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K.L., * 1935. Stammt aus Murg. Heute wohnhaft in Murg.

Sind Sie in Murg geboren?

Ja, ich bin ein echter Murger. Unser Geschlecht ist ein altes Murger Geschlecht. Die waren früher über viele Generationen hinweg Fischer am Rhein und Fährleute, so lange es noch eine Fähre gab. Selbst mein Vater hat noch seinem Göttionkel G. L., dem letzten handwerklichen Fischermeister in Murg, beim Fischen im Rhein geholfen. Ich bin also ein Ur-Murger. 

Wie wurde da gefischt? Mit den Fischbähren oder mit Netzen?

Das war unterschiedlich. Auf jeden Fall mit einem Weidling, das heißt mit einem Fischerkahn. Da wurden Netze ausgeworfen und dann über einen großen Bogen reingezogen. Aber auch über Standbähren, die an bestimmten Stellen am Rhein standen; mein Vater hatte auch einen. Geangelt wurde in dem Sinne nicht. Der G. L. musste ja davon leben. Ich kann mich erinnern, als die Franzosen hier waren, war er verpflichtet, jeden Tag fünf bis zehn Kilo Fisch an die Ortskommandantur zu liefern. Da hat er natürlich auf Vorrat geschafft. Er hatte Fischkästen, die im Rhein lagen. Da hatte er Fische im Vorrat für Notzeiten. Das haben die Murger Jugendlichen natürlich mitbekommen und haben einmal nachts die Kästen aufgebrochen und die Fische gestohlen. Als er dann zur Kommandantur gegangen ist, die war im Gasthaus „Rheinischer Hof“, haben sie ihm gleich bedeutet, wenn er keine Fische bringt, dann wird er festgenommen. Da hat er Angst gehabt. Es kam dann aber nie mehr vor. Das war jetzt ein Einzelbeispiel. Aber Fisch war vom Materiellen her ein billiges Nahrungsmittel. Das hatte man hier vor Ort. 

Was für Fisch war das vor allem?

Mittelwertige Fische waren die Nasen und vor allen Dingen die Barben, Brachsen, ganz selten ein Hecht. Den fing man meistens nur am Standbähren. Der Hecht hatte seine Standorte, vor allem unterhalb vom Kraftwerk Laufenburg, da gab es Prachtkerle bis zu einem halben oder dreiviertel Meter lang. Es gab auch Forellen, aber nur im Murgbach.

Lachse sind auch gekommen?

Ja, aber nicht mehr lange. Durch den Bau des Kraftwerks Rheinfelden war es vorbei mit den Lachsen. Als in Säckingen das Kraftwerk gebaut wurde sowieso. Da gab es hier keine Lachse mehr. Das Kraftwerk in Laufenburg ist um die Jahrhundertwende gebaut worden, so ungefähr vor hundert Jahren. Bis dahin kamen noch welche. Mein Großonkel G. L. erzählte immer die Geschichte von seinem letzten Lachs, den er gefangen hatte. Der hat es also noch erlebt in den 30er und 40er Jahren. Die Kraftwerke Säckingen und Rheinfelden sind ja jünger, die kamen erst später.

In welchem Jahr sind Sie geboren?

1935. Nächstes Jahr werde ich 80.

Was sind Ihre ersten Kindheitserinnerungen?

Wir waren acht Geschwister, also eine kinderreiche Familie. Die ersten Erinnerungen, die ich so habe, das war nicht nur mit den eigenen Geschwistern. Ringsherum waren Familien mit fünf bis acht Kindern. Dieses Zusammensein mit den Kindern hat mich sehr früh geprägt. Wir haben so kleine Grüppchen gebildet in der Nachbarschaft. Und dann natürlich die Schulerinnerungen und das, was mein Vater so erlebt hat, vom Rhein und so. Ich kann mich erinnern, als kleiner Bub, dass mein Vater mit einem großen Hecht nach Hause kam, den er selbst gefangen hatte. Der lag im Wasserstein, das war früher die Spüle in der Küche. Er hing links und rechts raus und schwabbelte und schlug mit dem Schwanz. Das weiß ich noch, das hat mich geschaudert. Wir sind über die Kriegs- und Nachkriegszeit gut hinweggekommen, weil wir jeden Tag Fisch hatten.

Das kirchliche Leben hat mich auch schon in der Jugend geprägt. Wir wareneine christliche Familie. Am Sonntag ist man immer in die Kirche gegangen. Wir waren vier große Geschwister, ich habe zu den vier jüngeren Geschwistern gehört. Mein Vater hat an jeder Hand Kinder gefasst und sie den Ort heruntergeführt zur Kirche. 

Sie sind also von Anfang an in einer Gemeinschaft, in einer Zugehörigkeit zu vielen Menschen aufgewachsen. Damals konnte man ja noch auf der Straße spielen.

Ja, da war man im Sommer immer barfuß. Ein richtiger Schuh war ja ein rarer Artikel. Da hatte man so „Holzklepperle“, so sagten wir damals, das waren Holzschuhe. Aber sonst lief man barfuß. Wenn man mal in eine Pfütze geraten ist, dann hat es gespritzt, das hat einem gut getan. Abends hieß es dann immer „Füße waschen!“. Wir hatten eine Waschküche, da wurden wir dann abgespritzt. 

Sie waren acht Geschwister und sind gleichzeitig mit den anderen Kindern aus der Nachbarschaft aufgewachsen.

Also wenn wir Äpfel oder Brot hatten, da spielte es keine Rolle, ob noch ein Nachbarkind dabei war. Genausowenig, wie wenn wir bei denen im Garten oder im Haus waren. Da wurde man miteinbezogen wie ein eigenes Kind.

Hat Ihre Mutter auch selbst gebacken?

Nein, das hat sie nicht. Dazu hat uns das Mehl gefehlt. Aber es war schon so, dass man immer alles geteilt hat. Dieses Gemeinschaftsgefühl, das wurde praktisch mit der Muttermilch eingesogen.

Wo haben Sie das Brot gekauft?

Beim Brutschy-Bäck.

War das der einzige Bäcker?

Nein, unten gab es noch den Bäumle-Bäck. Später kam noch die Bäckerei Huck dazu. Aber beim Brutschy-Bäck konnte man in der schlechten Zeit, wo man gerade nicht zahlen konnte, auch mal anschreiben lassen. Als kinderreiche Familie hatten wir in dieser Beziehung ohnehin einen Bonus. Aber mein Vater hat das dann immer mal wieder mit einer tüchtigen Fischration wettgemacht.

Man hatte ja viel selbst im Haushalt und hat dann dazugekauft, was gefehlt hat. Wie sind da in einer Familie mit acht Kindern die Einkäufe abgelaufen? Wer ist da einkaufen gegangen?

Wir hatten immer einen großen Garten beim Wohnhaus. Da mussten wir auch viel drin arbeiten, --- gießen und Gras rupfen. Man hat viel aus dem eigenen Garten geerntet. Wenn wir kleine Sachen brauchten, dann hieß es von der Mutter „Geh mal zum Konsum und hol mal noch Mehl oder Salz“. Wenn es größere Sachen waren, dann ist sie einmal in der Woche selbst mit zwei Taschen zum Einkaufen gegangen. Mein ältestes Geschwister ist 1925 geboren, das jüngste 1941. Also da gab es schon welche, die selbständig einkaufen konnten.

Sind die jüngeren Geschwister von den älteren mitaufgezogen worden?

Ja, wir waren drei Buben und fünf Mädchen. Ich musste immer von meinem größeren Bruder die Kleider tragen. Aber das war halt so üblich. Der hat mal von seinem Götti einen Bleyleanzug geschenkt bekommen. Ein dunkelblauer Bleyleanzug, das war etwas Kostbares. Ich freute mich darauf, dass ich den auch einmal würde tragen dürfen. Aber bis dahin war er dann nicht mehr tragbar; er war abgeschabt.

Das heißt es war etwas ganz Besonderes, Kleider zu kriegen. Wurde Kleidung auch selbst genäht, oder hatten Sie Nachbarn, die für Sie geschneidert haben?

Eine Schwester meiner Mutter war Damenschneidermeisterin. Sie hatte hier in Murg ein Geschäft, das von der mütterlichen Seite herstammte. Da sind immer alte Sachen für die Jüngeren verarbeitet worden. Als mein Großvater 75 Jahre alt wurde, musste ich ein langes Gedicht vortragen. Da hat mir diese Tante aus einem alten grauen Anzug ihres Vaters, also von dem Jubilar, einen Anzug gemacht, also kurze Hosen und eine Jacke dazu. Das weiß ich noch, das war mein erster Anzug, der extra für mich gemacht wurde. Selbst geschneidert, sonst hatte ich immer nur getragene Sachen. Auch bei meiner Erstkommunionsfeier hatte ich schon getragene Sachen gehabt. Aber das war gang und gäbe, da hat man sich nichts dabei gedacht. Es war sauber und ganz. Also für mich war schlimm, dass ich im Hochzeitsanzug von meinem Vater in die Tanzstunde musste. Unser Enkel, der jetzt auch einen Tanzkurs gemacht hat, der hat auch meinen Hochzeitsanzug angehabt. Aber meine Frau hat ihn natürlich umgeändert auf seine Größe und der sah darin tipptopp aus. Er war stolz, dass er den Anzug behalten durfte. Mir hat er dann natürlich nicht mehr gepasst, nachdem er umgeändert wurde. 

Gab es zur damaligen Zeit schon so etwas wie einen Kindergarten?

Das gab es im Altersheim St. Vinzentiushaus. Da waren Schwestern, darunter zwei Kinderschwestern, Erzieherinnen würde man heute sagen. Da ist man am Vormittag in die Kinderschule gegangen. Ich bin im östlichen Teil von Murg aufgewachsen, da sind 10 bis 12 Kinder – also eine ganze Horde – am frühen Morgen mit einem umgehängten „Täschle“ losgezogen in den Kindergarten.

Wann sind Sie in die Schule gekommen? War das nach Kriegsausbruch?

1941 bin ich in die Schule gekommen. Stichtag war damals der 1.September. Es hieß, dass vorerst der Religionsunterricht ausfällt, weil der Pfarrer verhaftet worden ist. Das war der Geistliche, der mich getauft hatte. Er hat sich politisch gegen die Nazis betätigt und wurde zu der Zeit, als ich eingeschult wurde, verhaftet. Später habe ich dann erfahren, dass er nach Dachau gekommen ist.

Können Sie sich noch an den Tag erinnern, wie das für Sie war?

Man hat das einfach so zur Kenntnis genommen. So eng war ich damals noch nicht mit der Pfarrei verbunden, dass in mir dadurch etwas ausgebrochen wäre oder so. Wir sind – wie andere auch – in der Zeit immer zur Kirche gegangen und hatten Religionsunterricht. Aber das weiß ich noch, als bekannt wurde, dass vorerst der Religionsunterricht ausfällt. Wir hatten zwar einen Vikar, der durfte aber nur in der Kirche Unterricht erteilen. Und der wurde dann auch vorübergehend Pfarrverweser, bis 1942 die Pfarreistelle neu besetzt wurde mit einem Pfarrer, der 26 Jahre lang in Murg blieb.

Der Pfarrer, der verhaftet wurde, wissen Sie, was aus dem wurde?

Der hat Dachau überlebt und ist dann als rüstiger und unternehmungslustiger Rentner dahergekommen. Er hat die Heilig-Kreuz-Kirche in Bad Säckingen gebaut. In der Pfarrei hat er sich niedergelassen. Er war ein richtiger Motor und war maßgeblich an der Gründung einer zweiten Filial-Pfarrei beteiligt. Dr. Gustav Banholzer hieß er. 

Wurde damals über die Verhaftung des Pfarrers nicht viel geredet?

In den Familien, in der Bevölkerung ist das lange vorher schon heiß geworden. Der Pfarrer hat während der Predigt immer von der Kanzel herunter gegen die NS-Leute gewettert. Ich habe die ganzen Protokolle von damals gelesen. Einmal kam die Gestapo in die Kirche, da rief er von der Kanzel herunter „Schreibt nur bitte auf, passt auf, was ich jetzt sage“. Man muss sich einmal den Mut vorstellen! Daraufhin haben sie ihm zuerst den Religionsunterricht verboten und dann den Zutritt zum Schulhaus. Eines Nachts haben sie ihn dann verhaftet und abgeführt. Man hatte Leute bestochen, die ihn wegen Pädophilie angezeigt haben, und das war dann der Verhaftungsgrund. Aber man hat ihm nichts nachweisen können. Der Erzbischof, Dr. Conrad Gröber, stand hinter ihm.

Aber das Hintergrundwissen dazu haben Sie erst später gekriegt. Als Kind haben Sie einfach mitbekommen, dass der Religionsunterricht ausfällt und sich keine weiteren Gedanken darüber gemacht.

Ja. Ein Arbeitskollege von mir, der 10 Jahre älter ist als ich, der hat mir hin und wieder mal so Sachen von ihm erzählt. Der war Ministrant unter ihm und er hat gesagt, dass sie immer gestaunt haben. Er hatte in seinem Studierzimmer eine riesengroße Landkarte gehabt und hat immer genau markiert, wo jetzt die Russen ihre Stellungen haben und alles Mögliche. Der war begeistert, wie der Pfarrer das so darstellen konnte. Solche Sachen habe ich natürlich schon erfahren.

Sie waren ein bisschen über vier Jahre alt, als der Krieg ausgebrochen ist. Können Sie sich daran noch erinnern? Haben Sie da irgendeine Erinnerung daran, dass es hieß, es ist Krieg?

Ich weiß nur, dass dann die Kontingentierung los ging und man mit Lebensmittelmarken und Bezugsscheinen einkaufen musste, weil alles rationalisiert war. Nach der Anzahl der Familienmitglieder wurden Lebensmittelmarken für Butter, Milch, Brot usw. ausgegeben und auch die Bezugsscheine für Kleider, Schuhe, Kohle oder Heizmaterial. Ich weiß noch, dass die in der Familie gehütet wurden wie ein Heiligtum, dass da nichts verloren ging. Vor allem auch, wenn Verwandte eingezogen wurden oder auch gefallen sind.

Ich weiß noch, wie ein Neffe meines Vater zum ersten Heimaturlaub kam. Als er sich wieder verabschiedet hat, da hat er zu meiner Mutter gesagt „Ich sehe Dich jetzt zum letzten Mal. Ich weiß genau, ich komme nicht mehr heim.“ Und er ist auch nicht mehr heim gekommen. Das ist haften geblieben bei mir. Diese Prophezeiung, die dann auch eingetreten ist. Vielleicht hat er etwas gespürt. Er ist in Russland gefallen.

Wie war das mit den Lebensmittelmarken und den Fischen. Ihre Familie hat ja auch Fische über den familiären Bedarf hinaus gefangen. Ich weiß von Metzgereien, dass da auch der Staat Anrechte darauf hatte, wenn man ein lebensmittelproduzierender Betrieb war. Wurde die Fischverteilung auch irgendwie geregelt?

Nein, die Fische, die wir gefangen haben, da wurde nichts abgezogen. Nur wenn es Massen-Fische gab, wie zum Beispiel die Mainasen. Aber meine Mutter war sehr großzügig. Sie hat die Fleischmarken, die wir nicht gebraucht haben, in der Regel an ihre Geschwister oder die meines Vaters verteilt oder auch an eine Familie, die ebenfalls nachher mit meinem Vater noch zum Volkssturm eingezogen wurde.

Mein eigener Vater ist 1898 geboren. Als er in den 60er Jahren die Kinder gesehen hat, hat er gesagt „Mensch, es ist schön, dass es so viele gutgenährte und gesunde Kinder gibt.“ Wie war das in Ihrer Jugend?

In unserer Jugend war das sehr schlimm. Da gibt es eine Statistik, die liegt im Rathaus, und das kann man da nachlesen. Da waren also viele unterernährt, mehr als 50%, und haben verschiedene Krankheiten gehabt. Das Schlimmste war, wie es hieß, 83% der Murger Volksschüler waren wurmerkrankt, und es gab in Deutschland keinerlei Medikamente dafür. In Murg wohnende Schweizer haben den Bürgermeister darauf aufmerksam gemacht, dass es in der Schweiz am Walensee eine Gemeinde mit dem gleichen Namen gibt, und wir sollten uns doch dorthin wenden. Das hat der Bürgermeister dann auch gemacht, woraufhin dort eine Welle der Hilfsbereitschaft ausgebrochen ist. Nicht nur, dass man sofort Medikamente erhielt, es wurde auch alles mit dem Zoll geregelt. Und ein Vierteljahr später waren die wurmerkrankten Kinder alle wieder gesund. Die Schwestergemeinde hat auch Lebensmittel, Schuhe und alles Mögliche gespendet. Da kamen also ständig Pakete an aus Murg am Walensee. Aber die Kinder waren in jener Zeit schon – also wir, meine Familie nicht - unterernährt und wurmerkrankt. Es gab noch andere Krankheiten, aber ich weiß gar nicht mehr genau, was das alles war.

Wenn wir gerade nochmal auf die Schweiz kommen. Sie kommen aus der Fischerei- und Fährtradition. Im Krieg wurde der Fährdienst wahrscheinlich eingestellt.

Die Schweizer haben das Fährseil am 1.September 1914, bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs, gekappt. Seither gibt es diese Fähre nicht mehr. Mein Großonkel war der letzte Fährmann, der also dann noch tätig war.

Also genau vor hundert Jahren. Sie haben von dem einen Verwandten gesprochen, der die Prophezeiung gemacht hat, er komme nicht mehr zurück und der auch nicht mehr zurückgekommen ist. In der Gemeinde Murg sind ja wirklich auch viele …

73 im Ersten Weltkrieg. Im Zweiten, da habe ich die Zahlen nicht parat. Ich habe über den Ersten Weltkrieg gerade einen kleinen Bericht geschrieben, weil die Murger eine Ehrenchronik haben, wo das alles drin steht. Also im Ersten Weltkrieg waren es 73 Gefallene.

Haben Sie beim Zweiten Weltkrieg mitbekommen, dass Männer aus dem Ortsbild verschwunden sind?

Ja, der Onkel meiner Frau ist bis heute vermisst. Ich weiß auch noch von einer Familie im Rothaus, die im Krieg drei Söhne verloren hat. Das war eine zu Herzen gehende Trauerfeier. Da wurde immer noch Salut geschossen neben der Friedhofsmauer mit so einer Kanone.

Was haben sie selbst vom Krieg mitbekommen?

Ich habe schon einiges mitgekriegt. Das Jungvolk wurde da gebildet im Dritten Reich und die Hitlerjugend, dann die größeren Jugendlichen, da war mein Bruder dabei. Als Kind ist man auf den Schulhof gegangen. Die Hitlerjugend hat da Appelle, Geländespiele usw. gemacht. Wenn man das nicht besucht hat, dann kam der Polizist. Mein Vater hat damals in Rheinfelden gearbeitet und war nur samstags und sonntags daheim. Und da ist er mit meinem älteren Bruder, der ist sieben Jahre älter als ich, im Murgtal „ins Holz“ gegangen, sie haben im Wald Leseholz oder Abraum, also die Äste, die nicht verwendet wurden, gesammelt. Und er konnte deshalb nicht zur Hitlerjugend gehen. Am Tag darauf kam der Polizist, das war ein zwei Meter großer Mann, dem hat man nur „der lange Samstag“ gesagt. Mein Vater hat natürlich immer eine Entschuldigung gehabt: „Es geht nicht anders, ich brauche den für die Familie.“ Und dann ging das soweit klar.

In jedem Haus musste man im Speicher Feuerschutz machen, es musste ein Eimer voll Sand und Wasser da sein und ein Schlauchanschluss. Dann hat man überall Schutzräume eingerichtet, wo Keller waren, die groß und stabil genug waren, diese gewölbten Keller, gegenüber vom Rathaus, wo jetzt das Jugendcafé ist. Und der Pfarrhauskeller, da musste man immer rein, wenn wieder Fliegeralarm war. Das hat man natürlich schon mitgekriegt, diese ganzen Sachen, die mit dem Krieg verbunden waren.

War das für Sie als Bub eher etwas Abenteuerliches oder eher etwas Beängstigendes?

Für mich war das eine beängstigende Sache. Zumal dann nachher die Evakuierten kamen, deren Städte im Rheinland usw. bombardiert wurden. Die sind dann hierher verlegt worden. Da kamen in unsere Volksschulklasse fünf oder sechs derartige Schülerinnen und Schüler, die haben ständig geheult. Es war schon beängstigend, gerade wenn die Sirene losging, dann hat man einfach schnell irgendwo einen Schutz gesucht. Also wenn man das erlebt hat, dann kann man nachfühlen, wie es den Leuten in Tel Aviv geht, wenn so eine Rakete kommt.

Sie haben die Schicksale von Evakuierten miterlebt. Wann hat das angefangen?

1944, da kamen die ersten aus dem Ruhrgebiet. Ich hatte dort sogar Verwandte, das wusste ich bis dahin gar nicht. Sie kamen hierher, weil sie speziell zu ihren Verwandten wollten. Das war 1944.

Ab Februar 1945 wurde auch hier bombardiert. Von da an war der Schulunterricht nur noch freiwillig, weil es die Lehrer nicht verantworten konnten, dass die Schüler da unterwegs sind. Der eine Evakuierte sagte: „Das bisschen Sirene oder die Flieger, die da kommen, das ist ja nichts im Gegensatz zu den Bombenteppichen.“ Also die müssen schon vieles mitgemacht haben. Das Schulhaus diente die letzten anderthalb Jahre vor dem Umsturz als Kriegslazarett. Dort wurden 120 bis 140 Verletzte in den Klassenzimmern und in den Gängen untergebracht. Der Unterricht wurde in den Saal des St. Vinzentiushauses, wo wir früher Kinderschule hatten, verlagert.

Sie haben gesagt, dass diese Erfahrungen damals auch angstbeladen waren. Wie haben Sie das Ende des Krieges erlebt? War das ein Gefühl von „Da kommt der Feind, das wird dann noch schlimmer“?

Eher nicht, weil meine Eltern ja keine Parteigänger waren. Sie waren froh, dass es vorbei war. Mein Vater hat den Ersten Weltkrieg mitgemacht und wurde im Januar 1945 nochmals als Volkssturmkompanieführer in den Zweiten Weltkrieg eingezogen. Bis zur Kapitulation war er zwar wieder zurück, aber als am 25. April die französische Panzerspitze durch Murg kam, da war er noch nicht da. Da hat man natürlich schon Angst gehabt, wie es weitergeht. Auf der anderen Seite hat meine Mutter gesagt: „Jetzt bin ich froh, jetzt kann ihm nichts mehr passieren. Jetzt kann er heim kommen.“ Wir wussten, wo er war. Er war in Schluchsee. Dort war ein Pfarrer, das war ein Schulkamerad von ihm. Dort hat er sich versteckt. Der hat ihn aufgenommen und hat gesagt: „August, ich schick dich erst heim, wenn alles ruhig ist.“ Und meine Mutter wusst, wo er war.

Bevor mein Vater zum Volkssturm eingezogen wurde, musste er die Übungen mitmachen und Lehrgänge besuchen. Als dann die Franzosen im Anmarsch waren, haben die Männer, die im Volkssturm waren, alles alte Männer, meiner Mutter die Waffen, die sie brachten, einfach in der Wohnstube abgestellt; Panzerfäuste, Granaten, Munition, Gewehre. Also ganze Berge. Wir hatten natürlich Angst. Meine Mutter konnte sich gar nicht wehren, die kamen einfach. Der Nachbar von uns konnte französisch und als die Franzosen hier waren, ging der sofort auf einen zu und hat ihm die Not unserer Mutter erzählt und dass sie nichts dafür kann. Sie haben das hier eben abgeladen, weil ihr Mann eingezogen wurde. Sie haben dann mit zwei Leiterwagen die Waffen bei uns abgeholt und ins Rathaus gebracht. Bei uns wurde ein Sergeant einquartiert, dadurch hatten wir immer einen Wachtposten vor der Tür. Überall wurden Hasen und Hühner und alles Mögliche gestohlen, aber bei uns nicht. Bei uns war ein Wachsoldat vor der Haustür, weil der Sergeant bei uns genächtigt hat.

Wie haben Sie die erste Zeit nach dem Krieg erlebt?

Sie waren ja damals über 10 Jahre alt. Man konnte sich wieder frei bewegen, außer nachts, da durfte niemand auf die Straße, es herrschte Ausgehverbot. Es gab eine Demarkationslinie einen Kilometer einwärts vom Rhein. Es wurde ein Stacheldrahtzaun entlang vom ganzen Hochrhein errichtet. Den durfte man nur mit einer Genehmigung, einem „Laissez-Passer“, überschreiten. Mein Vater hatte wegen seines Onkels und der Fischerei einen „Laissez-Passer“ gekriegt, damit er auf dem Rhein vom Kraftwerk Laufenburg bis nach Säckingen und wieder zurück fahren durfte. Sonst hätte er das ja nicht machen können. Sein Onkel war schon über 80.

Wir hatten da gerade unsere Vorbereitung zur Erstkommunion 1945. Im Gasthaus Hirschen, wo jetzt die Volksbank ist, wurden die ganzen Zimmer beschlagnahmt. Da waren die Franzosen kasernenmäßig untergebracht. Vorne dran standen zwei Wachhäuschen. Wenn die Kinder da vorbei gingen, wurden sie angehalten und mitgenommen, um in der Scheune Kartoffeln zu schälen. Wir haben das spitzgekriegt und sind dann hinten rum über die Murg gelaufen, da, wo jetzt die Willi-Düsch-Brücke ist. Wir haben das also umgangen, weil wir Ortskenntnisse hatten. Aber sonst hat man natürlich schon Angst gehabt, wenn man gesehen hat, wie in der Nachbarschaft das ganze Kleinvieh geholt wurde, die Hühner, die Hasen aus dem Keller usw. Wir hatten auch Hasen, aber wir hatten ja einen Wachtposten vor der Tür. 

Wo waren die Franzosen stationiert?

Im Gasthaus „Rheinischer Hof“ war die Ortskommandantur eingerichtet. Die Leute wurden in den Gasthäusern „Hirschen“ und „Rheinischer Hof“ oder privat untergebracht. Bei uns war wie gesagt ein Sergeant untergebracht worden. Das muss irgendwie vom Rathaus aus geregelt worden sein. Wahrscheinlich mussten der Bürgermeister und der Ratsschreiber sagen, wo Möglichkeiten waren. So nehme ich es an, ich habe da noch nie etwas darüber nachgelesen. Ich weiß nur, dass die Franzosen eigentlich human waren. Der damalige Pfarrer hat sich in der Nacht, bevor die Panzerspitze kam, in der Kirche einschließen lassen. Wie nachher bekannt wurde, hat er allein die ganze Nacht hindurch gebetet. Er hat das Versprechen abgelegt, dass er jedes Jahr zu unserer Lourdes-Grotte, wir haben eine LourdesGrotte in Murg, eine Lichterprozession mit Gottesdienst abhält, wenn Murg verschont bleibt und alles gut über die Bühne geht. Es fiel kein einziger Schuss in Murg. Seither wird jedes Jahr an Mariä Himmelfahrt diese Lichterprozession mit Gottesdienst abgehalten, so wie es der damalige Pfarrer versprochen hat.

Ich mache einen Sprung zurück. Sie haben von den Evakuierten gesprochen und dann kamen später die französischen Besatzungstruppen. Ich gehe davon aus, dass das das erste Mal war, dass die Murger Bevölkerung mit NichtKatholiken, Protestanten unter den Flüchtlingen und Ausländern, also Marokkaner bei den Franzosen, in Kontakt kam. Wie war das? Was wurde da im Dorf gesprochen? Was haben Sie da erlebt?

Da kann ich mich an nichts Markantes erinnern. Marokkaner hatten wir keine in Murg, die sind dann durchgezogen, weiter mit der Panzerspitze. Also vis-à-vis von unserem Haus waren Flaks (FlugzeugAbwehrKanonen) aufgestellt, und die Franzosen campierten da in Zelten um diese Flaks herum oder in der Garage eben dieses Mannes, der französisch sprach. Dort haben sich etwa zehn Leute in der Garage niedergelassen.

Aber was die Evakuierten anbelangt, da gab es keinen Unterschied mehr in der Religion. Die waren bei uns in der Kirche oder im Unterricht, das war eine selbstverständliche Verbrüderung und Verschwisterung. Da gab es noch keine evangelische Kirchengemeinde in Murg. Ich weiß noch, dass später ein Alwin Schneevoigt sich darum gekümmert hat. Der hat mit dem Pfarrer im Hintergrund Regie gespielt und ausgeholfen. Es ist mal ein Mädchen verschwunden. Da wurde vermutet, dass die Franzosen sie gekidnappt hätten. Es fanden Untersuchungen und Gespräche im Geheimen statt. Es hat sich dann herausgestellt, dass sie einfach nur bei einem ihrer Verwandten auswärts war und nicht hier in Murg. Aber da haben die zusammengearbeitet.

Haben Sie etwas davon mitgekriegt, dass sich französische Besatzer an Frauen oder Mädchen vergangen haben?

Ich weiß nur aus den Akten, dass der Pfarrer Sauer einen Bericht an den Dekan geschickt hat, wonach es in Murg gottseidank keine Ausschreitungen gegeben hat. Es sei ihm nichts bekannt. Und dass er deshalb froh ist. Er hat es natürlich auf das Versprechen zurückgeführt, das er da gegeben hat in der Nacht. 

Welche Erinnerungen haben Sie an die Nachkriegszeit und die Rückkehr in die Normalität?

Hatte das auch etwas mit der Währungsreform zu tun? Ja, das auch. Aber da war ich an und für sich schon gar nicht mehr in Murg. Ich bin 1946 in die damalige Oberrealschule, das heutige Scheffelgymnasium, gekommen und hatte beim Pfarrer Sauer Lateinstunden, damit ich dann ein Jahr später in ein Gymnasium in Freiburg kam. Das ging damals noch nicht, man musste abwarten, bis man da an der Reihe war. Ich bin dann 1947 ans Bertholdgymnasium nach Freiburg gekommen. Als ich da am Bahnhof ankam, habe ich bis zum Schlossberg durchgehend nur eine Trümmerlandschaft gesehen. So ähnlich ging es mir auch mal in Berlin, das war 1952. Da hat man auch über weite Kilometer nur Trümmer gesehen.

Was ich noch erlebt habe: Wir sind mit dem Zug nach Säckingen in die Oberrealschule gefahren. Da hat man den ganzen Tag Schule gehabt, dafür zwei Tage frei in der Woche. Für 20 Pfennig bekam man in einer Gaststätte eine warme Suppe, den Rest hat man von zuhause mitgenommen. Abends ist man mit einem Güterwaggon zurückgefahren, oder man lief halt heim. Also meistens sind wir heim gelaufen. Die größeren Schüler haben von den Lehrern den Auftrag bekommen, etwas auf uns zu schauen. Aber das war auch immer eine romantische Sache. Da ist man an keinem Apfelbaum vorbei ohne zu naschen. So verlief das halt. Das war damals gang und gäbe. Es ging dann langsam, langsam aufwärts. Als die Währungsreform kam, da bekam man einen Grundbetrag ausbezahlt, das Kopfgeld pro Familie. Das war schon eine einschneidende Sache. Das hat Vieles verändert. Ich war ja in einem Internat im Konvikt, deshalb habe ich nur vom Hören-Sagen erfahren, wie es daheim ging.

Sind Sie in den Ferien heim gekommen?

Ja, in den großen Ferien im August und an Weihnachten, Ostern und Pfingsten. Das waren die Ferienzeiten, in denen wir heim durften Sonst nicht.

Haben Sie dann hochdeutsch geredet, wenn Sie nach Murg gekommen sind?

Nein. In der Schule in Freiburg wurde ich ausgelacht. Wenn gefragt wurde, was wir jetzt haben, dann sagte ich „Dütsch“ und dann haben sie gesagt, nein, wir haben „Deutsch“. Einmal musste man ein Gedicht vom Hebel vorlesen. Das habe ich natürlich waschecht hingebracht. Da konnte ich mit meinem Dialekt glänzen. Aber es ging gut, es waren drei Klassen. Eine reine Mädchenklasse, eine gemischte und eine Bubenklasse. Ich war in einer Bubenklasse mit 42 Buben und bin da gut angekommen.

Das war eine große Klasse. Haben Sie damals mitbekommen, dass es Schläge und Züchtigungen gab?

Als Schüler? Nein, ich kann mich nicht erinnern. In Murg in der Volksschule schon. Da habe ich mir so manche Ohrfeige eingeheimst, das weiß ich noch. Ich war halt auch etwas vorlaut, das gebe ich gerne zu. Aber so richtige Züchtigung habe ich nicht erlebt.

Und in der Familie vom Vater?

Doch, da wurden wir schon auch bestraft. Mein Vater hat saftige Ohrfeigen austeilen können, auch meine Mutter. Mein Bruder, der war ein noch größerer Schlingel als ich, der hat ab und zu schon mal den Hosenriemen von meinem Vater zu spüren gekriegt. Aber der musste ihm auch viel helfen. Also gerade am Samstag, wenn es in den Wald ging, da war er wichtig. Er ist Jahrgang 1928.

Aber im Internat in Freiburg gab es Züchtigungen und solche Sachen nicht?

Nein. Aber es gab Missverständnisse. Ich hatte da ein persönliches Erlebnis, über das ich nicht reden möchte, aber das beruhte auf Missverständnissen. Aber eine Züchtigung gab es nicht, höchstens Hausarrest.

Strafen gab es auf jeden Fall.

Ja. Wir waren im Internat 80 Schüler. Sextaner bis Oberprimaner. Und da musste eine gewisse Ordnung her und eine gewisse Strenge. Entweder passte man sich an, oder man musste halt die Konsequenzen tragen.

Wann sind Sie denn wieder nach Murg zurückgekommen?

1950 als 15Jähriger. Damals kosteten das Internat und auch das Gymnasium Geld. Und mein Vater hatte ja noch andere Kinder, da hat er gesagt: „Ich kann nicht das ganze Geld einem zu Gute kommen lassen. “Eines schönen Tages hieß es dann: „Nächstes Jahr musst du heim, das verkraften wir nicht mehr.“ Und dann bin ich heim gekommen. Ich habe dann eine Stelle gesucht und im Rathaus gefunden. Nebenher besuchte ich die dreijährige Handelsschule und machte meinen Handelsschulabschluss. Das ging damals, da hat man auch samstags gearbeitet. Drei Tage hatte man von morgens bis abends Schule und drei Tage war man im Geschäft als Lehrling. Ein gewisser Teil der Internatskosten ist als Stipendium gewährt worden. Das mussten wir natürlich wieder zurückzahlen.

Wie war das damals für Sie? Waren Sie traurig oder haben Sie es einfach akzeptiert?

Mit starken Wehmutsgefühlen bin ich von Freiburg weggegangen. Ich habe mich da wohlgefühlt, und ich hatte natürlich ein Ziel. Aber aus dem wurde nichts.

Sie wollten Pfarrer werden?

Ja. Also unser Pfarrer meinte, ich sollte Pfarrer werden, deshalb hat er sich darum bemüht. Aber in der Gemeinschaft habe ich mich wohlgefühlt, und ich habe Sachen mitgekriegt. Schon als Schüler habe ich Choral gesungen, also schwierige katholische Kirchenmusik. Wir sind einmal im Monat im Münster aufgetreten, in der Spätmesse. So etwas vergisst man natürlich nicht.

Aber ich musste einsehen, dass es nicht klappte. Der Vater hatte ein Geschäft angefangen, das hatte er ja vorher schon, im dritten Reich. Aber weil er kein Parteigenosse war, bekam er fast keine Arbeit. Der Rädelsführer von Murg war auch Malermeister, und er hat dafür gesorgt, dass mein Vater fast keine Arbeit bekam. Deshalb hat mein Vater dann in Rheinfelden als Industriemaler gearbeitet. Er kam abends nach Hause, und samstags und sonntags war er daheim. Nach dem Krieg hat er sich wieder selbständig gemacht. Aber das lief nicht so gut. Die Leute hatten alles andere im Sinn, als die Wohnung renovieren zu lassen. Und das Meiste, was er gemacht hat, war „Totentäfele“ schreiben. Er hat eigentlich Kirchenmalerei gelernt. Er hat Glück gehabt, dass er diese Möglichkeit hatte. Damals gab es noch Holzkreuze und so ein Blech. Da hat er von Hand „Hier ruht in Gott“ usw. drauf gemalt. Solche Sachen hat er gern gemacht, und die konnte er auch. Er war der einzige, der diese „Täfele“ hergestellt hat.

So bin ich dann her gekommen und habe auf dem Rathaus meine Arbeit begonnen, von der Pike auf bis später zum Hauptamtsleiter. Ich habe alle Abteilungen durchgemacht und habe mich natürlich auch hier in der Gemeinde eingefügt, vor allem in der Pfarrei und in der Jugendarbeit war ich tätig. Als Jugendlicher war das für mich sehr wichtig. Ich bin dann auch dem Kirchenchor beigetreten. Nächstes Jahr sind meine Frau und ich seit 60 Jahren Chorsänger. 

Sie haben sich aber nicht im Kirchenchor kennengelernt.

Nein, beim Tanzkurs, ganz klassisch.

Sie wissen über die Geschichte von Murg sehr viel. Waren Sie schon als Kind von Geschichte fasziniert?

Also vor allem habe ich von meinem Vater die Sammelleidenschaft übernommen. Was der alles aufgehoben hat, sogar die ersten Jahrgänge von der Zeitschrift „Fricktalisch-Badische Vereinigung vom Jura zum Schwarzwald“. Er war ja Mitglied von 1926 an. Ich habe daran immer Interesse gehabt.

Ein Verwandter meines Vaters hat über 30 Jahre – man kann schon sagen wissenschaftlich – unsere Familienforschung betrieben, mit intensiver Archivbearbeitung im In- und Ausland. Er hat ein richtiges Werk vollbracht. Weil seine beiden Söhne im Krieg umkamen, hat er das Werk meinem Vater vermacht, der ihm von der Murger Seite her viel zugearbeitet hat. Und mein Vater hat es dann mir vermacht, weil er wusste, da geht’s nicht verloren. Ich war auch immer dabei, wenn irgend etwas Besonderes war. Ich kann mich noch erinnern, als Dreijähriger an der Hand meines Vaters, als das jetzige Kriegerdenkmal eingeweiht wurde, um das jetzt so gestritten wird. Das war 1938. Da war ein großer Aufmarsch von allen Vereinen. Das ist damals schon in der NS-Zeit gewesen und da durften wir dabei sein. Da kann ich mich noch ganz schwach daran erinnern, als ich dieses monumentale Ding gesehen habe.

Durch Ihre Arbeit auf dem Rathaus haben Sie wahrscheinlich auch direkt, nicht nur über das Sehen, sondern auch von der Information her, mitbekommen, wie sich das Leben verändert hat, wie z.B. viel gebaut wird.

Also gerade nach dem Krieg sind ja diese Ost-Flüchtlinge aus Preußen und Ostpreußen in die Bundesrepublik, in die alten Bundesländer, gekommen. In Säckingen waren die Flüchtlingslager in Baracken. Die Gemeinden mussten nach einem bestimmten Schlüssel soundso viele Flüchtlinge aufnehmen. Das war eine ganz schwierige Aufgabe für die Gemeinde. Nach dem Wohnraumbewirtschaftungsgesetz mussten alle Wohnungen in der Gemeinde ermittelt und festgehalten werden, wie viele Personen diese Wohnung in Anspruch nahmen. Da gab es einen Schlüssel, wie viel Wohnraum einem Einwohner zusteht. Dadurch konnte man ermitteln, wo freier Wohnraum war. Da gab es auch eine Wohnungskommission. Der Bürgermeister und der Ratsschreiber mussten dann intensive Gespräche führen, um die Freiwilligkeit dieser Leute zu gewinnen, dass sie jemanden aufnehmen. Das ist fast nie gelungen. Die Flüchtlinge mussten dann zwangseingewiesen werden. Das hat natürlich auch Prozesse ausgelöst. Mein Ratsschreiber-Vorgänger hat die Gemeinde in diesen Prozessen vertreten, zum Teil in Freiburg. Das war eine schlimme Zeit. Da stand man als Gemeindeangestellter nicht im besten Licht, aber man konnte ja nichts dafür.

Als unter Blank die Remilitarisierung kam, musste der Geburtsjahrgang 1922, das waren alles noch aktive Soldaten, zuerst erfasst werden. Diese Erfassungsbögen musste ich als junger Angestellter im Rathaus aufnehmen. Da gab es Männer, die waren oberschenkelamputiert vom letzten Krieg. Die mussten so einem Jungspund Fragen beantworten, die da vorgegeben waren. Der eine ist direkt zum Bürgermeister rein gegangen und hat sich beschwert, was ich mir erlauben würde. Der Bürgermeister sagte einfach: „Der macht nur seine Pflicht. Wenn es der nicht macht, dann muss es ein anderer machen. “Die meisten im Jahrgang 1922 waren vernünftig.Diese Wohnungszwangsbewirtschaftung hatte viel Unfrieden in die Gemeinde gebracht. Wir haben damals, der Gemeinderat und der Bürgermeister, Volksfeste veranstaltet. Jedes Jahr auf dem Schulhausplatz haben alle Vereine mitgewirkt in irgendeiner Form, mit Unterhaltung, mit Bedienung oder mit dem Aufund Abbau. Der Erlös kam den hier wohnenden Flüchtlingen zu Gute. Sie konnten damit Möbel, Einrichtungsgegenstände, Kleider, Schuhe usw. kaufen. Dieses Volksfest für diesen Zweck, das hat die Gemeinde etwas vereint. Das ist dann in den umliegenden Gemeinden auch nachgemacht worden, als man merkte, was das bewirkt hat. Und die entsprechenden Ansprachen dazu, der Landrat usw. Das gab einen Auftrieb, das hat etwas beruhigt. Der Gemeinderat hat das damals gut erkannt, dass so etwas gemacht werden muss als Ausgleich für die Unzufriedenheit.

Hat das Volksfest geheißen?

Ja, Volksfest. Ich habe noch private Aufnahmen davon.

Es war so etwas wie die Integration von Ausländern heute.

Ja.

Da gab es ja dann auch die ersten Misch-Ehen. Gab das auch böses Blut?

Nein, höchstens innerhalb der Familien. Die Kirche hat ja dann auch gleich geschaltet, dass eine vor dem evangelischen Pfarrer geschlossene Ehe genauso Gültigkeit hat wie die Taufe beider Konfessionen. Früher hat man Misch-Ehen gesagt, heute sagt man konfessionsverschiedene Ehen. Das kam auch auf die Toleranz der einzelnen Geistlichen an, da gab es sture, und es gab auch andere. Aber wir in Murg hatten einen, der fortschrittlich gedacht hatte auf dem Gebiet.

Diese Zeit damals in den 50ern, war das für Sie eine Zeit, in der sich das Lebensgefühl positiv verändert hat?

Ja, das war die Aufbruchszeit. Das war deutlich spürbar. Die Vereine sind wieder entstanden nach dem Krieg. Viele ehemalige Vereinsmitglieder mussten sich zunächst entnazifizieren lassen. Das war in Tuttlingen, da mussten sie dann hin. Dann wurden die Vereine wieder gebildet. Es gab wieder Vereinsfeste. Die Kirche hat die Nazizeit auch gut überstanden und hat wieder Zuspruch und Aufschwung bekommen. Ich kann das von der katholischen Pfarrei sagen. Wir hatten also viele Buben- und Mädchengruppen in der Jugend, immer eingeteilt nach Altersstufen. Die Arbeit war sehr erfolgreich und gut. Heute kann man sich das gar nicht mehr vorstellen, aber es gab damals kein Fernsehen und nichts. Wenn man etwas erleben wollte, musste man schon selber tätig werden, man konnte nicht einfach einen Knopf rumdrehen. Wir haben eigene Tanzkurse veranstaltet unter den Jugendlichen oder auch Krippenausstellungen oder Wanderfahrten mit Zeltlager.

Man spürte schon die Aufbruchszeit. Ich hatte einen sehr guten Lehrmeister, den Bürgermeister. Der hat nach wie vor immer gespart. Der war für mich ein SparVorbild. Wenn man da kam mit einem Bleistift, den man fast nicht mehr halten konnte, da gab es keinen neuen Bleistift, sondern zunächst einmal eine Verlängerung. Solche Sachen bleiben haften, das können sie heute keinem Jungen mehr erzählen.

Können Sie sich an die Fußballweltmeisterschaft 1954 erinnern?

Ja, sogar sehr gut. Da habe ich die erste Verwaltungsprüfung gemacht. Da gab es von der Badischen Gemeindeverwaltungsschule eine Bezirksschule der Kreise Lörrach, Säckingen und Waldshut. Zweimal wöchentlich waren wir in Säckingen auf Lehrgang. Nach einem Dreivierteljahr musste man die Lehrabschlussprüfung machen. An einem dieser Tage war in Basel oder in Zürich ein wichtiges Spiel der deutschen Mannschaft. Wir waren etwa 28 angehende Verwaltungsangestellte/- sekretäre, und der größte Teil davon ist zu dem Spiel gegangen. Wir waren nur noch zu viert im Unterricht. In jeder Reihe haben wir einen hingesetzt. Wir mussten den Lehrer unterhalten in der Zeit. Und dann natürlich diese Weltmeisterschaft. Wir waren damals im Gasthaus „Hirschen“, dem einzigen Gasthaus, das einen Fernseher hatte. Es war gestoßen voll. Da hat man natürlich mitgebrüllt.

So ein kleiner Schwarzweiß-Fernseher, wo man aus der Ferne kaum etwas gesehen hat.

Ja. Ich weiß noch, dass im Jahr darauf die Mannschaft von Kaiserslautern, da waren ja mehrere Nationalspieler drin, in Zürich gegen die dortige schweizerische Nationalmannschaft ein Freundschaftsspiel abgehalten hat. Ich hatte die Gelegenheit, mit dorthin zu fahren und konnte ein herrliches Fußballspiel sehen.

Sie haben den Fritz Walter Fußball spielen sehen?

Ja. Da gab es einen Strafstoß, den die Deutschen ausführen mussten, ca. 30 Meter vor dem Tor. Da war also die Mauer, und der ist angelaufen und hat den Ball mit dem Außenrist geschlagen und der Ball hat sich so um diese Mauer herum gedreht ins lange Eck. Das Ding war unhaltbar! Da habe ich geschrien. Wenn man das sieht, diese Kunst, die der hatte, unglaublich. Man hat ihn Absatzkicker genannt, weil er sogar mit dem Absatz Tore gemacht hat.

Die Welt hat sich dann zunehmend schneller verändert. Da kamen die ersten Autos, die ersten so genannten Selbstbedienungsläden. Gab es in Murg auch einen Selbstbedienungsladen?

Das war der Konsum, da wo jetzt an der Hauptstraße dieses Spielcasino ist. Aber wir hatten ja vier oder fünf kleine Tante-Emma-Läden im Ort, wo man in nächster Nähe etwas kaufen konnte.

Wie war das eigentlich mit den anderen Ortsteilen? Damals waren das ja noch selbständige Gemeinden. Gab es da irgendeine Beziehung zu Niederhof oder Oberhof außer Ihrer privaten?

1935, in meinem Geburtsjahr, haben die Gemeinden Murg, Niederhof, Oberhof und Hänner eine gemeinsame Wasserversorgung errichtet. Damals gab es gerade in Niederhof, Oberhof und Hänner die Haus- und Dorfbrunnen. Die vier Gemeinden haben sich damals zusammengetan und haben diese so genannten Raunserquellen in Hottingen zur Wasserversorgung bekommen. In Hänner, Oberhof, Niederhof und Murg wurden Hochbehälter errichtet und gemeinsame Leitungen von oben runter gelegt. Da ist diese Gruppenwasserversorgung „Vorderer Hotzenwald“ gegründet worden. Es gab also damals schon eine enge Beziehung.

Außerdem hat Niederhof immer als Filialpfarrei zur Pfarrei Murg gehört. Murg und Niederhof waren also seit eh und je schon immer eine Pfarrei.

Wann waren Sie das erste Mal im Ausland?

Als der Krieg vorbei war, konnte man ja in die Schweiz fahren. Man brauchte eine Grenzkarte, so eine grüne Karte. In der Nachmittagspause bin ich manchmal mit dem Fahrrad nach Laufenburg/Schweiz ins Perlini gefahren, das ist gerade auf der anderen Seite nach der Brücke. Da habe ich Kaffee gekauft oder Zigaretten, was es halt so gab. Dann bin ich wieder zurückgefahren. Das waren die ersten Auslandsberührungen mit der Schweiz. In der Zeit in Freiburg war ich mal bei einem Schüleraustausch in Nancy, aber nur über ein Wochenende. Das war das erste Mal für mich. Dort ging es natürlich auch um die französische Sprache. Ich meine das war 1949, als ich da in Frankreich war.

Das war dann ein Ausflug in eine fremde Welt.

Ja, das war eine fremde Welt. Aber ich habe nichts Nachteiliges in Erinnerung. Ich habe schon lange nicht mehr daran gedacht. Wir waren in einem Sammellager in einem Klassenzimmer. Wir hatten die Aufgabe, französisch zu sprechen, und die Franzosen deutsch.

Welche Aufgaben hatten Sie in den 60er-Jahren im Rathaus? Da haben Sie ja schon einige Zeit dort gearbeitet.

Ich führte viele Jahre das Einwohnermeldeamt, was mit Fundbüro und verschiedenen Sachen verbunden war. 1957 habe ich die Sekretärprüfung abgelegt und 1959 die Inspektorenprüfung für den gehobenen Verwaltungsdienst. In den 60er-Jahren habe ich alle Abteilungen durchgemacht. Ich war auf der Gemeindekasse – heute sagt man ja Rechnungsamt, damals war das ein und dasselbe Amt. Im Grundbuchamt und im Standesamt war ich sowieso nebenher tätig. Damals sind alle Kaufverträge im Rathaus abgeschlossen worden. Der Notar kam zweimal im Monat, und ich habe nichts anderes gemacht als nur getippt. Der Kaufvertrag wurde direkt in die Maschine getippt. Da bekam man natürlich Vieles mit. Ich habe – glaube ich – 1961 die Standesbeamtenprüfung abgelegt und wurde zunächst stellvertretender Standesbeamter. Als der Bürgermeister Honer wegging, wurde ich hauptamtlicher Standesbeamter.

So nach und nach habe ich alles gemacht, bis dann 1983 der Bürgermeister Honer nach 31 Dienstjahren wegging. Er hat mich sehr stark geprägt. Dann kam der Nachfolger, Herr Bernauer. Vor seinem Amtsantritt ist er alle Leute im Rathaus besuchen gegangen. Man musste mit ihm in die Wirtschaft gehen. Das habe ich abgelehnt. Ich sagte: „Wenn er mit mir sprechen will, dann kann er in mein Büro kommen.“ Er wollte wissen, was ich zuerst machen würde, was ich für Pläne hätte, wenn ich jetzt Bürgermeister werden würde. Da habe ich ihm klar gesagt, das würde ich soundso machen. Das muss ihm scheinbar am Besten gefallen haben, denn am zweiten Tag nach seinem Amtsantritt bin ich Hauptamtsleiter geworden. Die Vorbereitung von Gemeinderatssitzungen, die Durchführung von Gemeinderatsbeschlüssen usw., diese wichtigen Sachen, die haben wir dann so ausgeführt, wie ich sie vorgeschlagen hatte. Das kam bei mir aus der Praxis heraus.

Das war ja clever von Ihnen.

Beim ersten Wahlgang ist er mit 54 oder 55% gewählt worden, und acht Jahre später nur noch mit 17,3%.

Sie sind als Jugendlicher von Murg weggekommen und dann wieder zurückgekehrt. Sie sind ein Teil von Murg, das ist Ihre Heimat hier. Sie haben hier Ihre Frau gefunden und sehr früh ein Haus gebaut, Sie haben Kinder, Familie. Wenn Sie aus der heutigen Perspektive zurückschauen auf diese Zeit, ist das für Sie erstaunlich, was aus diesem Buben von damals geworden ist?

Selbstverständlich. Vor allem erstaunlich, was geworden ist, als ich meine Frau kennen gelernt habe. Ich habe mich schon immer um andere bemüht und war gruppenmäßig zuständig. Aber als dann meine spätere Frau kam, und sie wollte noch nicht und ich hab gesagt, ich warte, dann haben wir ausgemacht, dass wir zunächst ein Haus bauen und dann erst heiraten. Und am Hochzeitstag sind wir hier eingezogen. Also das hatte zur Folge, dass wir acht Jahre auf diesen Tag warten mussten von dort ab, denn wir mussten ja sparen. Sie hat als Schneiderin gearbeitet, manchmal Tag und Nacht, hatte einen Zulauf.

Nachdem sie in München ihre Zuschneidefertigkeit gelernt hatte, also die hat Mäntel, Kleider, Kostüme gemacht, immer genau zugeschnitten auf die Person, nicht ausgerädelt, sondern sie konnte eben dieses System. Und da hatte sie einen großen Zulauf. Ich habe natürlich auch nebenher noch Sachen gemacht. Ich schrieb für die Zeitung, was heute so die freien Berichterstatter machen. Ich verarbeitete hauptsächlich das Kommunalpolitische, jeweils mit Zustimmung vom Bürgermeister und nach Einsicht. Der wollte immer sehen, was ich da an die Zeitung abgebe. Ich berichtete als freier Mitarbeiter der Zeitungen auch über viele Vereinsveranstaltungen oder Versammlungen usw. Und nebenher betrieb ich auch noch das Inkasso für eine Versicherung.

Wir haben uns in dieser Zeit nichts genehmigt, keinen Urlaub oder sonst irgend etwas. Die Sonntagnachmittage verbrachten wir mit Spaziergängen in der näheren Umgebung.

Sie hatten eine hohe Motivation, zielstrebig große Leistung zu bringen, um gemeinsam etwas zu erschaffen. Wenn Sie ein Stück weit beide Leben vergleichen, das bis zu den 50er-Jahren und das heutige. Was können Sie da sehen? Wo war es gewinnbringend, und wo haben sich Dinge so verändert, dass Sie es eher als schade empfinden?

Gewinnbringend war sicher, dass ich kein Einsiedlerleben geführt habe, dass ich mich mit der Jugend und der Gesellschaft befasst habe. Dadurch habe ich die Fähigkeit gewonnen, mit den Leuten umzugehen. Das hat mir bei meiner RathausArbeit immer wieder geholfen, dass ich auf die Leute eingehen und mit ihnen umgehen konnte. Ich habe mir vorgenommen, das habe ich auch den Auszubildenden gesagt, dass niemand heim geschickt werden darf, wenn einer kommt und eine Frage hat oder eine Auskunft will oder auch etwas ausgefüllt haben will, etwa einen komplizierten Fragebogen, auch wenn man dafür nicht zuständig ist. Rathaus-Mitarbeiter sind Diener an der Gemeinde, und das habe ich den Auszubildenden immer beigebracht. Das habe ich auch selbst von meinem Bürgermeister immer gesagt bekommen: „Schickt niemanden heim, sondern geht auf die Leute zu. “Dass ich früher im Umgang mit den Jugendlichen Fähigkeiten bekommen habe, die Leute richtig einzuschätzen, hat mir bei meiner Arbeit sehr geholfen.

Gibt es Dinge, die Sie bedauern, wo Sie die Entwicklung kritisch sehen?

Recht vieles. Die moderne Technik hat uns nicht nur Positives beschert. Ich fange mal an beim Computer, bei diesen Smartphones und alles, was es da so gibt. Die Leute kommunizieren nicht mehr so miteinander wie früher. Das spürt man schon. Hier in der Nachbarschaft hat man sich früher viel mehr unterhalten, heute grüßt man sich nur noch, und das sind so Sachen, die nicht gut sind für meine Begriffe und die auch für die Zukunft nicht gut sind. Denn die Jugend kriegt gar nicht mehr mit, was wir an Gemeinschaft und an Gesellschaft erlebt haben. Die gehen zur Schule, kommen heim und sitzen vor ihrem Schreibtisch und Computer. Ich will gar nicht von meinem Enkel reden, sondern das hört man allgemein. Das sind Sachen, die Werte selber. Ich bin natürlich streng erzogen worden, meine Frau auch. Heute ist alles freigegeben, in jeder Beziehung. Und ich halte das für nicht gut. Ein Mindestmaß an sich zügeln, das gehört heute genauso dazu wie früher. Und das ist eben nicht mehr vorhanden. Die Rohheit, mit der die Jugendlichen zum Teil, es sind gottseidank nur kleine Gruppen, in den Städten und manchmal auch auf dem Land umgehen mit anderen, das ist so etwas Ungutes.

Im Vergleich dazu war das, was Sie mitbekommen haben, wo Sie mit ganz vielen Kindern zusammen waren, etwas Schönes.

Ja, das war etwas Schönes. Und daher kommt auch erstens die Erkenntnis, dass das, was heute ist, nicht gut ist und zweitens, dass das Werte sind, die verlorengegangen sind und die der heutigen Jugend leider fehlen. Es ist immer schwer, wenn man wieder einmal irgendwo beieinander sitzt, den Jugendlichen etwas klar zu machen, wie das früher war. Das tun sie dann einfach ab. Aber der Wert, den es dadurch gab, das ist nicht mehr vorhanden. Das stimmt mich manchmal traurig, wenn man sieht, wie das jetzt ist.

Ich gehe mal davon aus, dass Sie nicht immer ein leichtes Leben hatten. Da war kein Überfluss. Aber ich höre auch, dass es bis jetzt ein erfülltes Leben war. Würden Sie dem zustimmen?

Dem stimme ich zu. Ich habe ein erfülltes Leben. Das kann ich jetzt im Nachhinein sagen. Vor vier oder fünf Wochen haben wir Goldene Hochzeit gefeiert. Da haben wir oft Rückblick gehalten, wir zwei oder auch andere. Und ich muss sagen, wir haben es „recht gemacht“, was wir uns vorgenommen hatten und wie wir es gestaltet haben. Das hat uns auch richtig zusammengeschweißt. Wir waren nicht immer einer Meinung, aber wir sind immer zu einer gemeinsamen Meinung gekommen. Es hat in der ganzen Zeit nie ein Zerwürfnis gegeben in irgendeiner Art. Da bin ich gottfroh drum. Es war schon ein erfülltes Leben.

Und hoffentlich geht’s noch einige Jahre weiter. Das wünschen wir Ihnen. Dankeschön für das Gespräch.