TransitionTownLogo

G.G., * 1938. Stammt aus Ostpreußen. Heute wohnhaft in Hänner.

Als fünftes Kind erblickte ich das Licht der Welt. Unsere Familie (Vater, Mutter, fünf Jungen und ein Mädchen) wohnte in unserem Einfamilienhaus in der Region Ermland, einer erzkatholischen Gegend nördlich der Masuren im Kreis Braunsberg. Heute gehört diese Region zu Polen.

Mein Vater, Leiter des Bahnhofs in unserem Dorf mit ca. 1.000 Einwohnern, verunglückte im Dezember 1944 tödlich an seinem Arbeitsplatz. Aufgrund der Kriegshandlungen musste meine Mutter mit ihren sechs Kindern zwischen zwölf Jahren und einem Jahr flüchten. Ich war noch im September eingeschult worden. Aber aufgrund der Bombenangriffe fand die Schule nur noch sporadisch statt und wurde im Dezember 1944 gänzlich eingestellt. Da wir keine Pferde und auch keinen Trecker hatten, waren wir auf das Wohlwollen anderer angewiesen und wurden in dem Flüchtlingstreck verteilt untergebracht. 

Abertausende zogen Richtung Ostsee, wo sie auf die Mitnahme auf großen Schiffen nach Westen hofften. Über das zugefrorene Frische Haff kamen wir nach Pillau, einer Hafenstadt südlich von Königsberg. Als unsere Familie letztendlich auf ein Schiff kam, waren die Gebiete an der Ostsee wegen Kriegshandlungen und Überfüllung von Flüchtlingen nicht mehr anfahrbar. So steuerte unser Schiff direkt Kopenhagen in Dänemark an. Zunächst waren wir in einer großen Turnhalle in Kopenhagen untergebracht. Mein jüngerer Bruder erkrankte hier an der Schilddrüse und wurde ins Krankenhaus mitgenommen. Tage später erhielten wir die Nachricht, dass er hier verstorben ist und eingeäschert wurde. 

Nach einem weiteren Zwischenlager wurden wir nach Hjørringim Norden Dänemarks gebracht. Hier befand sich ein großes Lager mit unzähligen Barracken aus Holz, einem Gebäude der Lagerverwaltung und sogar einer Schule. Hier lebten wir ca. zwei Jahre. In den kalten Wintermonaten mussten wir dick angezogen schlafen, da das zugeteilte Brennholz gerade zum Kochen reichte. Das Lager, in welchem auch Schulunterricht von deutschen Flüchtlingslehrern abgehalten wurde, war rundherum mit Stacheldrahtzaun und Wachpersonal des dänischen Militärs umgeben. 

Im Juni 1947 schließlich ging es dann zurück nach Deutschland. Mit dem Zug durch zerbombte Städte kamen wir in ein Zwischenlager nach Offenburg. Von hier aus ging es ca. drei Wochen später in ein Lager nach Säckingen, das in der ehemaligen Lonza eingerichtet war. Von hier aus wurden die Flüchtlinge in die umgebenden Orte zugeteilt. Am 31. Juli 1947 wurden wir in Hänner als erste Ostflüchtlinge beim Dörnetwagner in der Rotzler Straße eingewiesen. Nur mit dem was wir an Kleidern anhatten und was wir tragen konnten, wurden wir in Hänner aufgenommen und fürs Erste gut versorgt. Hier begann meine erste geordnete Schulzeit in der dritten Klasse bei Herrn Lehrer Pillmann, der alleine alle acht Klassen unterrichtete. Wir Kinder hatten auch schnell Anschluss gefunden bei den Schulfreunden. Natürlich hörte man dann und wann auch mal das Wort „Stinkpreuß“. Aber darauf hatte man eine entsprechende Antwort und Kinder vergessen schnell Unangenehmes. 

Um richtig akzeptiert zu werden, war das Annehmen des hiesigen alemannischen Dialektes sehr wichtig, was für junge Menschen auch kein Problem darstellt. Da in Hänner in der damaligen Zeit in fast jedem Haus eine Nebenerwerbslandwirtschaft betrieben wurde, half man nach der Schule bei seinen Freunden mit beim Heuen, Ernten und Kartoffeln ausmachen. Im Herbst war Viehhüten angesagt. Als Schülerbub erhielt man pro Nachmittag 50 Pfennig. 

Lausbubenstreiche gehörten selbstverständlich auch zum jugendlichen Leben. Diese wurden dann nicht bei der Polizei sondern beim Bürgermeister oder beim Lehrer gemeldet, wofür es dann „Tatzen“ gab, d. h. Stockschläge auf die Hand. Überhaupt waren der Bürgermeister, der Pfarrer und der Lehrer für uns Kinder Personen, vor denen wir viel Respekt hatten. 

Meine Schulzeit verlief etwas kurios. Nach der dritten Klasse wurde ich getestet und dann in die fünfte Klasse versetzt. Das hatte zur Folge, dass bei der Schulentlassung (damals wurde ein verkürztes Schuljahr eingeführt, nämlich von Herbst auf Ostern), ich erst 13 Jahre alt war. Da ich unbedingt Maurer werden wollte, aber körperlich dazu nicht reif genug war, waren meine Mutter und Herr Hauptlehrer Gramer der Meinung, ich sollte die zweijährige Handelsschule in Säckingen besuchen. Da ich das nicht wollte, wurde beschlossen, das achte Schuljahr einfach noch einmal durchzuziehen. Aber trotzdem erinnere ich mich gerne an die Schulzeit. Diese ist mit der heutigen gar nicht zu vergleichen. Unsere Ausflüge bestanden überwiegend aus Wanderungen durch das Murgtal oder den Hännemer Wald. Gerne erinnere ich mich aber auch an einen Ausflug mit dem Höhenwagen (Autobus) an den Bodensee. Das war für uns Kinder etwas ganz Besonderes. Auch Fahrten zu einem Zirkus nach Säckingen, wofür von Landwirten Traktoren mit Anhängern organisiert wurden, waren etwas Außergewöhnliches. Mit so einem Gefährt wurde auch einmal das Fridolinsfest in Säckingen besucht. 

Ein Fahrrad zu besitzen war auch nicht selbstverständlich. Wir hatten mit fünf Geschwistern gerade einmal zwei Stück und ich als Jüngster bekam dieses nur, wenn es die anderen nicht brauchten. Als ich es einmal haben durfte, wollte ich mit Freunden ans Fridolinsfest nach Säckingen fahren. In Niederhof fiel mir aber der Dynamo aus der Verankerung in das Vorderrad und ich stürzte kopfüber in den Straßengraben. Das Fahrrad war natürlich nicht mehr fahrbar und ich musste es nach Hause schieben. 

Ansonsten kam man kaum aus dem Dorf hinaus. Man brauchte es auch nicht, weil es hier eigentlich alles gab, was zur Zufriedenheit führte. Jugendzentrum war das „Milchhüsli“ (Milchsammelstelle), wo die Landwirte ihre übrige Milch hinbrachten, um ein paar Mark zu erlösen. Lebensmittelläden gab es in den Fünfzigerjahren in Hänner fünf Stück. Außerdem einen Landmaschinenhandel mit Reparaturwerkstatt und Tankstelle, eine Fahrradwerkstatt, einen Frisör, eine Schneiderei, eine Schuhhandlung mit Werkstatt, eine Poststelle, zwei große Gaststätten, eine Wagnerei, ein Fuhrgeschäft, eine Getreidemühle, drei Schreinereien, ein Baugeschäft, zwei Sägewerke, eine Sattlerei, Hausmetzger, Schnapsbrennereien und auch eine Hebamme. Hauptarbeitgeber waren aber die Seidenbandwebereien, die obere und die untere Fabrik.

Durch den Zuzug vieler Flüchtlinge aus dem Osten Deutschlands erhielt Hänner auch in der religiösen Struktur eine wesentliche Änderung, da hier im südlichen Hotzenwald eine fast hundertprozentige katholische Glaubensverbreitung vorhanden war. Daraus wurde eine gemischte Gesellschaft, da viele der Flüchtlinge evangelisch waren. 

Wir als Kinder waren darum auch immer etwas neidisch auf die Protestanten, weil diese, wenn wir mit dem Herrn Pfarrer Religionsunterricht hatten, immer eine Stunde schulfrei hatten. Überhaupt, wenn ich die Kindheit unserer Generation mit der heutigen vergleiche, hat sich Vieles ganz anders entwickelt. Die Kinder haben eine viel größere Auswahl in ihrer Freizeitgestaltung. Die Möglichkeit, Sport zu treiben z. B. Fußball, Tennis, gab es in unserer Zeit nur in größeren Gemeinden, die von uns zu Fuß nicht erreichbar waren. Heute würden die Kinder gefahren, da die Eltern mobil sind. Auch in der Kommunikation, fast jedes Kind hat schon ein Handy, ist natürlich alles ganz anders. Wir spielten am Bach, im Wald, bauten Hütten und zogen auch unerlaubt Forellen aus der Wühre. Auch in den Scheunen bzw. in der „Ifahrt“ (Einfahrt) der Bauernhäuser war in den Wintermonaten unser nicht immer ungefährlicher Spielplatz. So geschah es auch, dass ein jüngerer Schulkamerad in der Transmission einer Scheune, heute Poststraße 11, tödlich verunglückte. Das war für uns eine ganz traurige Angelegenheit, zumal ich bestimmt wurde, mit drei anderen den Sarg vom Wohnhaus bis zum Friedhof mitzutragen. Ob die heutigen Kinder auch eine schönere Erlebniswelt erfahren als wir, wage ich zu bezweifeln. 

Die Einwohnerzahl der Ortschaft Hänner, die nach dem Zweiten Weltkrieg auf etwas über 600 geschrumpft war, hat sich bis heute 2015 auf über 1.100 fast verdoppelt. Das hat natürlich auch Veränderungen in den nachbarschaftlichen Beziehungen mit sich gebracht. Zunächst waren es die Flüchtlinge, die für Zuwachs sorgten. Viele dieser sind aber wieder in die Rheinebene verzogen, da dort die besseren Arbeitsplatzangebote vorhanden waren. Anfangs der 60er Jahre, als in der Weltismatte ein erstes Baugebiet erschlossen wurde und Anfang der 70er Jahre das Rüttematt-Moos dazu kam, stieg die Einwohnerzahl bis 1973 auf 850 und 1980 wurde die Zahl 1.000 erreicht. Das war die angestrebte Einwohnerzahl, die, so glaubte man im Gemeinderat, zur Grundversorgung im Lebensbereich notwendig war, dass z. B. Post, Bank, Friseur, Lebensmittelgeschäft, Schule, Rathaus, Gaststätten und vieles andere notwendig war, um eine Existenz dieser zu ermöglichen. Leider hat dies in der heutigen schnelllebigen Zeit keine Bedeutung mehr. 

War der Zuzug nach dem Krieg bestimmt durch die Flüchtlinge, die meist kinderreich hier ansiedelten, so änderte sich dies in den späteren Jahren, da viele aus ganz Deutschland hier ein Grundstück erwarben, um im Grünen in einem schönen Einfamilienhaus ihren Lebensabend zu genießen. Viele davon wollten ihre verdiente Ruhe haben und das Gemeindeleben interessierte sie nur am Rande. Heute kann man hier wieder die Veränderungen wahrnehmen, da einige dieser Häuser von jungen Familien erworben werden. 

So hat sich die Vermischung der Einwohner in Hänner aus ganz Deutschland (der Anteil von Ausländern ist sehr gering) positiv im kulturellen Bereich gestaltet. 1951 wurde in Hänner das Gemeindehaus gebaut. Wir Kinder schauten fasziniert zu, wie die Baugrube von Hand ausgehoben wurde. Auch beim Aufbau gab es weder einen Baukran noch sonstige Geräte. Lediglich der Beton wurde mit einer Maschine gemischt. Das Gemeindehaus brachte eine ganz neue Infrastruktur ins Dorf. Die Feuerwehr bekam eine neue Bleibe. Die Milchsammelstelle wurde hierher verlegt. Eine Fahrradwerkstatt wurde eingerichtet. Im Kellergeschoss wurde das Gemeindebad mit Duschen und Wannenbädern installiert. Eine Wäscherei, eine Notschlachtstelle und ein Verkaufsraum wurden eingerichtet. Die bäuerliche Raiffeisengenossenschaft erhielt einen Lagerraum und eine Gemeinschaftsgefrieranlage wurde errichtet. In den zwei darüberliegenden Geschossen wurden vier Wohnungen gebaut, die auch wegen des ständigen Zustroms von Flüchtlingen dringend benötigt wurden. 

Hier entstand auch mein Berufswunsch, einen Baufacharbeiterberuf zu lernen. Dieses geschah dann auch 1953, als ich die Lehre beim Gipsergeschäft Matt in Oberhof begann. Nach der Lehre sammelte ich Erfahrungen in Laufenburg, Wehr und Säckingen. 1950 ist unsere Familie von der Rotzler Straße in die Landstraße zur Familie Döbele umgezogen. Hier hatten wir für die damaligen Verhältnisse eine schöne, helle Wohnung. Zur Lebensunterhaltung hatte meine Mutter auch eine „Bündte“ gepachtet, wo alles notwendige Gemüse angepflanzt wurde. Im Sommer war Holzhacken, Heidelbeeren und Pilze suchen angesagt. Überhaupt wurde auch bei den Landwirten der größte Teil der Grundnahrungsmittel selber angebaut. Dazu gehörten auch die Äpfel-, Birnen-, Zwetschgen- und Kirschbäume, die im so genannten „Bumet“ standen. Sie wurden dementsprechend geschnitten und gepflegt. 

1954 wurde Deutschland Fußballweltmeister. Das hat in mir eine Leidenschaft für diesen Sport ausgelöst. Zunächst ging ich nach Laufenburg und spielte in der AJugend. Später schaffte ich sogar den Sprung in die erste Mannschaft, die damals in der Bezirksliga spielte. Da auch andere Jungs aus Hänner folgten, entstand schließ- lich der Wunsch, wie in umliegenden Gemeinden auch einen Fußballverein zu gründen. Dieses wurde dann auch 1959 geschafft. Bei den ersten Spielen des SV Hänner, der erste Sportplatz war im Gewann „Steinbühl“, war ein riesiges Interesse in unserem Dorf entstanden. In Scharen wurden die Spiele verfolgt. Meisterschaften und Abstiege gab es natürlich auch. Noch heute gehe ich zu den Heimspielen des SV Hänner, in welchem ich dreizehn Jahre lang 1. Vorsitzender war und wo heute bereits meine Enkel spielen. Und ich bin stolz, dass der Verein noch existiert. 

Ende der 50er Jahre hatte unsere Mutter den Wunsch, wir könnten doch ein eigenes Haus bauen. Handwerkliche Berufe hatten wir ja erlernt. Ein Bruder Schreiner, einer Schlosser, ich Gipser und der Schwager Maler, waren die Voraussetzungen hierfür. Nach Erkundigungen im Umfeld fiel die Wahl dann letztendlich auf Wehr. Die Stadt Wehr, aufstrebender Industrieort, hatte günstiges Baugelände und warb um Interessenten. So bauten wir mit viel Eigenleistung in Wehr ein Haus mit zwei Wohnungen und zogen 1960 dort ein. Da ich zu dieser Zeit schon mit meiner Frau liiert war, zog es mich wöchentlich zwei oder drei Mal nach Hänner zu Freundin und Fußball. Im Dezember 1962 haben wir dann geheiratet und ich war wieder zurück in Hänner. In Hänner begann zu dieser Zeit eine große Bautätigkeit. Unter der Erschließungsgesellschaft des späteren Bürgermeisters Karl Eckert wurde zunächst die „Weltismatte“ und dann das Baugebiet „Rüttematt-Moos“ erschlossen. Herr Eckert sagte damals zu mir: „Du, wir brauchen hier ein Gipsergeschäft.“ Also meldete ich mich spontan auf der Meisterschule in Freiburg an und legte im Juni 1964 meine Meisterprüfung als 5 Stuckateur ab. Am 01. Juli meldete ich dann ein selbstständiges Gipsergeschäft an. Inzwischen habe ich bereits den „Goldenen Meisterbrief“ von der Handwerkskammer in Konstanz erhalten und zwei unserer Söhne führen noch heute dieses Geschäft weiter. 

Freiwillige Feuerwehr, Musikverein, Gesangsverein sind für ein gesellschaftliches und kulturelles Leben im Dorf einfach ein Muss. Als Kind blickte man immer voll Staunen, wenn diese bei festlichen Anlässen aufmarschierten. Deshalb war es auch fast Pflicht, im jugendlichen Alter sich einem dieser Vereine anzuschließen. Gerade in Hänner war dies Tradition, zumal all diese Vereinigungen bereits vor 1900 gegründet wurden. So meldete ich mich 1955 bereits bei der Feuerwehr an und bin dieser bis heute treu geblieben. Auch wollte ich zum Musikverein, jedoch war kein freies Instrument vorhanden, so dass ich mich entschloss, dem Männerchor beizutreten. Nach Gründung des Sportvereins 1959 war es nun aber ein Verein zu viel, so dass ich beim Männerchor passen musste. Diesem bin ich aber 1997 wieder beigetreten. Der Musikverein hat 1972 leider aufgehört zu existieren. 

Wenn man in Vereinen tätig ist, kennt man die Leute und das Dorf, in dem man lebt und arbeitet. So war es folglich logisch, dass man sich auch für das kommunale Geschehen interessierte. So wurde ich 1971 in den Gemeinderat der damals noch eigenständigen Gemeinde Hänner gewählt. Damals wurde man für sechs Amtsjahre gewählt, aber alle drei Jahre wurde der halbe Gemeinderat (Hänner hatte acht Räte) neu bestellt, so dass das Gremium nicht auf einmal total neu gewählt werden konnte. 

Da in Baden-Württemberg in dieser Zeit die große Gemeindereform beschlossene Sache war, beschäftigte den Gemeinderat überwiegend dieses Thema. Hänner war im Regionalplan eigentlich Laufenburg zugeteilt. Murg war mit einem Fragezeichen versehen und konnte die Eigenständigkeit nur erhalten, wenn sich Niederhof, Oberhof und Hänner mit Murg zu einer Einheitsgemeinde aussprachen. Da wir zusammen schon seit 1936 eine gemeinsame Wasserversorgung hatten und neuerdings auch einen Abwasserzweckverband bildeten, zudem an der öffentlichen Personennahverkehrslinie Murg-Todtmoos lagen, war es naheliegend, über dieses Vorgehen zu beraten. Ein Mustervertrag zu einer Ortschaftsverfassung, in dem so viel Eigenständigkeit wie möglich erhalten werden konnte, lag als Grundlage vor. Die Frage, was man alles festschreiben kann, beschäftigte den Gemeinderat in vielen Sitzungen, manchmal bis Mitternacht. In Abstimmung mit der Gemeinde Murg wurde schließlich ein Papier erarbeitet, das 1972 den Bürgern als Grundlage zu einer Abstimmung über einen Anschluss zur Einheitsgemeinde Murg diente. Die Bevölkerung von Hänner sprach sich mit über 80 % für dieses Vorgehen aus. Somit war der Zusammenschluss zum 01.01.1973 besiegelt. 

Die Amtszeit des Bürgermeisters Karl Eckert aus Hänner wurde bis zum 30.06.1978 zum Ortsvorsteher umbenannt. Da dieser nach Auslauf der Amtszeit nicht mehr kandidierte, brauchte man in Hänner einen neuen Ortsvorsteher. Über den Vorschlag, dass ich dieses Amt übernehmen solle, war ich zunächst ganz perplex. Nach einer gewissen Bedenkzeit erklärte ich mich dann hierzu bereit und wurde ab 01.07.1978 Ortsvorsteher und konnte mit Unterstützung des Ortschaftsrates und der Bürger dieses Amt 25 Jahre ausüben. Nicht ganz ohne Stolz kann ich auf diese Zeit zurückblicken. So wurde doch einiges bewegt in meiner Amtszeit. Auf dem Rathaus wurde ich vom erfahrenen Ratsschreiber Josef Strittmatter voll unterstützt und Bürgermeister Honer lies in der Übergangszeit in väterlicher Weise dem Ortschaftsrat viel Freiheit. Auch vom Hauptamtsleiter Konrad Lüthy habe ich viel Unterstützung erfahren dürfen. Nur um einige zu erwähnen ohne andere zu vergessen. Der Ausbau und die Neugestaltung der Landstraße war der erste große Brocken, der mich beschäftigte. Es folgte der Ausbau der Poststraße, der Kirchbergstraße, die Erschließung und Bebauung „Unter der Kirche“, „Brunnenmättle“ und „Gartenmättle“ um nur einige wichtige Vorhaben zu erwähnen. Auch die Umgestaltung „Schmiedeäcker“ mit Sport- und Tennisplatz und vor allem die Errichtung des Vereinsheims mit viel Eigenleistung von Sportverein, Feuerwehr, Gesangsverein, Tennisclub und Musikverein Oberhof war eine große Aufgabe. Als Ortsvorsteher hat man nicht nur die Interessen der Ortschaft wahrzunehmen, man ist auch verpflichtet, an allen Ausschüssen teilzunehmen und die Weiterentwicklung in der gesamten Gemeinde im Auge zu haben. 

14 Jahre war ich auch Mitglied des Gutachterausschusses und habe als Standesbeamter viele Ehepaare getraut. Zu meinem Lebensinhalt gehört zweifellos auch die Kirche und mein anerzogener Glaube. 1948 habe ich als Achtjähriger in der Kirche in Hänner die erste heilige Kommunion erhalten. Damals war der Pfarrer von Hänner noch Herr Banholzer. Man hat als Kind jede Woche einen Schülergottesdienst besucht. Nach der Schule war am Sonntag, wo Kirchtag Pflicht war, nach dem Hochamt auch die Christenlehre zu besuchen. So hatte ich zu dem jeweiligen Pfarrer besonders in späteren Jahren stets ein gutes Verhältnis. Auch heute noch versuche ich, mich so gut ich kann einzubringen. Mit anderen bin ich seit langer Zeit dabei, wenn es heißt Weihnachtsbäume in der Kirche aufzustellen. Ich bin seit zehn Jahren Vorsitzender des Orgelbaufördervereins und auch bei der 2013 stattgefundenen Renovierung der Kirche konnte ich mithelfen. 

Was wäre das Leben ohne Familie? Meine Mutter, ein ausgeprägter Familienmensch, die ihre sechs Kinder nach dem Tod meines Vaters als alleinerziehende Frau über die Kriegsjahre und in der neuen Heimat hier in Hänner und Wehr durchbrachte, wage ich zu behaupten, hat uns zu guten Bürgern erzogen. So haben meine Frau, die auch aus ähnlichen Familienverhältnissen stammt, und ich versucht, unseren drei Söhnen, die auch alle Familien hier in Hänner haben, und uns acht Enkel geschenkt haben, für ihr Leben alles mitzugeben, was man braucht. Nach unserer ersten Mietwohnung sind wir 1965 in ein kleines Mietshaus in den Soodweg umgezogen und haben 1973 unser eigenes Haus in der Rosenstraße gebaut. Inzwischen haben wir 1993 im Gebiet an der Laufenburger Straße ein Betriebsgebäude mit zwei Wohnungen gebaut und sind hier eingezogen. 

Heimat. Was ist Heimat? Heimat ist dort wo man sich geborgen fühlt. Meine Heimat ist zweifelslos Hänner. Obwohl hier nicht geboren, fühle ich mich hier heimisch. Noch vor der politischen Wende 1987 habe ich zusammen mit meiner Frau, meinem ältesten Bruder, meiner Schwester und deren Mann, meinen Geburtsort im damaligen Ostpreußen besucht. Unser Haus in Heinrikau(heute Henrykowo) steht noch so wie damals und ist von einer umgesiedelten ostpolnischen Familie bewohnt. Es war zwar recht interessant und ich habe noch vieles erkannt, z. B. die Schule, die Kirche. Aber Heimatgefühle hat das in mir nicht ausgelöst. So wünsche ich mir für die Zukunft, dass mein und unser Heimatdorf Hänner so erhalten bleibt, dass durch nachfolgende Generationen dieser Grundstruktur Rechnung getragen wird und es verpflichtet, gutes altes Bürgertum zu erhalten ohne neues auszuschließen. 7 Es ist auch nicht förderlich, ständig neue Vereinigungen und Interessenvertretungen zu gründen und Traditionsvereine aussterben zu lassen. So ist in Hänner der Musikverein nach ca. 80 Jahren nicht mehr vorhanden und neuerdings auch der Schwarzwaldverein nach fünfzigjähriger Vereinstätigkeit eingeschlafen. Ein ortsprägendes Objekt ist neben der Kirche auch dieHänner-Wuhr, genannt „die Wühre“. Diese wird von der Murg, nördlich von Hottingen, abgezweigt, fließt durch Hottingen, Hänner, Oberhof, Binzgen und mündet in Laufenburg in den Rhein. Vermutlich ist diese im 12. Jahrhundert angelegt worden. In Hänner im Oberdorf fließt sie in den Schreienbach, der hier entspringt und läuft dann in diesem Bachbett bis Binzgen. Hier wird mit einer Schwellfalle Wühre und Schreienbach getrennt. Angelegt wurde sie, um Mühlen, Sägewerke, Schmieden und Hammerwerke zu betreiben. Aber auch Wiesenbesitzer hatten ein Wässerungsrecht. Die Wühre wird auch heute noch als Genossenschaft geführt, wobei Gefällsbesitzer, Wiesenbesitzer und die anliegenden Gemeinden Mitglied sind. Geleitet wird die Genossenschaft von einem Bachobmann, dessen Tätigkeit ich auch über zehn Jahre ausgeübt habe. Durch diese Wühre ist die älteste urkundliche Erwähnung von Hänner vom Jahr 1240, als ein Bruder von Hänner hier von einem Gericht als Zeuge vernommen wurde. Damit ist Hänner der älteste, der größte, der höchstgelegene und auch der schönste Ortsteil von der Gesamtgemeinde Murg. Über Letzteres kann man streiten. 

Wenn man Bilanz ziehen wollte, was war wohl die schönste Zeit im Leben, kann man dies wohl nicht so einfach beantworten. Die sorgloseste Zeit war wohl die Schulzeit, da man als Kind kaum Sorgen hatte. Im Berufsleben und vor allem auch in der Familie gab es immer wieder wunderschöne Zeiten, aber auch Zeiten, in denen man nicht ohne sich Sorgen zu machen vorbeikommt. Man hat ja letztendlich immer die Zukunft vor Augen, z. B. ist gesundheitlich alles im grünen Bereich mit der Familie, ist die berufliche Tätigkeit gesichert oder ist das gemeinschaftliche Zusammenleben befriedigend. 

In Zukunft wird es wohl noch viele Veränderungen geben. Dass alles zum Wohle der Gesellschaft sich auswirkt, kann bezweifelt werden. So kann ich mir nicht vorstellen, dass die schulische Fusion das Beste für die Bildung unserer Kinder sein wird. Grundschüler mit dem Schulbus durch die Gegend zu fahren, ist bestimmt nicht förderlich für die Entwicklung und vor allem auch für die Erziehung, da die Eltern ihre eigentliche Aufgabe der Erziehung größtenteils an die Schule abgeben. 

Wichtig in all diesen Fragen ist, dass man in den Kommunen, nicht nur im Gemeinderat, sondern auch in der Bürgerschaft all diese Probleme diskutiert und mitträgt.