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M. M., * 1935. Stammt aus Hänner. Heute wohnhaft in Hänner und H. D., * 1937 Stammt aus Hänner. Heute wohnhaft in Hänner.

Wenn Sie an Ihre Kindheit denken, was kommt Ihnen da als Erstes in Erinnerung?

M. M.:

An meine ganz frühe Kindheit kann ich mich eigentlich nicht erinnern. Als der Krieg ausbrach, war ich ja erst 4 Jahre alt. Das haben wir hier als Kinder gar nicht so bewusst mitbekommen. Ich weiß nur, irgendwann musste der Vater in den Krieg und war dann einfach weg. Ich kann mich aber gut daran erinnern, dass wir einen Polen, den Romanwald Sch..zugewiesen bekommen haben. Der hatte einen Sohn in Polen, der war etwa so alt wie ich. Er hat in mir so was wie einen Ersatzsohn gesehen und sich viel um mich gekümmert. Weil er aber Schlossermeister war, wurde er dann wieder von uns abgezogen und musste nach Waldshut in die Lonza.

Wenn der Vater auf Urlaub nach Hause gekommen ist, hat er ihn auch mal dort besucht und hat ihm ein bisschen was zu essen mitgenommen. Nach dem Krieg, der Vater ist 1947 heim gekommen ... Die Mutter ist mit dem Fahrrad mit mir nach Murg runter an die Bahn. Da haben wir den Vater heim geholt..Wir haben lange für den Heimweg gebraucht. Ich glaube drei oder vier Stunden von Murg bis hier hoch.

War der Vater so geschwächt?

M. M.:

Ja, er war im Vergeltungslager drüben im Elsass in Frankreich. Das war zuvor ein Konzentrationslager auch für Juden. Im Winter mussten sie ohne Schuhe in den Wald, Holz machen. Mit den Gewehrkolben haben sie auf sie eingeschlagen. Sie mussten auf dem Boden schlafen. Wenn sie morgens aufstehen wollten, waren die Mäntel vereist und am Boden angefroren.

Sowas können wir uns heute gar nicht mehr vorstellen …

M. M.:

Und dann haben sie als Bewacher Schwarze bekommen, ich glaube Marokkaner. Da sagten die Franzosen: „So, jetzt kriegt ihr Schwarze. Jetzt wird es euch noch schlechter gehen.“ Zu essen haben sie ja sowieso nichts bekommen. „Gras habe ich auch gegessen und was ich so erwischt habe“, hat er gesagt und dann noch: „ich habe das nicht gemacht wie andere, dass ich den eigenen Urin getrunken habe. Die, die das gemacht haben, sind alle krepiert.“

Wie sind ihre ersten Erinnerungen, Herr D.?

H. D.:

Meine ersten Erinnerungen haben auch mit dem Krieg zu tun. Ich bin ja fast drei Jahre jünger als M. M. Der M. ist Anfang Februar 1935 geboren und ich Ende Oktober 1937. Meine erste Erinnerung ist eigentlich… ich war mit meinem Vater beim Gras mähen, da wo der Garten jetzt ist.. Da war ich ungefähr sechs Jahre alt. Da kam ein Gendarm und der Vater sagte: ‚Jetzt müssen wir aufhören‘. Mein Vater wurde wieder einberufen. Er war bereits 1939 schon zum so genannten Frankreichfeldzug eingezogen worden. 1941 oder 1942 haben sie ihn wieder heim geschickt. Und zum sogenannten „Volkssturm“ ist er dann wieder abgeholt worden. Das habe ich mitbekommen.

Wie alt war ihr Vater damals?

H. D.:

Er war Jahrgang 1898.

Das heißt, er war damals, als er zum Volkssturm eingezogen wurde, etwa 46 - 47 Jahre alt.

H. D.:

Ja. Er war ja schon beim Ersten Weltkrieg dabei und ist als Unteroffizier damals in Gefangenschaft gekommen. Er war dann die zwei Jahre ab 1939 Kompanie-feldwebel und ist wieder zur Wehrmacht eingezogen worden. Das habe ich alles nicht mitbekommen. Auf alle Fälle haben wir Kinder dann, als der Vater weg war, der Mutter und der Großmutter in der Landwirtschaft mithelfen müssen, so gut es gegangen ist. M. hat gerade von dem Polen gesprochen, den sie hatten. Also wir hatten keinen. Aber der X. hatte einen, der hieß Kasimir, und wenn geheut wurde, musste der auch bei uns schaffen. Eine Erinnerung habe ich daran. Ich musste mal zum X. runter und fragen: „Hätt dä Kasimir Zitt?“ Da war der Kasimir im Hausgang und hat gegessen. Die anderen waren in der Küche. Als ich heim gekommen bin, habe ich gefragt, warum der Kasimir nicht mit den anderen am Tisch essen darf. Da hat meine Mutter mir versucht zu erklären, dass er das von der Partei aus nicht darf. Das hat mich damals beschäftigt, warum der nicht mit den anderen am Tisch sitzen durfte. Als er bei uns geholfen hat, ist der Kasimir bei uns am Tisch gesessen wie ein zugehöriger Mann. Das sind die Kriegserinnerungen.

Doch, eine ganz gravierende Kriegserinnerung gibt es noch, anno 1944, da war ich schon eingeschult, als die Seiba beschossen worden ist.

Die obere oder die untere Fabrik?

H. D.:

Die obere. Meine Großmutter hat damals noch gelebt und da hörten wir die Flieger kommen. Da hat die Oma gesagt, dass sie auch mal einen sehen möchte. Ich bin mit ihr rausgelaufen. Am Elternhaus gab es einen Graben, da spritzte (von den Schüssen) das Wasser raus. Dann hab ich gesagt: „Oma, komm, wir müssen gehen.“ Und die Oma sagte: „Ich hab keinen gesehen.“ Dann sind wir ab rein und der ganze Spuk hat wieder aufgehört. Die Seiba war nicht bombardiert, sondern mit Bordwaffen beschossen worden. Dem W.D habe ich das erzählt und wir suchten dann zusammen Patronenhülsen im Garten, haben auch welche gefunden. Das war 1944. 1945 im Frühjahr sind sie nochmal gekommen, da war es viel schlimmer. Wir waren in der Küche. Sie haben bei uns aufs Dach geschossen und auch das Blech getroffen. Das war ein Riesenkrach. Meine Mutter hat mich gepackt und wir haben uns unter eine Treppe geflüchtet. Sie sagte: „Jetzt müssen wir sterben.“ Als alles wieder vorbei war, war ein Teil unserer Ziegel kaputt. Der Blechmantel war verschossen. Den haben wir erst viel später erneuert. Bei der Fabrik gab es keine Verwundeten, bloß die F M. Sie hat geblutet, aber nicht von einem Schuss, sondern von einem Blech, das heruntergefallen ist.

M. M.:

Zu dem Thema weiß ich vom W. F., der zufällig auf Fronturlaub zuhause war, als die Fabrik beschossen wurde. Die Fabrik hat gebrannt und wenn der W. F. nicht gewesen wäre und die L., die sind hingerannt. Wenn die beiden da nicht so reagiert hätten, wäre die ganze Fabrik abgebrannt.

Bei uns oben auf der Straßenseite sind die Einschüsse alle noch drin gewesen, bis wir die Mauer abgerissen haben. Der Opa hat bei dem Angriff an seiner Hobelbank gearbeitet, er war von Beruf Zimmermann. Bei dem ist eine Kugel knapp am Kopf vorbei in den Balken rein. Als Buben haben wir jede Menge Patronenhülsen zusammengesucht und haben Fingerringe davon gemacht.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie Kinder auch in den schlimmsten Situationen Möglichkeiten finden, zu spielen.

M. M.:

Wenn wir von der Schule heim sind und ein Flieger kam … da gab es ein Bort1 und die alten Mostbirnenbäume … da ist man langgelaufen, hinter dem Bort, wenn die Flieger kamen.

Frau D.:

Da hatten sie Studen2 gesteckt bis ganz oben, da sind die Fabrikarbeiter dann hoch. Es gab eine Sirene, die gewarnt hat, und dann sind die ganzen Arbeiter am Bach entlang nach Hause.

H. D.:

Die E. B. war abkommandiert, die war oben auf der Böschung mit einer Handsirene.

Mit einer Handsirene?

H. D.:

Ja, ich durfte die auch einmal mal drehen. Die musste aufpassen, wenn Flugzeuge kamen. Die Schweizer haben nämlich an der Grenze mit Flak gezeigt, wo Deutschland aufhört und ihr Land anfängt. Wenn das sichtbar war, mussten die feindlichen Flieger abdrehen. Ich durfte auch ein paar mal Alarm geben. Als die Fabrik beschossen wurde, da gab es diese Vorsichtsmaßnahme mit der Sirene noch nicht. Und nachher hat sie gar nichts mehr genützt.

Wie war das in der Kindheit? Sie mussten ja früh mithelfen auf dem Acker.

M. M.:

Das ist doch gar keine Frage.

Und dann kam auch noch der Krieg dazu, blieb da überhaupt Zeit, wo man gespielt hat, z. B. Fußball?

M. M.:

So was hat man nicht gekannt. Man war froh, wenn man zuhause war, gelernt hat und dann ging‘s raus aufs Feld und helfen.

H. D.:

Das war bei uns genauso. Der Vater war fort und zuhause waren nur die Mutter und die Großmutter. Wir hatten zwei Kühe, eine Geiß und eine Sau und 15 Hühner.

Und Hasen?

H. D.:

Ja, Hasen gab es auch.

Das war was völlig anderes, als das, was man heute unter Kindheit versteht …

M. M.:

Ich behaupte, wir hatten eine schönere Kindheit wie die heute. Die wissen ja nicht, was sie alles anstellen sollen und was sie alles machen sollen. Das gab es bei uns nicht.

Es war also nie langweilig?.

M. M.:

Nein Wir hatten immer zwei Stiere. Später, als der Vater wieder zuhause war, hatten wir vier. Da haben wir noch Holz geschleift und Holz geführt. Wir hatten immer einen Max und einen Moritz. Der Max war so ein zahmer Stier, mit dem habe ich gespielt und geschmust. Genauso mit den Kälbern im Stall und mit allem.

Gab es eigentlich in Hänner einen Gemeindefarren?

M. M.:

Ja, selbstverständlich. Unser Nachbar hatte drei Stück.

Und der war dann für die ganze Gemeinde zuständig?

M. M.:

Hänner war ja dazumal eine große Gemeinde. Ich hab nachgeschaut, wieviel Hektar, Oberhof, Niederhof und Murg hatten. Hänner hat dazumal an Fläche mehr gehabt als Niederhof und Murg zusammen.

Waren dann die einzelnen Höfe auch größer in Hänner oder gab es einfach mehr Höfe?

M. M:

Es hat halt in Oberhof und in Niederhof weniger Bauern gegeben.

Jetzt muss ich noch mal auf den Krieg zurückkommen. Wir sind ja schon auch beschossen worden … die Seiba. Aber am stärksten war es in Hauenstein; die Brücke wollten sie und die Papierfabrik in Albbruck. Die haben sie aber nicht gekriegt. Das war einfach zu nah an der Schweiz. Und auch wir in Hänner lagen eben nah an der Grenze.

Bei Kriegsende waren Sie ungefähr 10 Jahre alt, und Sie waren acht? Wie war das denn in der letzten Kriegsphase? Gab es Hunger?

M. M.:

Selbstverständlich. Es gab ja überall die Lebensmittelkarten und die für Bekleidung und für Schuhe. Ich weiß noch gut, wenn man eine Sau hatte, die soundso schwer war, und die Familie hatte soundsoviele Leute, dann ist ihnen soundso viel zugestanden. Den Rest hat eine andere Familie bekommen, die auch Schweine hatte. Die haben dann pro Kopf auch wieder soundso viel bekommen.

Und wenn die dann eine Sau geschlachtet haben, war es umgekehrt?

M. M.:

Nein, Das hatte miteinander nichts zu tun. Es ging einfach darum, wie schwer die Sau war. Und je nachdem musste man was abgeben, und das wurde dann weiter verteilt. Früher hat man ja keine so Säuli gmetzget wie heute. Sie mussten 3 ½ oder 4 Zentner haben, damit etwas da war für Speck. Aber das Fleisch, das man von den anderen bekam, musste man bezahlen.

Wurde auch schwarz geschlachtet?

M. M.:

Jaja. (alle lachen)

Obwohl das lebensgefährlich war. Schwarzschlachten war ja unter Androhung schwerer Strafen, ja sogar der Todesstrafe, verboten.

M. M.:

Ich kann mich an ein Mal erinnern: In der Tanne hinten war eine kleine Metzgerei. Da haben sie einen Stier gmetzget. Und dann ist die SS gekommen. Sie hatten eine Versammlung und waren vorne im Saal. Der Stier war schon tot und aufgehängt. Da mussten sie alles verschwinden lassen. Der Stier wurde zerlegt und beiseite geschafft, ohne dass die SS etwas gemerkt hätte.

Ich weiß auch noch gut, wir mussten 10 ar Raps ansäen. Ich musste mit dem Vieh gehen; der Vater war zu der Zeit gerade (auf Fronturlaub) zuhause und hat den Pflug gehabt. Dann sagte er: „Komm, wir nehmen noch zwei Fuhren, aber mehr dürfen wir nicht nehmen. Wir haben schon unsere 10 ar.“

Einer, der war damals Schüler, musste die Felder nachmessen. Das war der W.H., den haben sie dafür drangekriegt. In der Nacht musste der die Felder nachmessen. Den Raps hat man morgens gemäht, wenn es feucht war. Dann hat man die Wagen ausgelegt mit Viehteppichen und Leintüchern. Und da hat man natürlich auch versucht, ein paar Pfund auf die Seite zu schaffen. Man musste soundso viel abgeben. Weil man kontrolliert wurde musste man das, was man zur Seite geschafft hatte, irgendwie verschwinden lassen. Der Vater kannte einen Schlosser, der hat ihm eine kleine Ölpresse gemacht, damit wir ein paar Liter Rapsöl machen konnten. Die hatten wir unter der Strohbandmaschine versteckt. Wir hatten die einzige Strohbandmaschine und haben Bänder zum Garbenbinden gemacht. Die Strohbandmaschine ist zugedeckt worden. Da war ein 1-PS-Motor drunter. Die Mühle kam dran und das Büble, das ich war, wurde darunter geschickt mit dem Raps. Das musste dann immer wieder eine Handvoll reinwerfen. Und es hieß: „Wenn Du einen Pfiff hörst oder so, dann stell sofort den Motor ab. Und du bist ganz ruhig da unten im Stroh ...“

H. D.:

Vom Kriegsgeschehen habe ich dann nicht mehr mitbekommen als das, was ich schon erzählt habe. Als der Krieg vorbei war, sind die Franzosen einmarschiert. Da musste man die weiße Flagge raus tun. Die Kapitulation… Da habe ich weiße Leintücher an Bohnenstecken gehängt und dann haben wir sie beim Fenster rausgehängt und meine Schwester, die war ja zwei Jahre jünger als ich, die ist zu den Nachbarn runter. Die Mutter rief dann: „Edith, du musst kommen, jetzt kommen sie bald.“ Und die Edith stand da unten und hat nur den Kopf geschüttelt. Auf einmal kam eine ganze Kolonne Franzosen mit Jeeps. Meine Mutter hatte eine Riesenangst, dass ihr etwas passiert.

Weil Sie jetzt gerade ihre Schwester erwähnt haben … ich hab vergessen zu fragen, wie viele Kinder Sie jeweils in der Familie waren.

H. D.:

Wir waren bloß zu zweit.

M. M:

Wir waren zu dritt. Ich war der Älteste.

Wie war das eigentlich dann nach dem Krieg? Vorhin haben Sie davon gesprochen, wie unterschiedlich die Zwangsarbeiter behandelt wurden. Es gab ja im Dorf wahrscheinlich Nazis und solche, die damit nichts zu tun haben wollten.

M. M.:

Der X. unten, das war der Obernazi, das war der Ortsbauernführer. Der Y. war auch einer, aber der war human. Der hat den Leuten noch geholfen. Aber der X ...

Hat es dann nach dem Krieg deswegen böses Blut gegeben? Wie ist man wieder zum Alltag übergegangen?

M. M.:

Man ist mehr oder weniger schnell zum Alltag übergegangen. Man musste ja miteinander weiterleben. Ich weiß noch gut, ich meine es war an einem Sonntag, wo es geheißen hat, da hinten im Sand sind sie am Holz machen und der X. ist auch hinten. Da sind wir als Buben hingerannt. Da waren dann mehrere, vielleicht so zehn Mann, die Holz gemacht haben. Das Holz ist nachher in die Schweiz gekommen. Die Schweizer haben hier sehr viel Holz geholt, obwohl sie eigentlich überhaupt nichts hätten kriegen sollen. Die Franzosen haben auch geholt.

Nach dem Krieg ist oben im Hochschwarzwald massenhaft eingeschlagen worden wegen Reparationsleistungen. Wie war das hier?

M. M.:

Weiß ich nicht. Ich weiß nur, während dem Krieg musste man auch Holz abgeben. Langholz für die Wehrmacht. Und dann musste man Papier- und Brennholz machen. Je nachdem, wie viel Wald man hatte soundso viel Ster.

Hatten Sie auch Wald?

H. D.:

Ja, hatten wir auch, aber da ist mir nichts bekannt.

M. M.:

Ich weiß es noch gut, weil ich mal ins Bildstöckle raus laufen musste mit unserem Polen, dem Romwald und da waren sie am Papierholz machen. Da sagte er zu mir: „Schau M., das gibt auch schon wieder ‚Lugholz‘.“ Also er hat Lügenholz gemeint. (Anmerkung: Weil es für die Herstellung von Zeitungspapier verwendet wurde.)

Damals war ja das Holzmachen noch etwas ganz anderes als heute. Sie haben wahrscheinlich mit Axt und Säge …

M. M.:

Ja, was sonst … und dann musste man ja auch noch soundso viel Fuder3 abgeben, das wurde nach Säckingen gefahren und auf die Bahn verladen für die Rösser. Man musste Frucht4 abgeben, das wurde einem vorgeschrieben, soundso viel musste man anbauen und dann musste man soundso viel abgeben, egal wie viel tatsächlich gewachsen ist.

H. D.:

Das war bei uns anders. Wir hatten viel zu wenig, um was abgeben zu müssen.

Sie hatten zwei Kühe und ein Schwein?

H. D.:

Ja.

Sie müssen doch sicher auch geheut haben? Sie haben ja Winterfutter gebraucht.

H. D.:

Ja, wir mussten heuen. Mein Vater hatte in Binzgen im Gaißenbühl ein Grundstück von meinem Großvater her gehabt und da haben wir von Hand geheut. Die Mutter musste Mähder5 zusammensuchen, und dann haben wir da unten geheut. Der K. L. hat das Heu im Gaißenbühl unten mit den Rössern geholt und zu uns nach Hause gebracht.

Zu der Zeit waren schon die Franzosen da. Um acht oder neun Uhr war Sperre. Da hat die Mutter gesagt, wir sind schon drüber, jetzt können wir nicht mehr die Landstraße entlang. Dann sind wir am Bach entlang hochgelaufen, wir zwei, und als wir auf der halben Höhe waren, sind uns zwei Franzosen entgegengekommen, die haben gefischt. Der eine konnte ein wenig Deutsch und der sagte, ‚Sie dürfen nicht mehr draußen sein, es ist Sperre, das kostet soundso viel‘. Da hat sie die Mutter mit heim genommen und ich weiß nicht, was sie zahlen musste, aber ich glaube, es waren 10 oder 20 Mark. Dann hat sie das Geld geholt und die haben noch eine Quittung geschrieben und ich habe gesehen, als sie gegangen sind, hat der eine grad die Quittung zerknüllt. Die haben das Geld in den eigenen Sack gesteckt.

Das Heuen war ja damals etwas völlig anderes als heute. Da hatte man ja nur die Sensen. Wann sind Sie morgens aufgestanden, um zu heuen?

M. M.:

Das weiß ich nicht mehr. Ich war ja noch ein Schulbub. Auf jeden Fall war’s früh am Morgen.

Das war sicher einen schwere Zeit damals nach dem Krieg, mit viel Un-gewissheit.

M. M.:

Ja, Später gab‘s dann Theater wegen den Lehrstellen. Damals hat man ja keine Lehrstellen bekommen. Ich bin mit 16 in die Lehre gekommen, aber nur durch Beziehungen.

Als Schulkind war ich immer krank. Wenn ich ein bisschen was machen musste, habe ich’s an den Drüsen bekommen. Da hat es dann geheißen: „Du kannst doch nichts lernen“. Der Vater sagte aber: „Jeder muss etwas lernen!“ Da haben wir in Säckingen verschiedene Uhrmacher gefragt. Es hieß, du musst einen ganz leichten Beruf haben. In Laufenburg war ein Verwandter Friseur, der V.H.. Aber das wollte ich nicht. Und zuletzt hieß es dann: „Du könntest doch Koch lernen.“ Da hab ich gesagt: „Nein!“ Und wissen Sie warum? An Sonntagmittagen, da sind immer der Stefan, der Albert… halt Schulkollegen gekommen. Dann sind wir in den Wald raus gegangen, haben gespielt. Und ich musste immer vorher noch das Geschirr waschen. Ich war der Älteste. Es waren ja bloß die Mutter und die Schwester vom Vater da.

Und noch mehr Geschirr waschen müssen, das wollten Sie nicht?

M. M.:

Nein. Schliesslich habe ich dadurch, dass wir bei der Firma Hummel den Einachser gekauft haben, dort eine Lehrstelle bekommen. Ich habe dann Schlosser gelernt, also Maschinenbauer. Die Firma Hummel hat eben Landmaschinen hergestellt. Dadurch konnte ich nachher wieder auf die Schule.

Zuhause hatten wir eine Viehmähmaschine6, die habe ich heute noch unten. Der Vater hat sie anno 1936 gekauft. Die hat damals 380 Mark gekostet: Das war damals ein Saugeld. Dann hat er noch einen Gabelwender gekauft mit vier Gabeln. Das waren unsere Landmaschinen. Pflug und Egge musste man natürlich auch haben.

H. D.:

Bevor‘s jetzt um Berufswahl oder Lehrstelle geht, muss ich zuerst noch mal auf die Landwirtschaft zurückkommen. Mein Vater hatte ja keine landwirtschaftlichen Geräte, keinen Motormäher oder so, weil unsere Landwirtschaft zu klein war. Wenn gemäht werden musste, dann musste er im Dorf jemanden suchen, der einen Motormäher hatte. So ist das gelaufen. Wir hatten eine Waldwiese.

Mit zehn Jahren bin ich mit den Mähdern7 schon in der Mahd8 gestanden. Der Vater hat mir einen Sensenwarb9 machen lassen mit einer entsprechend kleinen Sense, und ich musste mähen. Das war eine Waldmatte mit Gefälle und nassen Stellen und mein Vater hat mir gesagt: „Wenn du da hoch läufst, dann musst du die Sense immer nach oben halten und nicht nach unten, du könntest nach hinten rutschen.“ Ich habe da nicht dran gedacht und habe die Sense nach unten gehalten, bin ausgerutscht und hab am rechten Fuß die Sprungsehne abgeschnitten. Dann haben sie mich heimgeführt und haben den Doktor geholt. Damals Dr. Liehr. Der hat gesehen, dass die Sehne ab ist. Und er sagte, wir können nichts anderes machen, als zu probieren, sie wieder zusammen zu nähen. Daheim auf der Chaiselongue, wollen wir es mal so nennen, bin ich gelegen und der Dr. Liehr hat die zwei Sehnenstücke stumpf zusammengenäht und dann mit einer Klammer den oberen Rest wieder drauf gemacht, und das ist einwandfrei gut geworden.

Wurde das betäubt?

H. D.:

Das weiß ich nicht mehr. Zuerst konnte ich halt nicht mehr laufen. Ich hatte ungefähr sechs Wochen einen Verband drum mit angewinkeltem Bein und bin halt so herumgehüpft. Das war’s dann mit der Heuet. Jedenfalls, wir hatten auf dem Grundstück unten in Binzgen ungefähr 20 Kirschbäume und da musste ich helfen Kirschen pflücken. Mit dem angewinkelten Bein musste ich auf die Leiter rauf. Ich bin immer nur links auf der Sprosse gestanden und habe das andere dann nachgezogen.

Frau D. im Hintergrund:

Eins hast Du vergessen. Als Du in die Schule gekommen bist, da hattest Du eine Lungenentzündung bekommen und musstest zuhause bleiben. Und eine Schwester aus der Schweiz …

H. D.:

Ja, ich bin 1943 eingeschult worden und hab dann gleich eine doppelseitige Lungenentzündung gekriegt. Nach drei Monaten ist das passiert. Da gab es die Krankenschwester Fidelia, das war eine Schweizerin. Sie sagten, also da kann nur noch Penicillin helfen, aber das kriegen wir hier nicht. Nur in der Schweiz. Die Schwester Fidelia war die einzige, die noch rüber durfte. Sie hatte einen Ausweis, um die Grenze zu überschreiten. Auf jeden Fall hat sie zwölf Ampullen geholt in der Schweiz und die habe ich verabreicht bekommen und zwar alle zwei Stunden bekam ich eine Spritze. Ich weiß nicht, wie es damals zugegangen ist. Auf alle Fälle waren das zwölf Spritzen gewesen, die mir verabreicht worden sind. Sie hatten mich im Elternbett untergebracht und die Schwester Fidelia ist den ganzen Tag und die Nacht neben mir gelegen, hat mir immer wieder nach zwei Stunden eine Spritze verpasst. Ich bin dann tatsächlich wieder gesund geworden. Ich bin dann erst mit dem 38er Jahrgang richtig eingeschult worden. Mit dem 37er Jahrgang war ich nur ein Vierteljahr in der Schule gewesen, bis ich dann krank wurde.

Dann waren Sie beide also drei oder vier Klassen auseinander? Waren denn immer mehrere Klassen zusammen?

M. M.:

Ja, es waren immer vier Klassen in einem Klassenzimmer mit einem Lehrer.

Vielleicht jetzt noch einmal zurück zur ersten Zeit nach dem Krieg. Da gab es ja auch für Sie nicht viel. Haben Sie denn auch mitgekriegt, dass Menschen zum Hamstern nach Hänner gekommen sind?

M. M.:

Selbstverständlich, da sind viele gekommen. Die Leute hier in Hänner hatten ja auch nicht mehr als das, was bei ihnen gewachsen ist. Meistens waren es Kinder, die zum Hamstern gekommen sind. Wenn die zwei, drei Herdäpfel gekriegt haben, war es wieder gut. Oder manchmal war man am Vespern, da haben sie mal ein Butterbrot bekommen. Damals hatte man selbst gemachte Butter. Solche Sachen hatte man als Landwirt noch selbst gehabt. Das war für Gotteslohn. Es gab zwar auch Leute hier, die die armen Hamsterer ausgenommen haben. Aber das war selten. Es ist nicht so, wie manchmal erzählt wird, dass man nur gegen Silber oder so was bekommen habe.

H. D.:

Wir selbst haben keinen Hunger gelitten, wir Kinder. Es war immer genug zu essen da. Aber mit den Hamsterern, wie sie genannt wurden, daran kann ich mich auch noch erinnern ... z. B. ist da eine Frau gekommen mit einem Bub von Laufenburg und die sind von meiner Mutter immer beköstigt worden. Diese Frau hat immer einen Karton voll mit grad geklopften Nägeln mitgebracht, und dafür hat sie vielleicht zwei Eier bekommen oder ein Stückchen Speck oder eine Speckschwarte mit einem Stückchen Speck dran. Der Bub durfte an den Tisch sitzen und hat etwas zu essen bekommen. Ungefähr drei Jahre später sind wir dann nach Laufenburg an die Fasnacht, am Fasnachtsmontag, als der Umzug war, wo Orangen und Guts10 geworfen wurden. Da habe ich den Bub, der damals bei uns am Tisch gesessen und zu Essen bekommen hat, erkannt und er mich auch. Da hat er doch zu mir gesagt: „Ihr Wälderlatschi, macht, dass ihr heim kommt“. (lacht) Und drei Jahre vorher sassen sie bei uns am Tisch und haben was zu essen bekommen. Das sind Erlebnisse, die man nicht vergisst.

Sie haben gerade gesagt, dass in Laufenburg an der Fasnacht Orangen geworfen worden sind. Können Sie sich noch an die erste Orange erinnern?

H. D.:

Also ich kann mich erinnern, die erste Orange habe ich in Laufenburg gesehen. Das war bei einer Französin, die hatte sie in einem Netz, dass sie sichtbar waren. Da waren vier oder fünf Orangen und sonst noch Einkäufe in dem Netz drin. Das war eine Frau von der Kommandantur.

Können Sie sich noch erinnern?

M. M.:

So was hat es nicht gegeben. Wir hatten viel eigenes Obst. Meine erste Orange habe ich dazumals von der Tante Elsa bekommen. Als die Schweizer wieder kommen durften.

Wann war das ungefähr?

M. M.:

Das weiß ich nicht mehr, welches Jahr.

H. D.:

Ich hab ja damals in Laufenburg auch keine abgekriegt. Ich hab sie nur gesehen.

M. M.:

Vielleicht noch was: Als die Franzosen kamen, sind die Panzer rauf gefahren oder, aber da kann ich mich nicht mehr so genau erinnern, auch mit Jeeps. Jedenfalls. ich saß hinten draußen hinter der Mistmauer, die es heute noch gibt und hab immer wieder den Kopf vorgestreckt. Ich hab dann mal so ein kleines Päckchen gefunden am Strassenrand, im Gras. Das war Proviant für einen Soldaten. Der hat es offensichtlich fortgeworfen. Und ich hab das Ding gefunden und dachte, was ist das? Explodiert das, wenn man das aufmacht? Irgendwie muss das verschweißt gewesen sein, mit Wachs oder so, wasserdicht. Auf alle Fälle, man war halt wunderfitzig, habe ich das nach einiger Zeit aufgemacht und dann war Schokolade drin.

Die erste Schokolade?

M. M.:

Ich habe nicht gewusst, was das ist. Dann bin ich rein ins Haus, und dann hieß es, das ist ja Schokolade.

H. D.:

Da fällt mir auch noch was ein. Als wir mit Bordwaffen beschossen worden sind … Der D. W. und ich haben die Hülsen zusammengesucht. Wir haben auch einmal eine Patrone gefunden, die nicht losgegangen und noch ganz war. Da dachte ich, was mach ich mit dem Ding? Dann haben wir sie wieder auf die Seite gelegt. Der W. sagte, lass lieber die Finger davon. Ich weiß noch, mein Vater hatte einen Schraubstock und viel, viel später… mich hat es einfach gejuckt. Dann habe ich das Ding eingespannt in den Schraubstock und habe einen Nagel genommen und einen Hammer und hab die Kapsel hinten abgehauen. Es gab einen Knall und in der Tür auf der Westseite, da war ein Loch drin. Der Vater war damals noch nicht daheim. Der ist erst 1947 heim gekommen. Die Mutter hat den Knall wohl gehört, aber sie wusste nicht richtig, was es ist. Und ich habe natürlich den Mund gehalten und habe nicht gesagt, was ich gemacht habe.

Das war also eine Zeit, wo bei Ihnen, wie bei vielen, der Vater weg war, wo wahrscheinlich überhaupt viele Männer aus dem Dorf weg waren und nur noch alte Männer da waren oder ganz junge.

H. D.:

Der Nachbar oben, der J. Rudolf, der war ungefähr zehn Jahre älter als ich. wenn der auf Urlaub war, bin ich zu ihm gegangen und er hat mit mir gespielt. Dann mußte er wieder gehen. Ein paar Wochen später haben die J. auf einen kleinen Bennenwagen11 Kränze aufgeladen mit weißem Flieder dran. Das habe ich noch gut in Erinnerung. Es hieß, der Rudolf ist gefallen. Das war im Mai, sonst wäre ja kein Flieder da gewesen. Und der untere Nachbar, der Erich M., bei denen war ich auch immer, der ist auch gefallen.

M. M.:

Wenn Du jetzt von M‘s anfängst und J. Rudolf, da ist bei uns oben der K. Karl, der We. Erich, der die Post oben hatte, der Wa. Erich, R. Hermann, der Kr. Das waren die jungen Männer. Der B. Sigmund hat mir mal erzählt, sie konnten die Waffengattung selbst wählen, das waren der B. Sigmund, der Sch. Rudolf, der Sch. Herbert und die Buben von den W’s, der Herbert und der Albin. Die meisten sind auf See gegangen. Der B. Siegmund hat mir mal erzählt, er ist zu den U-Booten gekommen und dann mussten sie erst mal schwimmen lernen. Und dann sind sie in ein Wasserbecken rein gekommen und die sind unten mit Glasscherben gefüllt gewesen. Wenn sie gestanden sind und nicht schwammen, haben sie die Füße verschnitten. So mussten sie schwimmen lernen.

Beim Militär?

M. M.:

Ja. Der ist vier Mal abgesoffen, der Sigmund.

Mit dem U-Boot?

M. M.:

Ja. Und einmal ist er zu schnell aufgetaucht und dann hatte er einen Lungenriss.

Der ist aber wieder zurückgekommen?

M. M.:

Ja, der lebt jetzt noch. Und der L. Albin, mit dem bin ich öfter hier vor dem Haus gesessen und wir haben Sterne beobachtet. Er hat mir die Sternenbilder erklärt Und wenn Du den Mann gesehen hast, das hättest du nicht geglaubt. Er wäre fast Kapitän geworden.

Diese jungen Männer, die das Glück hatten wieder lebendig aus dem Krieg nach Hause zu kommen, mussten dann ja wahrscheinlich direkt in den Beruf überwechseln. Sie beide waren ja noch zu jung. Ende Krieg, da waren Sie noch Schüler.

M. M.:

Ich war mindestens noch zehn Jahre zu jung.

Wie ist es dann bei Ihnen beiden weitergegangen? Von Ihnen, Herr M. weiß ich, dass Sie Maschinenschlosser gelernt haben. In welchem Jahr haben Sie mit der Lehre angefangen?

M. M.:

Am 1. Dezember 1950 habe ich angefangen.

H. D.:

Ich kam 1952 in die Lehre und habe Zimmermann gelernt und zwar speziell Treppenbauer. Da hinten steht mein Gesellenstück.

Jetzt eine andere Frage. Sie haben davon gesprochen, dass ihr Vater 1947 zurückgekommen ist.  Wie war das denn? Da waren ja die Frauen allein und mußten zurechtkommen und dann war der Mann plötzlich wieder da.

H. D.:

Also er durfte schreiben. Deshalb wusste die Mutter, wann er kommt. Er kam in Murg an und ich bin ihm mit der Mutter entgegengelaufen. Ich habe ihn mir noch in etwa noch vorstellen können, den Vater. Auf alle Fälle sind wir z‘ Murg beim Hammerstich runter gelaufen. Da kam uns ein Pferdefuhrwerk entgegen und daneben ging noch ein Mann mit einem Vollbart. Da hat die Mutti gesagt, das ist der Vati. Da hab ich gesagt, das ist doch nicht der Vati. Und er war es halt doch. Mein Vater ist heim gekommen mit Vollbart! Ich muss jetzt nochmal ein Stück zurückgehen. 45 ist er in Gefangenschaft gekommen in Seelbach bei Lahr. Da kam er zuerst mal ins Lager. Dann hat man Gefangene gesucht, die in der Landwirtschaft schaffen konnten. Da hat er sich gemeldet und war dann in Langries bei einem Bauern. Da ist es ihm gut gegangen.

War das eine große Umstellung?

H. D.:

Das war nicht ganz einfach. Nein, das war wirklich nicht ganz einfach. Man musste sich erst daran gewöhnen, dass eben jemand mehr da ist. Die Mutter hatte natürlich eine Freude und die Großmutter auch. Aber ziemlich schnell war das irgendwann überwunden. Dann hast Du den Vater halt akzeptiert.

Und wie war das bei Ihnen, als der Vater zurückkam?

M. M.:

Er hat die erste Zeit gar nichts machen können. Er war total fertig. Seelisch und körperlich. Ich habe ja vorhin schon gesagt, wir haben fast vier Stunden gebraucht von Murg bis hierher. Mit dem Fahrrad. Er hatte noch alles Mögliche dabei, das hing alles am Fahrrad. Dass er überhaupt heim kam hat folgende Bewandtnis: Ein Schwager von der Mutter, der war von Basel und hat als Schweizer über das Rote Kreuz Kontakt aufgenommen. Wir haben dann gewusst, er lebt noch. Dann konnte der rausfinden, wo er in Gefangenschaft ist. Und 14 Polen, die noch in Hänner waren, haben dann gemeinsam ein Schreiben aufgesetzt für den Vater, dass er heim kommen soll. Sonst hätte er nicht heimkommen dürfen. Aber weil er damals im Krieg immer den Polen geholfen hat, haben 14 Mann von Ihnen unterschrieben. Er ist im Sommer 1947 heim gekommen.

Und als er dann da war, wie war das dann?

M. M.:

Also das weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, dass er eben zuerst einmal körperlich wieder aufgebaut werden musste. Er konnte gar nichts mehr machen, hat nichts mehr zu weg gebracht.

Irgendwann hat dann das Leben sich ja wieder normalisiert. Da kamen dann auch Maschinen auf …

M. M.:

Die ersten Maschinen, die ersten Traktoren, die gekauft wurden, von denen hiess es damals: „Die haben alle Holzräder“.

Eisenbeschlagene Holzräder?

M. M.:

Nein, etwas ganz anderes. ‚Holzräder‘ hatten sie, weil die, die sich Traktoren kaufen konnten, mehr Wald als die anderen gehabt haben. Sie konnten Holz abschlagen und mit dem Geld einen Traktor kaufen. Ich weiß von einem, das war der M. im Bildstöckle draußen, gegenüber von der Kapelle, der hatte ein Stück Wald. Er hat 85 Festmeter Holz abgehauen, hat dann die Holzmacher bezahlt - anno 1952 war das - hat den Traktor gekauft für 5.200 Mark und hat noch Geld übrig gehabt, eine ganze Menge. Dazumal hast du für einen Meter Holz gute 100 Mark bekommen.

Das heißt, es gab immer einige, die gut durchkamen?

M. M.:

Ja. In der Landwirtschaft kommt’s halt drauf an... Wir haben ja auch eine größere gehabt. Aber wir hatten wenig Wald.

Wann ist denn das Leben wieder normaler geworden?

H. D.:

Das Leben ist für mich so ab der 5. Oder 6. Klasse wieder normaler gelaufen. Und als ich dann in die Lehre gekommen bin, noch mehr.

M. M.:

Man kann sagen, das Leben ist erst mit der Währungsreform, als die D-Mark kam, wieder richtig normal geworden. Das weiß ich noch gut, als der Vater heim kam und sagte, jetzt habe ich pro Kopf 40 Mark bekommen. Das war 1948.

Das war das ‚Kopfgeld‘.

H. D.:

An die Währungsreform kann ich mich auch sehr gut erinnern. Wir hatten ein Sparbüchle, da waren 600 Reichsmark drauf und dann waren es noch 60. Ich war Ministrant damals, Oberministrant. Damals war es der Pfarrer Lederer. Am Tag der Währungsreform, wo es ausbezahlt worden ist, im Rathaus war das, hat der Lederer uns unser Ministrantengeld gegeben …noch in Reichsmark! Mir hat er noch einen Bonus von 2 Mark gegeben. Als wir dann heim gekommen sind und das Geld gezeigt haben, sagte der Vater, du brauchst dich nicht so freuen, das ist nur noch den zehnten Teil wert. Der Lederer-Pfarrer hat uns Ministranten also übers Ohr gehauen.

M. M.:

An den Lederer habe ich auch keine gute Erinnerung.

Seit damals hat sich ja viel geändert. In der Zeit in der Sie aufgewachsen sind, da waren der Pfarrer, der Bürgermeister und der Lehrer, die Respektspersonen.

M. M.:

Alle Älteren waren Respektspersonen. Eine Anekdote: Hinter dem Haus bei uns ist der De. Der hatte einen Kranenschlepper. Der hat irgendwo von hinten einen Wagen Holz gebracht. Auf alle Fälle, der Kranwagen muss einen blöden Einschlag gehabt haben, es hat ihm immer wieder vorne das Rad rum gezogen. Da kam er zu uns und fragte: „Habt ihr einen Engländer?“ Jetzt was ist das, ein Engländer? Ich bin dann schnell zu uns rein und hab gefragt. Nein, Wir besassen auch keinen Engländer. Er wollte, dass ich noch in der Nachbarschaft rumfrage. Dann bin ich also zu D, und zum B. J. gerannt. Der war auf Fronturlaub daheim. Ich bin auf alle Fälle dort ins Haus rein und hab gesagt: „Guten Tag Herr B.. Haben Sie einen Engländer? Da vorne ist etwas passiert, am Schlepper.“ Einen Engländer hab ich nicht bekommen, aber ein paar an die Löffel… Dass der nicht wirklich B. heißt, das konnte ich als Bub doch nicht wissen. Er hat sich da offensichtlich beleidigt gefühlt. Man hat ja immer nur gesagt:„Geh zu B‘s hintere“. Aber eigentlich hießen die E. Und dann bin ich wieder vor, die Tränen sind mir gelaufen und dann wieder zu den Murer-Jakoben, die hießen in Wirklichkeit auch E.. Da hab ich dann schon „Herr E.“ gesagt! Der hat mir dann einen Engländer gegeben.

Das ist vielleicht übrigens auch was, was viele heute gar nicht mehr kennen: die Hausnamen.

H. D.:

Ich habe lange nicht gewusst, wie die einzelnen Leute wirklich heißen. Ich kannte nur die Hausnamen. Der Nachbar unten dran, das waren die „Sigrischte“, der Vater hieß Sigrist. Oben dran der J., der Schreiner, oder wie man gesagt hat, „der Glaser“ Gegenüber der M., zu dem sagte man „der Schlösseler“, der war Schlosser, und oben der Schl. Fridolin, da hieß es „s’Bühlfriedlesfriedlesfriedle“, Bei denen haben alle Friedle geheißen.. s’Friedle-Jockerle, die hießen Jakob. Und Maurer, oben die wegen dem d‘Murer. Und Kasper-Friedles, da hat einer Kaspar Fridolin geheißen, die heißen aber in Wirklichkeit S.. Und s’Gutschners, die heißen K.. Warum dann Gutschner? Früher, als die Post noch mit Kutschwagen kam, mussten sie oben bei Gutschners Rosswechsel machen. Deshalb sind das Gutschners. Die sind von Murg gekommen, und bei Gutschners war der Rosswechsel und dann sind sie weiter bis nach Herrischried.

Haben Sie das selbst noch erlebt?

H. D.:

Nein, das war ja viel früher. Das hat mein Vater als erzählt. Der war viel bei Gutschners.
Mein Vater war ja zehn Jahre Bürgermeister von Hänner.

In welcher Zeit?

H. D.:

Von 1955 bis 1970 und vorher zehn Jahre Ratschreiber.

Jetzt vielleicht nochmal zurück zu der Zeit nach der Währungsreform, als das Leben sich wieder normalisiert hat und einfacher wurde. An was haben Sie das gemerkt? Gab es da mehr zu kaufen?

H. D.:

Auf einmal gab es alles. Eine Reichsmark war ja nur noch 10 Pfennige wert. Ich weiß noch gut, ich bin mal zum Eggbergrennen. Der Vater hatte nicht viel Geld dabei und dann hat er mir eine Reichsmark mitgegeben, das waren 10 Pfennig. Ich glaube, es hat 20 Pfennig Eintritt gekostet. Da hat man sich halt immer verdrückt, damit man nicht hat zahlen müssen. Wir sind dann zusammen hingefahren, der D. W, das ist ein Cousin von mir. Mit dem Bachmutter seinem Traktor, der J. G. ist gefahren. Der war voll besetzt. Der D. W. und ich, wir sind hinten auf dem, wir haben Lankwirt dazu gesagt, gehockt, das Stück, das hinten rausgestanden ist, über Rickenbach bis nach Egg.

So bin ich immer ‚Taxi gefahren‘ bei uns im Dorf. Wenn das Stück lang war, konnte man zu zweit drauf sitzen. Wie heißt das Stück nochmal?

H. D.:

Wir haben ‚Lankwirt‘ dazu gesagt. Aber wie man das schreibt, weiß ich nicht.

Da saßen Sie also hinten drauf und sind zum Rennen gefahren?

H. D.:

Zum Eggbergrennen, das findet heute noch statt. Von Säckingen auf den Eggberg rauf. Der Hans Stuck ist doch da mitgefahren mit dem Silberpfeil und der Georg Maier mit dem BMW-Seitenwagen.

Das waren wahrscheinlich die Helden Ihrer Jugend? Sicher war es etwas ganz Besonderes, wenn man da …?

M. M.:

Ja. Deswegen hat dann der Georg seinen Spitznamen bekommen. Der war so verrückt wegen dem Schorsch Maier, also der wurde dann nicht mehr Georg genannt, nur noch „der Maier“.

In der Zeit, wo es dann immer mehr gab, also auch bisher unbekannte Sachen wie Orangen oder Schoki … Wie viele Läden gab es denn da in Hänner?

M. M.:

... den Döbele, den Spindler, den Huber, den Gassmann, s‘Peters, den Siebold.

Wann sind die verschwunden?

H. D.:

Also der Spindler hat den Gassmann übernommen. Und dann der Huber. Der Döbele ist ja übernommen worden von der Frau Birkenfeld. So ist einer nach dem anderen dann weg gewesen und innerhalb von zehn Jahren war keiner mehr da.

Wie hat das das Dorf verändert, als die Läden und andere Einrichtungen weggebrochen sind? Hat man das bewusst registriert?

H. D.:

Die Veränderung vom Dorf hat eigentlich schon direkt nach dem Krieg stattgefunden, dadurch, dass Flüchtlinge hierher kamen. Da sind Leute zugeteilt worden, überall wo Wohnraum zur Verfügung stand, musste man die Leute aufnehmen. So sind die G. 1947 hierher gekommen. Das hat schon Veränderungen mit sich gebracht..
Diese Leute haben anders geredet. Mit den Eltern der Flüchtlinge musste man Hochdeutsch reden und wir konnten das gar nicht richtig. Die Jungen, wie der G. G., die haben den Dialekt voll übernommen. Aber die älteren Geschwister von ihm, von denen hat ein Teil es zwar versucht, aber das wurde nur ein Kauderwelsch. Und wieder andere, z. B. die Schwester vom G. oder andere, die haben es gar nicht erst versucht, die haben Schriftdeutsch gesprochen. Dann kam es aber auch noch zu anderen Veränderungen. Ein Beispiel: Ich musste dem Vater auf der Landwirtschaft helfen, musste mit den zwei Kühen die Eggen ziehen und der G. und der W., die bei uns oben drin gewohnt haben, konnten in der Zeit spielen. Damals hatte ich schon einen Hass auf die Landwirtschaft, weil ich gesehen habe, wie die Kinder die da neu gekommen sind, zwar mit nichts hierhergekommen sind, aber trotzdem eine Wurst oder zwei mehr gehabt haben als wir. Ich weiß nicht, wie ihre Mutter das gemacht hat. Wir auf jeden Fall hatten nur das, was die Landwirtschaft gebracht hat. Und die G., die haben in den Läden eingekauft, die es damals noch im Dorf gab. Zwar konnten die auch nicht alles haben, aber sie hatten Wurst vom Metzger und so Sachen. Während wir immer nur die Wurst vom selbst Metzgen hatten … oder es wurde ein Hase geschlachtet oder ein Huhn. Als die Franzosen kamen, da kam ein Jeep die Straße runter und der hat bei L‘s gehalten. Ich habe gesehen, die steigen aus und machen das Gewehr bereit. Es waren zwei Franzosen. Das war 1945 im Herbst. Wir hatten 15 Hühner und einen großen weißen Hahn, die Franzosen haben angelegt und ich habe schon gespitzt, die haben was vor. Sie haben gezielt, es gab einen Schuss und die Hühnerschar sprang Richtung Haus und der Hahn hat ein Geschrei vollführt und ist den Hühnern gar nicht nachgekommen. In dem Moment kam schon meine Großmutter um die Ecke und hat zu mir gesagt: „Was ist hier los?“ Und ich sagte: „Die Franzosen haben auf die Hühner geschossen.“ Dann ist die Hühnerschar vorbeigerast und der Hahn auch. Da sagte die Oma: „Der hat ja nur noch ein Bein!“ Dann hat sie den Hahn gepackt, hat ihn unter den Arm genommen und ihm den Kragen umgedreht, damit er nicht mehr schreien kann. Dann sind schon die zwei Franzosen da gestanden. Sie konnten kein Deutsch, das waren zwei ganz junge Kerle. Sie sind auf sie zu und wollten ihr den Hahn wegnehmen. Da hat sie gesagt: „Das ist mein Gückel, den gebe ich euch nicht.“

Die wollten der Frau den Hahn ums Verrecken abnehmen, aber sie hat ihn nicht her gegeben. Die zwei sprachen miteinander und sind dann gegangen. Sie haben den Hahn nicht mitgenommen. Da hat d‘ Oma gesagt: „So, jetzt müssen wir ihm halt den Kopf abhauen.“ Dann haben wir dem Hahn den Kopf abgehauen und haben ihn gerupft.. Wahrscheinlich ein alter Hahn, das Fleisch war auf jeden Fall sehr zäh. Da habe ich gedacht: „Hätten die Franzosen den Hahn doch nur mitgenommen!“

Jetzt vielleicht noch mal zurück zu der Zeit, als die Läden im Dorf langsam eingegangen sind. Ist man dann schon ins Tal zum Einkaufen oder hat das noch lange gedauert?

M. M.:

Ins Tal ist man nur gegangen, um Kleidung zu kaufen. Schuhe gab es hier beim Schuhmacher Weber, die hatten einen Schuhladen.

H. D.:

Als ich in der Lehre war, kann ich mich erinnern, dass schon viele in Laufenburg oder in Murg auch Lebensmittel eingekauft haben, weil hier oben das Angebot viel geringer war.

M. M.:

Schon. Aber das waren bloß Leute, die keinen eigenen Garten hatten. Vor allem die Flüchtlinge.

Gab es eigentlich böses Blut mit den Flüchtlingen?

M. M.:

Also bei uns gar nicht.

Das ist ja nicht selbstverständlich.

H. D.:

Das waren ja auch Kollegen12, wie G‘s. Wir sind miteinander in die Schule gegangen. Wir wussten wohl, dass die von Ostpreußen oder was weiß ich woher kamen.

Aber die waren ja katholisch. Gab es auch Evangelische? Wie war das in dem katholischen Dorf?

H. D.:

Die Evangelischen habe ich beneidet, weil es keinen evangelischen Pfarrer gab. Während wir Religionsunterricht hatten, durften die Evangelischen auf den Schulhof Fußball spielen. Sonst habe ich da keinen Unterschied gesehen.

Trotz allem, wie dadurch das Dorfleben verändert wurde, ist das also relativ gut gegangen?

M. M.:

Das ist reibungslos abgelaufen.

Teilweise haben sie ja auch gerne mitgearbeitet in der Landwirtschaft, haben mitgeholfen, wegen dem Essen. In den 50er Jahren hatten wir in der Landwirtschaft kein Problem mehr mit dem Essen. Wir kannten uns ja eh schon, und dann war es selbstverständlich zu fragen: Könnt ihr nicht auch mitkommen zum Helfen?

Ich würde gerne einen kleinen Sprung machen. Wann haben Sie beide sich kennen gelernt, Frau D. und Herr D.?

Frau D.:

Das ist schon so lange her, aber es war so: In der Tanne waren als Filmvorführungen.

Nachdem einmal die Vorstellung fertig war, hab ich den Horst gefragt, ob er mich heimfährt. Danach hat er mich dann um ein Wiedersehen gebeten.

H. D.:

Damit ist es losgegangen.

Wie alt waren Sie beide damals?

H. D.:

Ich war schon fertig mit der Bundeswehr, 22 oder 23 Jahre alt. Meine Frau war damals gerade 18 geworden. Sie ist sechs Jahre jünger.

Das war dann 1959?

H. D.:

Ich bin 1958 zur Bundeswehr gekommen. Das war dann also schon 1960 oder 1961.

Da hatten Sie Ihre Lehre oder Ihre Ausbildung schon fertig?

H. D.:

Ja. Aber ich muss zuerst nochmal was zur Bundeswehr sagen. Ich war Pflichtsoldat und ich bin ungern gegangen. Aber trotzdem - ich war bloss ein Jahr dabei - möchte ich dieses Jahr nicht missen in meinem Leben. Bei der Bundeswehr habe ich ein halbes Jahr beim Musikkorps 6 von Ellwangen als Fanfarenbläser mitgemacht. Man wurde gefragt, wer schon ein Musikinstrument gespielt hat und dann habe ich mich einfach gemeldet und als sie gefragt haben, was ich gespielt habe, habe ich gesagt den S-Bass. Dann musste ich umlernen auf die Fanfare. Ich war dann das letzte halbe Jahr beim Musikkorps 6 abkommandiert gewesen. Immer wieder gab es Kaserneneinweihungen oder sonst was und da mussten wir immer hinfahren, und der Spielmannszug ... Ich bin im ganzen fränkischen Raum herumgekommen.

Wie war das bei Ihnen mit dem Militär, Herr M.?

M. M.:

Ich war nicht. Ich war damals schon zu alt.

Die drei Jahre haben den Unterschied gemacht?

H. D.:

Ja. Ich glaube, ab Jahrgang 36 wurden die Burschen eingezogen. Der D. W., das ist mein Cousin, der ist am 07. Juni geboren und der Stichtag war der Juli. Dem haben drei Wochen gefehlt und es hat ihn geärgert, dass er zu früh auf die Welt gekommen ist, denn er wäre auch gerne zur Bundeswehr gegangen. Also das erste und zweite Quartal haben noch zu den weißen Jahrgängen gehört und das dritte und vierte Quartal, zu dem ich gehörte, wurde gemustert und verpflichtet.

Der Cousin vom H.D. hat das bedauert. War das für Sie auch so oder waren Sie froh?

M. M.:

Nein. Ich war froh darüber. Ich war mit Leib und Seele Bauer. Dazu noch was: Das erste Motorrad, das ich hatte, das hat der Vater zuerst für sich gekauft, weil er schon nicht mehr laufen konnte dazumal. Und wenn er irgendwohin musste, dann musste ich ihn fahren. Das Motorrad habe ich dann nur bekommen, weil wir in der Lehre morgens um 7 Uhr anfingen zu arbeiten bis abends sieben oder halb acht… Um fünf war zwar Feierabend. Aber das war üblich damals, dass es länger ging.

Die Pumpen und alles was produziert wurde, mussten wir noch zum Teil anstreichen. Dann ist es halt spät geworden.

Als ich mit der Lehre angefangen habe, hatte ich zuerst das Fahrrad vom Opa. Da waren die Reifen noch unter- und überlegt. Der Vater hatte damals schon ein schönes Fahrrad mit Dreigangschaltung. Ich bin dann abends, so gut es gegangen ist, mit dem alten Fahrrad den Gaißenbühl hoch gefahren. Immer wieder ein Stück weit. Und dann bin ich heim gekommen und musste in den Stall. Ganz schnell was essen und ab in den Stall.

Das Motorrad gab es dann, damit Sie schneller daheim sein konnten?

M. M.:

Ja. Als ich dann das Dreigangfahrrad hatte, bin ich durchgefahren von Binzgen bis heim. Wenn ich dann zuhause angekommen bin, war ich bleich und habe fast keine Luft mehr gekriegt. Eines schönen Tages gab es dann halt das Motorrad. „Damit du endlich aufhörst, die ganze Strecke mit dem Fahrrad zu fahren“.

.Was war das für ein Motorrad?

M. M.:

Ein 175er Mammut.

H. D.:

Bei mir war es so: Mein Patenonkel, mein Götti, war Missionar in Brasilien. Nach 25 Jahren ist er das erste Mal zurückgekommen, das war 1950, und er hat beim Maurer ein Motorrad gekauft, ein 250er Triumph. Nach fünf Jahren ist er nochmal gekommen und da konnte er sich schon ein Auto kaufen. Ich weiß nicht, wie das gegangen ist. Der hatte als Missionar mehr Geld als mein Vater. Auf alle Fälle hat er das Motorrad da gelassen, als er das zweite Mal da war und hat zu mir gesagt, er gibt es mir zum halben Preis. Für 600 Mark habe ich also das Motorrad gekauft und durfte es abstottern. Meine Kameraden haben alle gemeint, ich hätte es gut, weil mir mein Götti das Motorrad geschenkt hätte. Aber das stimmte nicht. Das Ding hat mich wirklich 600 Mark gekostet. Einmal hatte ich damit einen Unfall. Die Teleskopstange vorne war kaputt und die Reparatur hat damals schon 350 Mark gekostet. Und dann habe ich es zum Maurer runter gebracht und habe gesagt, er darf dem Vater nichts sagen. Wir hatten ein Richtfest im Sternen in Laufenburg und dann hatte ich ein Bier zuviel und ich dachte, mit dem fünften Gang schaff ich das, aber es hat nicht gereicht. Das habe ich dann auch wieder 50 Mark weise abbezahlt. Aber der Maurer hat meinem Vater wirklich nie etwas gesagt.

Mir fällt gerade noch etwas anderes ein. In der Zeit beim Bund sind Sie, Herr D. ja ziemlich herum gekommen. Aber die ganze Kindheit und Jugend waren Sie ja nur in Hänner oder in der Nähe. Wann ist die Welt eigentlich größer geworden?

M. M.:

Als wir nach Säckingen in die Schule mussten. Ich war schon selbstständig tätig, da war ich mal in Hartschwand bei einer Frau, die hat mir erzählt, sie ist in ihrem ganzen Leben, sie war damals auch schon 60, ein einziges Mal nach Rheinfelden gekommen und auch das nur, weil ihr Sohn da gearbeitet hat. Sonst ist sie nur nach Todtmoos wallfahrten gegangen und nie aus Hartschwand rausgekommen.

Wie war das bei Ihnen?

H. D.:

Bei mir ist es ein bisschen anders gelaufen. Durch die Bundeswehrzeit habe ich den fränkischen Raum kennen und schätzen gelernt. Und nachher als ich nachhause kam, habe ich bei meinem Vater … der hatte ja den Steinbruchbetrieb.

Das war ein Familienbetrieb?

H. D.:

Ja, Ich habe in dem Betrieb geschafft und ihn1970 übernommen. Maschinell war da nicht viel los, wir mussten total umbauen und investieren. Ich war praktisch jeden Tag 15 Stunden im Betrieb. Da war nichts mit in Urlaub fahren. Meine Frau war Friseuse. Sie hat mir das Büro gemacht, hat Rechnungen geschrieben, hat für den Steuerberater alles vorgerichtet… Ich war im Betrieb voll beschäftigt, sie war im Büro voll beschäftigt. Reisen oder Urlaub machen lag da gar nicht drin. Ich weiß nicht, wann wir das erste Mal Urlaub gemacht haben. Wenn wir mal weg sind, dann vielleicht mal an einem Donnerstag, wenn der Feiertag war, Christi Himmelfahrt oder so. Dann sind wir ins Tessin. Das war nicht weit weg und wir waren schnell wieder daheim.

Frau D.:

Da waren ja auch noch die Kinder da und die Schwiegereltern, die gepflegt werden mussten. Die Schwiegermutter kam nach einem Schlaganfall nach Hause, mit dem Katheter haben sie sie vom Krankenhaus nachhause geschickt. Da bin ich dann gestanden. Der Hausarzt hat mir wohl sehr geholfen, sie zu pflegen. Ein halbes Jahr später ist sie gestorben. Ein paar Monate später hatte der Schwiegervater einen Oberschenkelhalsbruch. Dann hatten wir ihn in Pflege.

H. D.:

Er ist dement geworden und wurde dann von meiner Frau gepflegt.

Sind Sie mal in Urlaub gefahren?

M. M.:

Was ist das, Urlaub?

Ich war der Älteste und musste zuhause bleiben. Wir haben 52, 54 und 56 das Haus umgebaut. Ich habe damals in den Sommern nur vier Stunden pro Tag geschlafen und nicht mehr. Bis um zwölf hat man gewöhnlich noch abgeladen, ganz schnell ein bisschen abgewaschen und um vier wieder raus zum Mähen.

Sie hatten also ein hartes, arbeitsames Leben, wo sich alles darum gedreht hat, dass man seine Sachen geschafft hat.

M. M.:

Ja, aber ich bin dem Vater heute nicht böse, sondern dankbar. Sonst hätte ich das Leben auch nicht so geschafft.

Wenn Sie zurückschauen, können Sie sagen, welche Zeit in Ihrem Leben die schönste war? Oder ist das eine dumme Frage?

H. D.:

Also das Jahr, als ich Soldat war, möchte ich nicht missen. Ein schönes Jahrzehnt war auch, als die Enkelkinder kamen. Meine Eltern waren schon gestorben und die Enkelkinder waren mit Freuden bei uns. Zum ersten Mal konnten wir es uns erlauben und sind ein Mal im Jahr ins Tessin gefahren. Die Enkelkinder, die A, die Älteste, die hat wahnsinnig gerne der Oma beim Kochen zugeschaut. Meine Frau hat sie auf einen Stuhl gesetzt und dann durfte sie mitmachen. Sie hat zu ihr gesagt: „A. Halt! Heiß! Schauen darfst du.“ Irgendwann kam ich halt auch mal dazu, habe den Kopf dazwischen gestreckt und wollte schauen. Da macht die A.: „Opa halt! Heiß! Schauen darfst du.“ Solche Sachen waren etwas ganz Freudiges für mich.

Und bei Ihnen? Gibt es für Sie eine ‚schönste Zeit‘? Oder ist das auch eine Frage, die sich gar nicht stellt?

M. M.:

Der Aussendienst hat mir gefallen, das war eine gute Zeit, Ja, die möchte ich nicht missen. Ich bin viel herumgekommen, auch in die Schweiz, ins Wiesental, natürlich überall auf dem Hotzenwald. Ich war den ganzen Tag unterwegs.

H. D.:

Da hattest Du also Deinen Urlaub, in dem Du auf dem Hotzenwald rumgefahren bist!.

M. M.:

Das war wirklich gut, dadurch habe ich den ganzen Hotzenwald kennengelernt, alle Schleichwege…

Sie haben mir mal erzählt, wie Ihnen ‚die Seele aufgegangen‘ ist, als Sie sich aus dem Geschäft zurückgezogen haben und wieder mehr im Wald sein konnten. Leben in der Natur ist für Sie was ganz Wichtiges?

M. M.:

Ja, das war, weil ich vorher immer schon auf der Landwirtschaft geschafft habe. Deshalb habe ich vorhin ja auch gesagt, dass ich meinem Vater nicht böse war. Ich habe gerne gearbeitet. Was glauben Sie? Geld hatte man sowieso keines. Ich habe im ersten Jahr 45 Mark verdient im Monat, im zweiten Jahr 55, im dritten Jahr 65, im vierten Jahr 75. Ausgezahlt bekommen davon habe ich 41 Mark und 80 Pfennig. Das habe ich dem Vater heim gebracht und ich selbst habe davon 1 Mark und 80 Pfennig behalten dürfen. Das war mein ‚Monatslohn‘. Von dem habe ich Bleistifte gekauft und alles, was ich sonst so gebraucht habe.

Der Rest ist beim Vater geblieben?

M. M.:

Ja. Er hat das Geld ja gebraucht. Wir haben viel für andere Leute gepflügt oder andere landwirtschaftliche Arbeiten übernommen … und wenn ich dann beim Zahlen noch vielleicht 50 Pfennig Trinkgeld bekommen, da war ich der König. Da hat man schon wieder gerechnet, dass ich mir jetzt wieder ein Heft kaufen kann oder sowas.

Wenn Sie zurückschauen … Sie sind jetzt 80 und 77 Jahre alt und haben eine lange Lebensspanne hinter sich, haben viel durchgemacht, haben viel mitmachen müssen. Wenn Sie Fazit ziehen würden, was war es für ein Leben? Wahrscheinlich ist auch das eine Frage, die man sich früher wahrscheinlich gar nicht gestellt hat.

M. M.:

Ich würde sagen, ich habe ein besseres Leben gehabt als die heutige Generation, obwohl ich viel arbeiten musste. Morgens früh musste ich zuerst in den Stall, weil der Vater nichts mehr machen konnte, die Mutter kam zum Melken - von Hand. Da hat sie ein Schüssele mitgebracht und ich habe mein erstes Schüssele Milch bekommen, im Stall, und nachher noch ein zweites. Wenn ich dann fertig war damit, habe ich dem Vieh noch ein bisschen Futter vorgelegt.

Und trotz dem vielen Krampfen sagen Sie, ich möchte mit Vielen heute nicht tauschen.

M. M.:

Ja.

Was ist das, warum Sie das sagen können?

M. M.:

Man musste mit dem eigenen Kopf denken. Ich habe ja schon gesagt, man hat mich einfach ins kalte Wasser geworfen.

Vielleicht ist ja Stolz ein falscher Ausdruck, aber ich nehme ihn mal. Ist da auch Stolz auf das, was Sie geleistet haben?

M. M.:

Nein. Das nicht. Es ist einfach so, dass Ich zufrieden bin mit mir.

Herr D., auch Sie haben ja ein hartes Leben gehabt. Wenn Sie jetzt auf Ihr Leben zurückschauen - es ist ja noch nicht zu Ende - was wäre dann dieses Leben gewesen?

H. D.:

Das ist gar nicht so einfach zu beantworten.

Ich habe 1970 den Betrieb vom Vater übernommen. Da war sehr viel aufzuarbeiten. Ich habe nicht mit Null angefangen, sondern mit viel, viel unter Null. Wir haben das geschafft und waren dann soweit, dass es Null zu Null hätte aufgehen können. Wir haben sogar schon gemeint, wir haben etwas auf der Seite, ein zweites Standbein… Beim Steinbruchbetrieb hatte ich ja einen Teilhaber. Zu guter Letzt, ich weiß jetzt nicht, wie ich das sagen soll, hat er mich in den Konkurs getrieben … Das ist jetzt zwar schon 20 Jahre her, aber ich mag gar nicht groß darüber reden. Es ist viel den Bach runter gegangen bei uns, aber wir haben ja auch immer sparsam gelebt und mussten uns die letzten 20 Jahre schon etwas einschränken. Wir haben nicht schlecht gelebt, aber große Sprünge konnten wir auch keine mehr machen.

Auch von Ihnen höre ich trotz allem eine Zufriedenheit, dass Sie es doch geschafft haben.

H. D.:

Das ist klar.

Sie haben schwere Krisen gemeistert und weitergemacht.

H. D.:

Das gilt auch für meine Krankheit. Da sag ich mir oft, es könnte ja noch viel schlimmer sein. So ist es uns auch geschäftlich gegangen. Es hätte viel schlimmer kommen können.

Früher war für viele Leute ein Leben dann ein gutes Leben, wenn man es irgendwie gemeistert hat. Dass man genug hatte und anständig geblieben ist.

M. M.:

Ja, man ist halt auf dem Boden geblieben.

Vielleicht wäre das ja ein guter Schlussatz für Sie beide: Sie sind immer auf dem Boden geblieben. Aber auf diesem Boden haben Sie es auch irgendwie gut gehabt.

Beide signalisieren Zustimmung.

Frau D., Herr D., Herr M., wir danken Ihnen von Herzen für das Geschenk, dass Sie uns aus Ihrem Leben erzählt haben und wünschen Ihnen für die noch vor Ihnen liegenden Jahre alles, alles Gute.


1 Böschung
2 Stauden
3 Heu
4 Getreide
5 Mäher
6 Von Ochsen oder Pferden gezogen
7 Mähern
8 Das zu mähende Stück
9 Die Halterung mit Stiel
10 Bonbons
11 Kleiner Wagen, oft zum Mistführen, mit Brettern an den Seiten
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