darf ich jetzt noch einmal zurückgehen und fragen? So eine Tragödie prägt die Familie wahrscheinlich ein Leben lang. Hat sich die Stimmung in Ihrer Familie verändert, lag ab da ein Schatten über der Familie oder hatte man gar keine Zeit dafür, weil man einfach arbeiten musste?

Das war schon ein Ereignis, das die ganze Familie geprägt hat. Am Anfang sowieso. Ich meine, wir Kinder waren ja noch jung und haben das noch nicht so verstanden. Aber in Anbetracht dessen, was sich dann ereignet hat, muss ich annehmen, dass es meiner Mutter und meinem Vater sehr nahe gegangen ist. Denn sie haben schon im Jahr danach das Haus verkauft, also 1929. Ich vermute, dass sie es einfach nicht mehr in dem Haus ausgehalten haben. Sie haben das Haus verkauft und wir sind nach Rhina gezogen und haben das Bückle gekauft, die Wirtschaft. Wir haben das noch nicht verstanden, wir Kinder. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass, als wir im Bückle in Rhina gewohnt haben, mein Bruder S. und ich immer in den Kindergarten mussten, in das Mariengrün. Das war so ein Ordensschwesternhaus, in dem zwei oder drei Ordensschwesterngewohnt haben. Dort war auch der Kindergarten. Und dort mussten wir als das Fußwegle nehmen, das heute noch ins Städtle runter führt, wenn wir in den Kindergarten mussten. Daran kann ich mich noch gut erinnern. Meine jüngste Schwester wurde 1930 in Laufenburg in der Schweiz drüben im Spital geboren.

Aber Sie sind in Hänner auf die Welt gekommen und damals gab es in Hänner selbst eine Hebamme?

Ja, die Frau Dietsche.

Meine jüngere Schwester ist die Einzige, die nicht in Hänner geboren ist. Aber sonst alle, wir drei Buben und die älteste Schwester, die ist 1914 geboren. Dann war zehn Jahre Ruhe. Ich bin erst 1924 geboren.

Als Sie ins Bückle gezogen sind waren Sie ungefähr fünf Jahre alt. Sind Sie dann in Laufenburg eingeschult worden, in Rhina?

Das Haus hatten meine Eltern gar nicht lange. Die sind wieder nach Hänner gezogen. Das muss schon ein oder zwei Jahre später gewesen sein. Sie haben ein Haus gekauft in der Rotzler Straße, wo jetzt der B. S. drin wohnt. Das war dann unser Elternhaus.

Und Sie sind in Hänner eingeschult worden. War da die Elisabeth Walter noch in Hänner?

Nein, die war nicht mehr da. Aber wir sind in der Schule in Hänner eingeschult worden.

Waren das damals noch mehrere Klassen mit einem Lehrer? Wie viele Klassen waren da zusammen?

Ich bin acht Schuljahre dort in die Schule gegangen, mein Bruder, der S., auch. Und wir haben auch schon Unterlehrer gehabt. Es gab einen Schulleiter und dann hatten wir noch Unterlehrer. Das waren ja viele Kinder zu der Zeit.

Wie viele Kinder wurden in dem Jahrgang eingeschult? Heute gibt es ja keine Schule mehr in Hänner.

Es hat Klassen gegeben, gerade meine Klasse, da waren nicht viele. Wir waren acht Buben und ein Mädchen. Die Klasse hinter mir, die war doppelt so groß.

Sind Sie noch alle in einem Raum unterrichtet worden von einem Lehrer?  

Die Klassen waren schon getrennt, soviel ich weiß.

Das ist ja was Besonderes. Zuerst sind Sie nach Rhina runtergezogen und dann wieder zurück in ein anderes Haus in Hänner, ihrem Geburtsort. Für eine Familie war das zu der Zeit viel Bewegung. Sind Sie gerne wieder zurück nach Hänner?

Ich weiß es nicht. Ich kann das von mir aus nicht sagen. Ich vermute, dass meine Eltern das Haus dort in der Rotzler Straße gekauft haben, weil es ein großes Haus gewesen ist, mit Landwirtschaft und viel Feld ringsherum. Es hat einem ledigen Mann gehört und die Erben waren mit uns weitläufig verwandt. Das waren zwei Frauen, die beide in Niederhof gewohnt haben seinerzeit, dort waren Sie verheiratet. Meine Eltern haben das Haus kaufen können und dann sind wir wieder nach Hänner gezogen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mein Vater oder meine Mutter gern Wirtsleute waren. 

Was sind Ihre Erinnerungen an die Schule? Sind Sie gerne in die Schule gegangen?

An und für sich schon, wir haben halt auch Unfug getrieben. Der Schulhof war klein, da haben wir Handball gespielt, das weiß ich noch. Auch unter Aufsicht von den Lehrern haben wir da gespielt. Südlich von der Schule war ja ein Garten und da gab es eine Bruchsteinmauer zur Straße hin, wo jetzt die Garagen sind. Dort bin ich einmal, als ich morgens in die Schule gehen musste … ich weiß nicht, haben wir da Blödsinn gemacht mit dem S. zusammen … auf alle Fälle bin ich an die Mauer gestürzt und hatte da oben ein riesengroßes Loch. Man sieht es heute noch, die Narbe. Da habe ich schwer geblutet. Daran kann ich mich noch erinnern.

In der Schulzeit haben wir auch Schach spielen gelernt. Da war ein Lehrer, also nicht der Schulleiter, sondern ein anderer, der hat uns Kindern das beigebracht. Der hat sich Zeit genommen, am Nachmittag. Wir hatten ja sonst keine Nachmittagsschule. Aber der hat uns nachmittags manchmal einbestellt und mit uns Schach gespielt. Das haben wir gerne angenommen.

Ich bin in Karlsruhe eingeschult worden. 1948 sind wir nach Bonndorf gekommen. Da war es gang und gäbe, dass Buben über die Bank gelegt wurden. Gab es das in Hänner auch?

Ja, das gab es auch noch. Also „Hosespannis“ sagte man, das hat es schon gegeben für die, die nicht gefolgt haben. Und die Mädchen haben auch „Tatzen“ gekriegt.

Vor allem im Sommer, wenn die Buben kurze Hosen anhatten, wurde direkt dorthin geschlagen, wo es am meisten wehtat.

Also ich kann mich nicht erinnern, dass ich es einmal abgekriegt habe.

Es waren fast immer dieselben.

Frage an die bei dem Gespräch anwesende Tochter:

Gab es das bei Ihnen auch noch? Wann sind Sie eingeschult worden?

Ich werde jetzt 60, mit sechs bin ich eingeschult worden, also 1961.

Das war hier in Niederhof.

Da gab es einen jungen Lehrer. Der hatte einen Stecken. Wir hatten ja auch ein paar Rowdys in der Klasse, der hat also mit dem Stecken hinten drauf gehauen, der Stecken ist sogar mal abgebrochen.

Und bei Ihnen gab es in dieser kleinen Dorfschule einen Lehrer, der sich am Nachmittag noch Zeit nahm. War das einer, dem man angemerkt hat, dass er  gerne Lehrer war und Schüler fördern wollte?


Das waren ja damals vor allem Junglehrer, die aufs Dorf geschickt worden sind. Die hatten irgendwo ein möbliertes Zimmer gemietet und wussten halt auch nicht, was sie machen sollten.

Damals waren die Lehrer ja nichtgut bezahlt  und konnten sich oft keine eigene Wohnung leisten. Elisabeth Walter z.B. hat ja eine Zeit bei B’s in der Poststrasse gewohnt. …
… Jetzt mach ich mal einen Sprung. Damals 1933, bei der sogenannten Machtergreifung, da waren Sie neun Jahre alt. Haben Sie irgend etwas mitgekriegt davon? Hat sich in Ihrer Erinnerung mit dem Dritten Rech etwas geändert?

Ich habe das schon mitgekriegt.
Aber ich muss vorher noch von einem anderen Ereignis sprechen, das der ganzen Familie und natürlich besonders uns Kindern sehr nahe gegangen ist. Und zwar ist unsere Mama 1938 verstorben.

Da waren Sie 14.

Ich war im achten Schuljahr, der S. im siebten. Da waren wir zwei Buben und die jüngere Schwester, die E. ist ja auch noch in die Schule gegangen. Da sind wir drei Kinder ohne Mama dagestanden. Die älteste Schwester war da schon aus dem Haus. Die war zu diesem Zeitpunkt schon 24 Jahre alt. Sie war in Stellung im Württembergischen, in einem Café als Bedienung. Später ist sie wieder zurückgekommen und ist in Laufenburg in die kaufmännische Lehre gegangen.

Da fällt mir noch ein Ereignis ein, das mir erwähnenswert erscheint. An meinem „Weißen Sonntag“ war es kalt und richtig Winter. Und am Samstag vor dem Kommunionssonntag musste man ja in die Kirche gehen, eine Kerze mitbringen und die wurde dann geweiht vom Pfarrer. Das war am Samstagnachmittag. Da hatte es Neuschnee und mein Bruder war so ein „Holderi“, der hat sich da im Schnee herumgewälzt und die Kerze dabei gehabt und die Kerze ging zwei oder drei Mal in die Brüche. Da musste unsere Mama abends die Kerze noch flicken. Am Sonntag hatte es dann so viel Schnee, dass der Schneepflug fahren musste. Das habe ich nicht vergessen.

Und wie ging es dann weiter ohne Mutter?

Sie ist ja in die Fabrik gegangen, bevor sie geheiratet hat, in die Seidenbandweberei. Als sie verheiratet war, ist sie auch weiterhin in die Fabrik gegangen, trotz den Kindern und der Landwirtschaft. Die Schwester vom Vater, die bei uns im Haus war, die hat mehr oder weniger den Haushalt besorgt mit der Mutter zusammen. Meine Mutter ist dann krank geworden. Sie war vorher nie krank. Das war 1937. Sie hatte Brustkrebs und wurde zwei Mal operiert. Daran ist sie dann auch gestorben.

Ist sie daheim gestorben?

Ja.

Das heißt, Sie haben das alle miterlebt.

Sie hat schwer leiden müssen. Damals hatte man ja nicht die Medikamente, die man heute hat. Sie ist dann daheim lange im Bett gelegen und hatte furchtbare Schmerzen. Ich kann mich noch erinnern, die Schmerzen waren so stark, dass sie mitten in der Nacht die Ordensschwester holen mussten - zwei gab es im Dorf, eine war Kinderschwester, eine war Krankenschwester. Die Krankenschwester mussten wir manchmal mitten in der Nacht holen, um zwölf, um eins, um zwei. Die hat dann der Mama Morphiumspritzen gegeben. Man hatte ja kein Telefon damals und kein Auto. So mussten wir sie in der Nacht selbst holen. Sie ist immer bereitwillig gekommen und hat die Spritzen verabreicht. Ärzte konnte man nicht verständigen, die wären ja gar nicht gekommen damals. So ging das. Den Haushalt hat dann die Tante gemacht, die Schwester vom Vater, mit uns drei Kindern.

Ich denke, dass es für Sie alle etwas ganz Schweres war, das Leiden ihrer Mutter miterleben zu müssen.
 

Ich kann mich noch sehr, sehr gut daran erinnern. Wir hatten vor dem Haus noch Garten und zusätzlich noch eine Bündte, so hat man gesagt zu einem Grundstück, auf dem man Gemüse angepflanzt hat. Dort hatten wir Stockbohnen, es war ja im August. Ich musste abends gegen acht Uhr noch Stockbohnen holen. Wahrscheinlich hat mir das die Tante gesagt. Und während ich Stockbohnen gepflückt habe, haben sie mich zurückgerufen ins Haus und mir gesagt, dass die Mama jetzt stirbt. Eine halbe Stunde darauf war meine Mama schon tot.


Waren Sie direkt dabei, als Ihre Mutter gestorben ist?

Ja.

Auch an die Beerdigung von der Mama erinnere ich mich wie heute. Das vergesse ich nie. Damals war es ja nicht so wie heute, dass man einen Leichenwagen gehabt hat oder so was. Wenn früher einer gestorben ist, und die Leute sind ja fast alle zuhause gestorben, dann ist die Leiche auch im Haus geblieben und aufgebahrt worden im Sterbezimmer. Da sind dann die Verwandten abends gekommen und auch die Nachbarn und haben den Rosenkranz gebetet, haben sich da versammelt im Wohnzimmer und im Zimmer nebendran ist die Tote gelegen. Das ist dann zwei oder drei Tage so gegangen. Am Sterbetag ist der Leichnam eingesargt worden von einem Schreiner, der den Sarg gemacht hat. Den hat man nicht kaufen können, der ist gemacht worden nach Maß. Der Sarg war ganz schwarz gestrichen, an das kann ich mich noch gut erinnern. Obendrauf hat es ein Glasfensterchen gehabt, wo man reinschauen konnte, wo man sie noch gesehen hat. Dieser Sarg ist dann hinter dem Haus zwischen dem Haus und dem Weg auf zwei Hockern aufgebahrt gewesen. Dann sind die ganzen Verwandten und die Leute vom Dorf gekommen und haben sich versammelt. Und als es Zeit war, sind vier Träger gekommen, die hat man vorher bestellen müssen, vier starke Männer, die haben den Sarg auf die Schulter genommen. Sie hatten extra dafür eine Bahre, wo der Sarg drauf war, und so sind sie dann losmarschiert. Damals war es der Brauch, dass die Männer vorweggegangen sind. Erst mein Vater, dann ich und der Bruder. Wir sind vorne in der ersten Reihe gelaufen und dann sind die anderen männlichen Verwandten gekommen. Dann kamen die Leute aus dem Dorf, die Männer zuerst und dann die Frauen. Zum Schluss sind die weiblichen Angehörigen gekommen. Meine beiden Schwestern und die Tante mussten also ganz am Ende laufen.

Die Frauen aus der Familie kamen ganz am Schluss. Die mussten auch das Haus abschließen.

Damals hat wahrscheinlich noch mehr als heute wirklich das ganze Dorf Abschied genommen ?

Ja.

Wie haben Sie das erlebt, als die Menschen kamen und Anteil nahmen, dass der Rosenkranz gebetet wird? Solche Rituale sind ja etwas Wichtiges und für die Hinterbliebenen hilfreich. Also wenn ich mir vorstelle, da ist ein Junge, der seine Mutter verliert, und sie stirbt irgendwo im Krankenhaus  … Die Dorfgemeinschaft, in der sie gelebt hat, sieht sie gar nicht mehr, hat keine Gelegenheit, von ihr gut Abschied zu nehmen … Für ein Kind ist es immer sehr schwer, seine Mutter zu verlieren … Aber wenn da ein ganzes Dorf dabei ist, hat das vielleicht doch ein bisschen geholfen und geschützt?

Das kann man wirklich sagen. Ich kann mich zum Beispiel noch gut erinnern an verschiedene Dorfbewohner, die einen Kranz gebracht haben. Ich weiß heute noch mit Namen, wer das war. Es war früher so üblich, dass die Nachbarn einen Kranz gebunden haben, selbst gebunden. Den haben sie dann mitgebracht zur Beerdigung. Das Grab war überfüllt von Kränzen. An einen Kranz kann ich mich ganz besonders erinnern, der war von der Firma, wo die Mama beschäftigt war, die Seidenbandweberei, das war ein Kranz aus Lorbeerblättern.

Das war damals etwas ganz Besonderes.

Ja.

Und dann mußte es irgendwie weitergehen für Sie?

Es ist weitergegangen.1939 ist dann der Krieg ausgebrochen. Daran kann ich mich auch noch erinnern: Der Vater ist hinter dem Haus gestanden, früh am Morgen, und der Nachbar Vogelbacher, der hat gegenüber gewohnt auf der Nordseite, der ist auch dort gestanden. Und ich als wunderfitziger junger Mann bin zu denen hingegangen und wollte wissen, um was es sich handelt. Sie haben über den Ausbruch vom Krieg gesprochen. Das war am 1. September.

Können Sie sich zufällig noch daran erinnern, was für eine Reaktion Sie damals gehabt haben, ob Sie erschrocken sind … ob Sie vielleicht gar nicht wussten, was das ist, „Krieg“?

Als junger Bursche hat man sich nicht viele Gedanken gemacht.

Es war halt so?

Was sich da abgespielt hat, hat man erst mit der Zeit mitbekommen. Das eine weiß ich noch, ich hatte einen Cousin in Hänner, Huber Paul hat der geheißen, der ist sofort eingezogen worden in den ersten Tagen. Und er war der erste Gefallene vom Dorf. Damals noch im September 1939 in Polen ist der schon gefallen.

Damals hat man sich ja noch nicht daran „gewöhnt“ gehabt, dass Leute aus dem Dorf, die man kannte, im Krieg fallen.

Wie das war, daran kann ich mich nicht mehr so erinnern.

Sie waren bei Kriegsausbruch 15 Jahre alt. Wie ging es Ihnen dann in den Kriegsjahren?Sind Sie auch eingezogen worden?

Ja, später. Ich wollte unbedingt eine Lehre machen nach der Schule. In dieser Zeit war es so schlecht, dass man fast keine Lehrstelle gefunden hat. Meine Schwester, die ja zehn Jahre älter ist, hat sich eingesetzt für mich. Sie hat dann über die Zeitung eine Lehrstelle gefunden - in St. Georgen im Schwarzwald oben. Dort bin ich dann in eine kaufmännische Lehre gekommen.

Das war 1939?

Ja, 1939. Ich bin ja im Frühjahr aus der Schule gekommen, und erst im Herbst, mit  Verspätung also, konnte ich dort mit der Lehre anfangen. Bis ich erst einmal die Lehrstelle gefunden hatte ist ne Zeit vergangen und dann sollte man damals auch noch zum Arbeitsdienst gehen. Das wollte ich verhindern, da wäre nämlich meine Lehre unterbrochen worden. Die haben beim Arbeitsdienst keine Rücksicht genommen auf eine Lehre. Aber dann habe ich erfahren, dass bei der Marine keine Lehre unterbrochen wird. Im Gegenteil, bei der Marine legen sie den größten Wert darauf, dass einer, der eine Lehrstelle hat, die Lehre fertig macht, mit Abschlussprüfung. Vorher wurde der überhaupt nicht eingezogen bei der Marine und musste auch nicht in den Arbeitsdienst. Aber Voraussetzung war, man musste sich freiwillig zur Marine melden. Das habe ich gemacht und deswegen musste ich nicht in den Arbeitsdienst, konnte meine Lehre fertig machen. Die Prüfung habe ich ein halbes Jahr später abgelegt, weil ich ja auch ein halbes Jahr später angefangen habe. Das war dann erst im November 1942, bis dahin hat mich die Marine in Ruhe gelassen. Sofort danach, ich glaube schon ein paar Tage später, hatte ich den Stellungsbefehl zur Marine. Ich bin dann am 14. Dezember 1942 eingezogen worden.

Wo sind Sie dann hingekommen?

Man musste zunächst nach Kiel. Dort musste ich mich melden. Wenn man zur Marine eingezogen wurde, musste man zunächst eine Infanterieausbildung machen, mit Gewehr usw. Von dort bin ich dann nach Dänemark gekommen, ganz an die Nordgrenze von Dänemark.

Wie sind Sie nach Kiel gekommen?

Mit dem Zug. Das hat man alles zugeschickt bekommen, die Fahrkarte usw.

Also zuerst nach St. Georgen und drei Jahre später dann weit weg. Wie war das, so als Hännemer Bub, der bisher wenig von der Welt gesehen hat, plötzlich in einer völlig anderen Umgebung zu sein?

Das war schon hart. Man hat sich halt eingliedern müssen und hat sich einen Freund gesucht. Das war sehr wichtig, dass man in der Gruppe, in der man war, jemanden gehabt hat. Dort fand ich dann einen Freund, einen Mann aus Oberschlesien, der auch zur selben Zeit eingezogen worden ist.

In Kiel?

Später in Dänemark oben. Man ist ja sofort von Kiel weggekommen. Man war ja nur ein paar Tage dort.

Ihre Lehrstelle in St. Georgen, was war das für ein Betrieb?

Das war ein großes Geschäftshaus … landwirtschaftliche Maschinen, Haushaltsgeräte, Kohlenhandlung, sogar  Lebensmittel haben wir noch gehabt und alles Mögliche. Die haben halt alles für die großen Bauern da oben im Schwarzwald gehabt.

Ein Großhändler?

Nein, Einzelhandel.

Aber ein großes Einzugsgebiet?

Ja, ein ganz großes Einzugsgebiet. Da gab es die großen Bauern, jeder Hof hat einen Hof-Namen gehabt. Die sind alle in das Geschäft gekommen. Der Senior-Chef, der war über 70 Jahre alt, und seine Frau, die haben halt ein bisschen mitgeholfen, so gut es ging. Ihr ältester Sohn, der hat das Geschäft geführt, dann die Tochter, die hatten nur eine Tochter, die hat die Buchführung gemacht. Dann hatten wir zwei Dienstmädchen im Haus, die für Kochen, die Wäsche und die Sauberkeit sorgen mussten. Dazu haben sie jedes Jahr einen Lehrling eingestellt, aber nie einen vom Ort. Die Lehrlinge waren alle von auswärts; sie haben im Haus gewohnt, hatten ein gemeinsames  Zimmer. Drei Lehrlinge immer zusammen, ganz oben im vierten Stock.

Da gab es schräge Wände und es war keine Heizung drin. Den Frost, die Kälteblumen musste man abkratzen im Winter. Dann hatten wir noch zwei Italiener, die hauptsächlich die Kohlenhandlung gemacht haben. Zwei Pferde waren noch im Stall, für die die Italiener zuständig waren. Die Italiener waren keine Gefangenen, sondern das waren auch Arbeiter. Sie sind dann eingezogen worden und mussten zurück nach Italien. Dafür haben wir zwei Gefangene gekriegt, Franzosen, die im Gefangenenlager in St. Georgen waren.

Wie wurden die behandelt?

Die wurden an und für sich gut behandelt, das muss ich sagen. Sie haben von uns Essen gekriegt. Die haben im Lager schon gefrühstückt, aber bei uns haben sie nochmal ein Frühstück bekommen.

Über Nacht waren sie im Lager und sind zum Arbeiten in den Betrieb gekommen?

Ja, zum Übernachten mussten sie ins Lager, aber tagsüber waren sie im Haus. Als Lehrling mussten wir sie abends ins Lager zurück begleiten und am Morgen abholen. Sie durften nicht alleine gehen, morgens nicht und abends nicht. Sonst waren sie den ganzen Tag über unbeaufsichtigt .

Wie war die Verständigung? Haben Sie ein bisschen Französisch gelernt?

Ja, ab und zu schon ein Wort. Die Franzosen konnten mehr Deutsch als ich Französisch. Wir sind sehr gut ausgekommen mit diesen französischen Gefangenen.

Zur Lehre ist noch zu sagen, wir haben im Haus zu essen bekommen. Der Vater musste noch Lehrgeld zahlen. Ich weiß nicht mehr, ob es 30 oder 50 Reichsmark waren. Wir mussten früh aufstehen, um 7 Uhr frühstücken, spätestens um halb acht ist der Rollladen der Türe vom Geschäft hochgegangen, da musste man schon im Laden stehen. Da musste man den ganzen Tag verkaufen und was halt so anfällt in einem Laden. Mittags schnell Mittagessen, dann ist es weitergegangen. Es hat keine Mittagspause gegeben. Abends, wenn Feierabend war, da war für uns Lehrlinge immer noch kein Feierabend. Wir mussten dann die Ware, die gekommen ist, auspacken, auszeichnen mit dem Juniorchef zusammen, bis um 9 oder 10 Uhr abends. Von morgens um 7 Uhr durchgehend.

Da muss man gar nicht nach der Freizeit fragen. Am Sonntag war aber zu,
oder?

Nein. Am Sonntagmorgen mussten wir, da legte der Chef großen Wert darauf, in die Kirche gehen. Die waren ja evangelisch in St. Georgen und wir Lehrlinge waren fast durchweg katholisch. Aber sie haben Wert darauf gelegt, dass wir in die Kirche gingen am Sonntagmorgen.

In die evangelische?

Nein, es gab jauch eine katholische in St. Georgen. Wenn wir dann von der Kirche zurückgekommen sind, mussten wir schon den Rollladen vom Geschäft hoch machen. Denn die großen Bauern oder auch die Bäuerinnen aus der Umgebung mußten nach der Kirche alle am Geschäft vorbei und haben da ihre Einkäufe gemacht.

Am Sonntag war dann wahrscheinlich sogar mehr los als unter der Woche?

Ja, von den Bauern auf alle Fälle. Da haben sie Zeit gehabt. Wir haben am Sonntag manchmal bis nachmittags um zwei oder halb drei auf gehabt, bis der Letzte wieder gegangen ist.

Da brauchte man sich keine Gedanken über Freizeit zu machen. Das gab es damals wahrscheinlich einfach nicht?

Nein, das gab es nicht.

Nachdem Sie die Lehre fertig hatten, wurden Sie zur Marine eingezogen, und da kam zuerst die Grundausbildung in Dänemark. Und dann?

Am 14.12.1942 musste ich mich in Kiel melden. Dort war ich bis 19.12. Am 20.12. bin ich nach Dänemark gekommen. Da habe ich schon eine Feldpostnummer gekriegt. Ich war bis 27.03.1943 in der Infanterieausbildung. Am 28.03. bin ich nach List auf Sylt gekommen in den 6. Zug. Am 01.07. kam ich nach Westerland bis 01.08. Dann

am 02.08. nach Hela­*, das war eine Halbinsel. Am 02.09. kam ich nach Gotenhafen
und dort an Bord von „Aviso Hela“. Das war das Führungsschiff von Hermann Göring. Das war ein ganz tolles Schiff. Auch auf dieses Schiff kamen wir zur Ausbildung, aber auch nicht lange. Am 17.10. ging es schon wieder nach Gotenhafen zur U-Boot-Schulausbildung. Am 12.01.1944 ging es nach Plön in Holstein. Am 15.02. nach der zweiten Marineflaggschule nach Swinemünde, am 03.04. wieder nach Plön, am 19.04. dann endlich auf das U-Boot 708.

Sie sagten „endlich aufs U-Boot“. Haben Sie sich da gefreut? Sind Sie lieber aufs U-Boot als aufs Schiff, weil es spannender war oder abenteuerlicher?

Ja, kameradschaftlicher. Die Besatzung bestand aus 51 Mann mit Kommandant. Das war mehr oder weniger wie eine Familie. Da war jeder auf den anderen angewiesen und abhängig vom anderen. Hätte einer einen Fehler gemacht, dann wäre die ganze Mannschaft abgesoffen.

Es war sehr wichtig, einander zu vertrauen, weil Sie so aufeinander angewiesen waren?

Ja. Wir sind dann auf die ‚Wilhelm Gustloff‘ gekommen, das war eines der „Kraft-durch-Freude-Schiffe“. Es gab ja noch eines, das hat glaube ich ‚Robert Ley‘ geheißen. Bis zum Krieg sind die Fabrikarbeiter von der Regierung für 2 Wochen auf die „Kraft-durch-Freude-Schiffe“ geschickt worden. Die ‚Wilhelm Gustloff’ lag dann während dem Krieg in Gotenhafen**. Sie hat als U-Boot-Schule gedient, da sind wir ausgebildet worden.

Das heißt, die ‚Wilhelm Gustloff’ war damals in den letzten Kriegsmonaten …

… als Flüchtlingsschiff. Am 30. Januar 1945 abgesoffen.

Sie wurde torpediert. Aber als Sie auf ihr Dienst gemacht haben, war sie ein Ausbildungsschiff?  Wie lange sind Sie dort geblieben?

Ich kam am 19.04.1944 auf das U-Boot 708. Ich war nie auf dem Atlantik, ich war immer auf der Ostsee. Mein Bruder dagegen, der hat sich dann auch zur Marine gemeldet und war dann in der Nordsee im Einsatz. Ich war glücklicherweise, darf ich heute sagen, nie groß im Einsatz gewesen. Ich war hauptsächlich in der Ausbildung von jungen Unteroffizieren oder Hauptoffizieren, die andere U-Boote fahren mussten. Wir sind wohl auf dem U-Boot stationiert gewesen und es ist auch immer wieder Richtung Russland gefahren, aber wir hatten den Befehl, nicht zu schießen. Wir  durften kein Schiff angreifen und versenken.

Sie waren also nicht in direkte Kampfhandlungen verwickelt.

Wir waren vorsichtig unterwegs. Sollten wir angegriffen werden, dann mussten wir natürlich sofort …

Wo haben Sie haben dann das Kriegsende erlebt?

In Gotenhafen.

Kamen Sie dann in russische Kriegsgefangenschaft?

Ich kam in englische Kriegsgefangenschaft.

Wie kam das?

Unser Kommandant hatte seine junge Frau mit nach Ostpreußen gebracht, dahin, wo er und wir alle mit dem U-Boot stationiert waren. Wir sind ja jeden Tag rausgefahren, hauptsächlich auch nachts zur Ausbildung der Offiziere. Der Kommandant hat seine Frau mitgebracht, die hatte eine kleine Wohnung in Königsberg. Es gab da einen alten Bananendampfer, der hat ‚Ubena’ geheißen. Auf diesem Schiff wurden in den letzten Kriegstagen lauter Frauen und Kinder aufgenommen. Er hatte seine Frau auch da untergebracht. Als sie dann ausgelaufen ist, um die flüchtenden Menschen wegzubringen, mußten wir mit dem U-Boot  zum Begleitschutz fahren. Zwei U-Boote vorne dran, zwei U-Boote hintendran. Bevor das Schiff ausgelaufen ist, sollten wir Torpedos übernehmen und Waffen, wir hatten ja keine mehr, hatten wir überhaupt fast nie gehabt. Zum Auslaufen und zum Schutz dieser ‚Ubena’ sollten wir Torpedos mitnehmen, haben aber keine gekriegt, überall Absagen. Und dann sind wir zum Schein hinten nachgefahren, zur Abschreckung.

Aber ohne Torpedos. Und das hat niemand gewusst?

Ob es der Feind gewusst hat, weiß ich nicht.

Aber für die Frauen und Kinder war das wahrscheinlich beruhigend?

Am 27. Januar ist die ‚Ubena’, auf der die Frauen und Flüchtlinge waren, dann ausgelaufen aus Pilau, Richtung Westen, Richtung Kiel. Und mitten in der Nacht haben wir auf unserem U-Boot von der ‚Ubena’ einen Funkspruch gekriegt für unser U-Boot, mit dem wir hinterhergefahren sind. Dieser Funkspruch lautete: „Leitender Kommandant an Kommandant U 708, herzlichen Glückwunsch, Mutter und Tochter gesund“. Da hat die Frau von unserem U-Boot-Kommandanten eine Geburt gehabt.

Im U-Boot hat er die Nachricht bekommen?

Ja. Frauen durften ja nicht auf U-Boote.

Sie war auf dem Flüchtlingsschiff und hat rüberfunken lassen.

Ja. Das Kind hat später den Namen ‚Ubena’ gekriegt.

Dann haben wir das Schiff begleitet bis nach Kiel und sind auch glücklich dort angekommen. Drei Tage später, auf derselben Route, ist ja die ‚Wilhelm Gustloff’ torpediert worden und abgesoffen. Wären wir etwas später dran gewesen, dann wäre es uns vielleicht auch so gegangen.
Dazu muß ich noch was von meinem Bruder berichten: In Hänner oben gab es eine Lehrerin, die hat er geheiratet. Als Flüchtling kam sie dann auf die ‚Wilhelm Gustloff’,  zusammen mit ihrer Schwester. Auf der Fahrt wurden sie angegriffen und torpediert. Sie selbst ist gerettet worden und die Schwester ist ertrunken.
Danach sind wir nach Kiel gekommen und haben ein anderes U-Boot gekriegt, von 708 auf 733. Dann ist der 7. Mai gekommen, Kriegsende. Da ist der Funkspruch gekommen: ‚Alle U-Boote, die noch einsatzbereit sind, müssen selbst versenkt werden.‘ Da haben wir unser U-Boot versenkt. Vom 10.02.1945  bis zur Selbstversenkung am  05.05.1945 in der Sonderburger Bucht war ich auf dem U-Boot 733.

Wenn Sie das jetzt so schildern, dann klingt das nach einer spannenden Erzählung. Aber damals, da war ja …

… das war ein schlimmer Tag für uns. Wir haben geweint, ehrlich gesagt. Am Nachmittag mussten wir übersteigen auf ein Schlauchboot, zwei oder drei Mann mussten auf dem U-Boot bleiben, die mussten ja nachher die Luftventile öffnen. Und der Kommandant auch noch, der war der Letzte, der dann ausgestiegen ist. Es gab einen Kommandantenwimpel, oben auf der Brücke, wenn er da war. Den Wimpel hat er noch mitgenommen als Andenken. Wir sind umgestiegen und nach Kiel gekommen. Da kamen wir in englische Gefangenschaft. Nachher wurden alle nach nördlich des Kaiser-Wilhelm-Kanals transportiert. Der wurde von den Engländern sehr stark bewacht. Nördlich davon bis zur dänischen Grenze war ein riesengroßes Gefangenenlager. Untergebracht waren wir aber nicht in Zelten, sondern bei Bauern im Heustock und im Strohlager. Die Bauern nördlich vom Kaiser-Wilhelm-Kanal, die waren alle überbelegt mit Kriegsgefangenen. Die mussten dann auch bei der Arbeit mithelfen. Die haben dort oben viel Kohl angepflanzt. Da mussten wir helfen.

Wenn Sie jetzt so erzählen von der ‚Wilhelm Gustloff’, von diesen überfüllten und schreckenerregenden Flüchtlingstransporten, von diesem Aufenthalt im Lager … jetzt gibt es ja wieder ähnliche Bilder. Werden damit bei Ihnen wieder alte Erinnerungen angeklickt? Wenn Sie jetzt hören, wie viele Millionen Menschen auf der Flucht sind und jetzt hier nach Deutschland wollen?

Es ist nach meiner Meinung nicht vergleichbar. Die, die damals geflüchtet sind, waren Frauen und Kinder. Auf den großen Trecks, die durch Ostpreußen gekommen sind, hatten die Leute ja keine Fahrzeuge, außer ein Pferd oder einen Ochsen, einen Holzleiterwagen usw. Sie hatten nicht mehr als ein paar Sachen auf dem Leiterwagen. Immer wieder sind welche gestorben auf der Flucht, im Eis.  Die, die jetzt kommen, das sind ja meistens junge Leute. Damals, das waren  neben den Frauen und Kindern alte Leute. Die jungen waren ja im Krieg. Das waren meist alte, kranke Leute, die auf der Flucht waren und dann auf der Flucht gestorben sind. Die Jungen, die heute herkommen, mit Frau und Kindern, die kommen ja, weil ihr Haus zerbombt ist oder weil sie gefoltert wurden.

Sie waren in Dänemark im offenen Lager. Wie sind Sie dann wieder nach Hänner zurückgekommen?

Die Engländer waren nobel zu uns Gefangenen. Wir konnten uns wirklich nicht beklagen. Wir konnten dort abends ausgehen, wie wir wollten. Wir konnten abends auf den Tanz gehen mit den Bauernmädchen. Essen haben wir von den Bauern gekriegt. Die hatten genug zu essen, wir mussten keinen Hunger leiden. Wir konnten uns über die englische Gefangenschaft gar nicht beklagen. Dann ist es den Engländern wahrscheinlich auch zu dumm geworden, so viele da einsperren und verpflegen und alles. Da hieß es dann, wir werden bald entlassen. Da haben wir uns gefreut und eines Tages hat es dann geheißen, morgen werdet ihr entlassen. Heute noch müsst ihr die Uniformen abgeben. Wir hatten ja alle noch die Uniform an, wir hatten ja keine Gefangenenkleider. Dann haben wir das alles abgegeben, haben an dem Tag der Entlassung noch ein Reisegeld gekriegt. Dazu eine Fahrkarte für die Bahn. Zunächst sind wir natürlich gefragt worden, wo wir hin wollten, wo unsere Heimat ist.

Es war Lagergespräch: Die Engländer sind die Besten, die Amerikaner sind auch noch gut, aber geht ja nicht zu den Franzosen als Gefangene. Dann hat man sich also mit den Kameraden beraten und hat gesagt „Du wohnst ja im Württembergischen draußen, Besatzungszone der Amerikaner. Kannst Du mich dorthin zu Dir entlassen lassen, dass ich nicht in die französische Zone gehen muss. Zunächst mal vorübergehend, um auszuspionieren, wie es tatsächlich aussieht.“ Ich habe einen gehabt aus Schwenningen/Rottweil. Ich habe mich also von den Engländern nach Schwenningen/Rottweil entlassen lassen und nicht nach Hänner. So schlau waren wir. Wir sind fast acht Tage unterwegs gewesen von Kiel bis nach Rottweil mit Zug, mit Waggons, mit Fußmarsch, mit allem Möglichen, einfach damit wir vorwärts gekommen sind. Wir haben ja auch was zu essen gebraucht und da haben wir uns unterwegs immer ans Rote Kreuz gewandt. Die Rot-Kreuz-Schwestern - in den größeren Städten war ja immer ein Rot-Kreuz-Lager, wo man sich hinwenden konnte, wo man auch schlafen konnte – die haben selber gesagt, geht ja nicht in die französischen Zonen und in die Lager, die die jetzt haben. Die fassen euch sofort und schaffen euch nach Frankreich rüber. So war es tatsächlich auch. So ist es meinem Bruder gegangen. Der ist in französische Gefangenschaft gekommen und hat drüben in den Lagern Gras essen müssen und Würmer, die sie ausgegraben haben usw. aus dem Erdboden, damit sie was zu essen gehabt haben. Und wir haben das alles nicht gehabt. Wir haben uns ganz langsam vorgetastet und haben versucht, halt doch heim zu kommen. Das war unser sehnlichster Wunsch. Ich bin dann auch irgendwann glücklich daheim gelandet.

Wann sind Sie in Hänner angekommen?

Das war am 10. August 1945.

Sie waren also zuerst im Württembergischen. Haben Sie sich dann zu Fuß durchgeschlagen nach Hänner?

Manchmal zu Fuß und dann wieder ein Stück weit mit der Bahn. Ganz zum Schluss bin ich in Laufenburg gelandet, da hat es geheißen, ihr dürft jetzt heim, aber ihr müsst trotzdem vorsichtig sein. In Laufenburg habe ich mich zunächst erkundigt, wo die Franzosen stationiert sind. Ich hatte Verwandte in Laufenburg, Schlageter haben die geheißen, und zu denen bin ich zunächst hingegangen. Die haben mir ein Mittagessen gegeben und haben dann gesagt, vorsichtig, oben beim jetzigen Waldfriedhof in Laufenburg, da ist eine Kontrollstelle, da sind Franzosen. Die haben da ein Häuschen, wo sie Kontrollen machen. Jeder, der rauf und runter geht, muss sich ausweisen. Dann waren die so freundlich und sind mit mir sogar bis zu dem Franzosen-Häuschen gegangen und haben mit den Posten gesprochen, dass ich durchgelassen wurde. Ich bin tatsächlich durchgekommen, aber den Freilassungsschein habe ich nicht gezeigt. Aber später musste man sich ja melden in Laufenburg im Schulhaus, da war die Kommandantur, da musste man sich melden und einen Stempel holen.

Wie war das, als Sie Hänner wieder gesehen haben?

Ich hatte natürlich eine riesengroße Freude. Und in meinem Buch habe ich als letzten Eintrag:

„Freitag, 10. August, 7 Uhr mit Zug von Emmendingen weggefahren bis Laufenburg. 12 Uhr angekommen in Laufenburg. Bei Schlageters gegessen. 17 Uhr nach Hänner gelaufen. 18 Uhr in Hänner zuhause angekommen. Nun bin ich Zivilist und glücklich.“

Wer war da in Hänner im Elternhaus?

Da waren die Tante und mein Vater. Der hatte in der Zwischenzeit, wo wir im Krieg waren, wieder geheiratet.

Haben Sie das gewusst gehabt?

Das habe ich am Anfang nicht gewusst. Das hat er alles heimlich gemacht. Als ich das erfahren habe, war ich zuerst sehr gekränkt. Damit konnte ich mich nicht abfinden. Ich weiß nicht warum, obwohl ich die Frau nicht gekannt hatte. Die war früher scheinbar in Hänner in der Tanne Magd und da hat er sie kennengelernt als Witwer und hat sie dann später geheiratet.

Aber die war nicht im Haus, als Sie nach Hause gekommen sind?

Doch, die war dann da. Sie hat uns gut aufgenommen, hat uns gut gepflegt. Wir waren sehr freundlich mit ihr und waren zufrieden.

Aber zuerst war das wahrscheinlich doch ein Schock, dass da plötzlich eine fremde Frau vor Ihnen stand, von der Sie nichts gewusst haben?

Ja.

Als Sie nach Hause gekommen sind waren Sie Zivilist, der Krieg war zu Ende, Sie hatten überlebt. Was haben Sie dann gemacht?

Ich habe natürlich versucht, Arbeit zu kriegen. Mein Vater hatte wohl noch Landwirtschaft, zwischenzeitlich ist er auch noch in die Fabrik gegangen, in die ‚Seiba’. Man versuchte natürlich, selbst Geld zu verdienen. Von daheim hat man nichts gekriegt, vom Vater nicht und von der Stiefmutter auch nicht. Die mussten für sich selber sorgen. Dann ist ja glücklicherweise mein Bruder auch noch entlassen worden, im Oktober, aus französischer Gefangenschaft ist er gekommen. Der musste auch verpflegt werden und der hat auch Arbeit gesucht. Der hat bald Arbeit gekriegt beim Meierling in Laufenburg. Dort hatte er gelernt und dort hat er auch wieder Arbeit gekriegt. Ich hatte im Moment keine Arbeit, hab zuhause mitgeholfen auf der Landwirtschaft. Bis … mein Vater ist dann von den Franzosen als Bürgermeister eingesetzt worden. Und dadurch hatte er etwas Verbindung mit den Franzosen. Die hatten ja im Schlössle in Säckingen die Kommandantur. Und durch den Vater und die Franzosen habe ich bei der Stadt Säckingen Arbeit gekriegt als Hilfspolizist. Das hat mir natürlich nicht gefallen.

Was hat man da machen müssen?

Da musste man nachts Streife gehen mit noch einem Kollegen zusammen. Wir mussten in die Gaststätten gehen und dort die Zimmer kontrollieren, nachsehen, wer da übernachtet. Ob da einer mit einer Frau übernachtet. Das war damals noch verboten. Wir mussten melden, wenn wir die erwischt haben. Wenn dann einer nachts durchs Fenster geflüchtet ist, haben wir auch mal ein Auge zugedrückt. Sonst hätte er ja Ärger gekriegt beim Landratsamt. Fast ein Jahr lang war ich bei der Stadt Säckingen als Hilfspolizist und dann habe ich beim Landratsamt Arbeit gekriegt.

Noch eine Frage zu der ersten Zeit. Sie haben gesagt, Geld hat es zuerst keins gegeben. Sie mussten über die Runden kommen. Haben Sie Hunger miterlebt oder war immer genügend zu essen da?

Hunger hatten wir an und für sich keinen. Wir haben in Hänner angepflanzt, was man zum Leben braucht, Kartoffeln, Kraut, Bohnen. Alles, was man so braucht zum Essen. Milch haben wir auch gehabt, wir hatten ja noch Kühe. Und Fleisch haben wir auch gehabt, es wurden ja jedes Jahr ein oder zwei Säue geschlachtet. Also Hunger haben wir keinen gehabt.

Aber sonst konnte man halt keine Sprünge machen, weil kein Geld da war …

In Säckingen beim Landratsamt habe ich dann Arbeit gehabt, auch zuerst bei der Polizei. Ich bin mit dem Fahrrad von Hänner jeden Tag nach Säckingen gefahren und abends wieder hoch. Das war das Fahrrad vom Vater mit Vollgummireifen und mit einer Karbidlampe vorne.

Und ohne Gangschaltung …

Ja. So Zeug hat man halt zusammengeflickt, damit man mindestens etwas hatte. Dann ist man nach Säckingen gefahren am Anfang und abends wieder zurück bis nach Murg. Von Murg aus haben wir versucht, das Postauto zu kriegen. Die Postautos hatten ja hinten so eine Leiter zum draufsteigen, weil oben auf dem Dach Pakete verstaut wurden. Da hat man versucht, sich mit dem Fahrrad dranzuhängen.

Das kenne ich auch noch, sich schleppen zu lassen.

Mit der Zeit ist es natürlich schon etwas besser geworden. Man ist dann mit dem Zug von Murg weg bis nach Säckingen gefahren und abends wieder zurück. Und dann noch etwas später auch mit dem Postauto. Wenn man ein bisschen mehr verdient hat, hat man auch versucht, selber was anzuschaffen. Dann hat man als Erstes ein kleines Moped gekauft.

 

Was war das erste Moped, das Sie hatten?

Ein Rixi, glaube ich. Mit der Zeit hat man dann ein größeres gekauft, als man mehr verdient hat. Bei der Stadt Säckingen hat man nicht viel verdient, ein paar Mark. Beim Landratsamt am Anfang natürlich auch nicht viel. So hat man sich halt durchgeschlagen. Irgendwann konnte ich mir eine BMW leisten, eine 250er. Und noch später sogar ein Auto, einen VW.

Wann war das, als Sie Ihren VW gekauft haben?

Das war Mitte der 50er Jahre. Da war ich schon verheiratet.

Da waren Sie aber schon früh dran mit einem Auto. Damals gab es noch nicht viele Autos hier, oder?

Nein, da gab es noch nicht viele.
Nach dem Krieg, als wir am Anfang noch zuhause wohnten, da hat man als junger Bursche versucht, wieder Anschluss zu finden an Gleichaltrige. Wenn wieder einer aus der Gefangenschaft zurückgekommen ist, hat man ihn herzlich begrüßt mit einer Flasche Wein oder einer Flasche Cognac. Dann hat man mit denen ein Trinkgelage gemacht. Mit der Zeit hat man sich kennengelernt und dann haben wir halt auch Mädchen gesucht. Dann haben wir in Hänner oben auf dem Bühl, wo die Schlageters jetzt wohnen, uns abends immer getroffen.

Party gemacht?

Die Mädchen haben mit dem Spinnrad Wolle gesponnen oder gestrickt oder gehäkelt. Wir Buben haben halt ein bisschen Witze gemacht. Wenn eine Hochzeit war mussten wir Tannreisig holen. Dann haben die Mädchen einen Kranz gebunden. So ist ein bisschen Geselligkeit ins Leben gekommen, bis man selbst ein festes Mädchen gefunden hat. Dann hat man versucht zu heiraten. So habe ich dann 1949 geheiratet.

Aber damals hatten Sie noch kein Auto.

Nein.

Für diese Art von Geselligkeit gab es doch einen bestimmten Ausdruck. Hieß das nicht „zum Licht gehen“?

Ja. Und „z’Licht“ bin ich halt nach Niederhof gegangen. In dem Haus war auch Landwirtschaft, ein Mann und eine Frau. Und die hatten zwei Töchter. Eine davon war 1922 geboren, die andere 1924. Die 1922 geborene hat sich dann irgendwann verheiratet, da war nichts mehr zu machen. Die 1924 geborene wurde dann meine Frau. An dem Haus musste ich anfangs auch jeden Morgen mit dem Fahrrad vorbei und abends wieder zurück. Mit der Zeit hat man dann das Mädchen kennengelernt, die war viel im Garten und ums Haus herum. Da gab es dann irgendwann auch mal einen süßen Blick. Mit der Zeit ist halt mehr daraus geworden und dann hat man geheiratet.

Sie waren im Landratsamt, haben sich weitergebildet … Und dann ?

Und dann in der Zwischenzeit geheiratet, zwei Kinder bekommen, zwei Mädchen. Die Kinder waren da, Familie war da. Auto hat man schon gehabt. Hier in Niederhof hat der Bürgermeister Gerteis, da war er 60 oder 65 Jahre alt, krankheitshalber gesagt: „Ich mache nicht mehr weiter, ich gebe den Bürgermeister-Posten auf, es kann sich bewerben, wer will.“ Und dann sind Leute vom Ort an mich herangetreten und haben gesagt „Du könntest es doch machen, Du hast doch die Ausbildung dafür, Du könntest Dich doch bewerben.“ Wir haben es uns dann reiflich überlegt, mit der Familie gesprochen und mit den Schwiegereltern. Die waren damals auch noch da. Dann habe ich mich gemeldet, das war 1961 im Januar. Ausser mir gab es noch zwei aus dem Dorf, die sich auch beworben haben. Einer war hauptberuflicher Landwirt, ein eingesessener Niederhöfer, der andere war auch Landwirt in Niederhof, war aber von Oberwihl und hat hierher geheiratet. Er war schon etliche Jahre hier im Dorf verheiratet.

Dann bin ich mit großer Mehrheit vor den zwei einheimischen Kandidaten gewählt  worden. Für acht Jahre, bis 1969. Danach wurde ich wiedergewählt, für zwölf Jahre. 1974 ist die Gemeindereform gekommen. Niederhof war nicht begeistert von der Zusammenlegung. Wir hatten in der Nachkriegszeit in Niederhof alles geschaffen, was wir brauchten. Bauplätze, Friedhof, Friedhofskapelle, Schule, Sporthalle, Kindergarten … Sämtliche Straßen geteert. Als ich anno 1961 Bürgermeister geworden bin, hatten wir überhaupt noch keine geteerten Straßen im ganzen Dorf. Nur die Landstraße.

Wann ist denn die Landstraße geteert worden?

Das weiß ich nicht. Ausgebaut worden mit Straßenbeleuchtung und Gehweg ist sie dann erst in den 70er Jahren.

Sie haben ja viele und große Veränderungen im Dorf mitgekriegt. Wie war es denn in den 50er und 60er Jahren mit all diesen rasanten Veränderungen?

Man hat sich halt riesig gefreut, wenn wieder ein bisschen Geld da war und wieder etwas gemacht werden konnte. Ich hatte ein sehr gutes Verhältnis mit dem Gemeinderat. Nachher auch mit meinen Kollegen, die nicht Bürgermeister geworden sind. Die haben sich auch gefreut und gesehen, dass es vorwärts geht. Ich hatte ein gutes Verhältnis mit dem Landratsamt, war ja 29 Jahre lang Kreisrat, früher beim selbständigen Kreis Säckingen, dann beim Kreis Waldshut. Ausserdem war ich Verwaltungsrat bei der Sparkasse. Da hat man viel kennengelernt. Eine Sache ist mir zu Gute gekommen: Ein paar Mal, auch als ich mich zur Wiederwahl als Bürgermeister beworben habe, wurde versucht, mich doch zum Eintritt in eine Partei zu bewegen. Ich habe immer nein gesagt. Mit einer Partei wollte ich nichts zu tun haben. Ich gehe in keine Partei, weder in die CDU noch in die FDP oder sonst was. Ich bleibe neutral. Ich bin Bürgermeister für alle, ich will keinen bevorzugen und keinen benachteiligen und ich habe mir das geschworen und habe es auch durchgehalten. Ich habe auch  gesagt, ich gehe nicht aktiv in einen Verein im Dorf. Als Passiv-Mitglied ja, aber nicht als Aktiv-Mitglied.

Weil man dann schon wieder vereinnahmt wird?

Ja. Und ich denke, das war wirklich gut für die Gemeinde und auch für mich.

Sie sind jetzt 91 Jahre alt. Sie haben ein langes, reiches, nicht immer leichtes Leben geführt. Sie haben Schicksalsschläge erfahren. Und Sie haben immer weitergemacht. Wenn Sie jetzt auf dieses Leben zurückschauen, es ist ja noch nicht vorbei, was würden Sie in Kurzfassung dazu sagen?

Was soll man dazu sagen? Für jedermann da sein als Bürgermeister, nicht nur an Werktagen in den Stunden, die man sonst da sein müsste, sondern auch abends, nachts, auch am Sonntag, wenn einer ein Anliegen hat. Die Bürger haben gesehen, man ist interessiert an ihren Anliegen und dafür waren sie auch dankbar.

Ich verstehe das jetzt so, dass ihr Lebensreichtum, das, was Sie mit Stolz erfüllt hat, was Ihnen Erfüllung war, und auf was Sie mit Freude zurückschauen, vor allem der Dienst an den Bürgern und an der Gemeinde, an den Menschen, war. Kann man das so sagen?

Ja, kann man schon sagen. Ich habe mich besonders gefreut über die berufliche Laufbahn, beim Landratsamt auch und danach auch als Bürgermeister in der Gemeinde hier. Ich habe mich gefreut über die Familie, dass alle gesund waren, dass man gut miteinander ausgekommen ist, auch mit den Schwiegereltern, die beide 1974 innerhalb von vier Wochen verstorben sind. Dann war noch eine Landwirtschaft da, die musste ich neben dem Dienst im Rathaus bestellen, mit meiner Frau zusammen.

Sie sehen also, ich war immer voll beschäftigt.

Sie haben also viel angepackt, viel geleistet und vieles hinbekommen, aber auch viel Anerkennung bekommen und große Befriedigung daraus gezogen.

Und nie bin ich im Urlaub gewesen. Mein Leben lang nicht. Ein einziges Mal nur, da haben mir meine beiden Töchtern acht Tage Urlaub in Südtirol geschenkt. Das war mein ganzer Urlaub während 90 Jahren. Einmal noch einen Zwei-Tages-Ausflug nach Rom. Mit dem Flugzeug bin ich ein Mal geflogen, mit meiner Frau zusammen nach Brüssel, vom Kreisrat in Waldshut aus. Meine Frau hat vorher tagelang, wenn nicht wochenlang geheult. Sie sagte: „Ich flieg nicht, ich geh in kein Flugzeug rein. Ich will nicht sterben. Ich bleibe daheim, ich gehe nicht mit.“ Aber mit den Kindern zusammen habe ich sie dann doch soweit gebracht, dass sie dann mitgegangen ist. Als wir daheim waren, wissen Sie, was sie da gesagt hat: „Das war meine schönste Reise, die ich je gemacht habe.“ Sie hat sich so gefreut über das Flugzeug. Das war so ruhig und still, das war alles so herrlich, hat sie dann gesagt.

Reut es Sie nicht, dass Sie nicht mehr Ferien gemacht haben?

Es gab einfach keine Möglichkeit. Da war die Landwirtschaft da und der Posten als Bürgermeister.

Für mich klingt es so, dass Sie dem zustimmen, dass es in Ordnung war.

Ja, das war in Ordnung für die damalige Zeit. Man hat gesehen, die Arbeit ist da. Meine Frau war auch so eingestellt. Sie wollte nie fortgehen. Meine Frau war am liebsten zuhause. Da war ihr wohl, da war sie glücklich, wenn sie bei der Familie daheim sein konnte, 5 Enkelkinder und 6 Urenkel usw. Mit meiner Frau habe ich die goldene, die diamantene und die eiserne Hochzeit gefeiert. Sie ist ja jetzt erst gestorben im Juni dieses Jahres. Sie war ein Mensch, der nur für die Familie da war. Es ist einem halt nichts anderes übrig geblieben und man war zufrieden und glücklich.

Man hat sich gefreut, wenn man wieder ein bisschen mehr verdient hat. Man konnte wieder etwas anschaffen. Eines muss ich zum Schluss noch sagen: Also ich kann manchmal die Jugend heute nicht verstehen. Wenn man sie vergleicht mit unserer Jugend, das ist ja wie Tag und Nacht. Ich kann nicht verstehen, dass man immer so unzufrieden ist. Dass man über alles schimpfen muss. Und die Leute haben doch Arbeit, die haben Geld, die haben Freizeit. Was wollen sie denn noch mehr?

Sie meinen, dass man mehr wertschätzen sollte, was man hat?  


Ja. Und dass man immer auf die Leute losgeht, die für einen da sind. Das hat es früher nicht gegeben. Da waren der Pfarrer, der Schulleiter, der Lehrer und der Bürgermeister Respektspersonen in einem Dorf. Die hat man geachtet, auch als Jugendlicher.

Ja, das war damals eine ganz andere Welt …

Vielleicht können wir damit auch zu einem Schluss kommen. Mit dieser Wertschätzung für das, wie sich die Dinge entwickelt haben und wie Sie selbst dabei mitwirken konnten. Auch mit ihrem Wunsch, dass die nachfolgende Generation, die so im Überfluss lebt, diese Wertschätzung auch empfinden würde.

Auf jeden Fall danken wir Ihnen, dass Sie sich für dieses Gespräch Zeit genommen haben und ihr Leben mit uns geteilt haben.
Wir wünschen Ihnen viel Gutes für die noch vor Ihnen liegenden Jahre.


­* deutscher Name der Halbinsel Hela in der Danziger Bucht

*Die Stadt Gdingen, heute Gdynia, in der Nähe von Danzig, wurde im Krieg in Gotenhafen umbenannt.