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E.S., * 1938. Stammt aus Oberhof. Heute wohnhaft in Murg.

Sie sind 1938 in Laufenburg/Schweiz geboren?

Ja. Aufgewachsen bin ich in Oberhof. Meine Mutter kam aus Stuttgart. 1937 kam mein Bruder auch in Laufenburg/Schweiz auf die Welt. Ich bin also die Zweitälteste, dann kommt meine Schwester, die ist 1939 geboren. Im Oktober 1941 ist mein jüngster Bruder auf die Welt gekommen, und im April 1942 ist meine Mutter mit 26 Jahren gestorben. Das war in der Kriegszeit, und sie hat von der Nachgeburt irgendetwas zurückbehalten. Das gab eine Blutvergiftung und das Blut war alles an die Front gegangen und niemand konnte Blut spenden. So musste sie sterben. 

Da waren Sie gerade mal drei Jahre alt, der Älteste vier und der Jüngste ein halbes Jahr alt.

Mein Vater wurde mit 29 Jahren Witwer. Von da an hat uns unser Vater ganz alleine großgezogen. Finanziell hatte er keine Schwierigkeiten.

Was hat Ihr Vater gearbeitet? 

Er hatte eine große Landwirtschaft und eine große Dreschmaschine. Er hat für alle Bauern bis nach Murg runter gedroschen, weil sonst keiner eine so große Dreschmaschine hatte. Dann hatte er noch mit einem Kollegen zusammen ein Fuhrunternehmen. Das wurde ihnen im Krieg weggenommen, die großen Lastwagen und alles. Mein Vater hat finanziell immer jongliert, es hat ihm keine Schwierigkeiten gemacht. Wir hatten es sehr gut bei ihm. Wenn ich heute daran denke, was mein Vater mit vier Kindern geleistet hat, als Witwer mit 29 Jahren. Natürlich gab es Frauen in der Nachbarschaft, die geholfen haben. Wenn man in das Alter kam, als man die Periode bekam, da hat er immer geschaut, dass er eine Frau findet, zu der man hingehen konnte, damit man etwas aufgeklärt wurde. Aber sonst hat er wirklich alles alleine gemacht. Wir sind in die Schule gegangen, wir sind nie sitzengeblieben. Wir hatten eine gute Schule. Unser Vater konnte sich nicht um die Hausaufgaben kümmern. Da gab es den Lehrer, der hatte sieben Kinder, der wohnte in Harpolingen. Der musste am Nachmittag kommen und mit uns die Hausaufgaben durchnehmen. 

Der Lehrer kam zu Ihnen nach Hause? 

Ja, er kam von Harpolingen mit dem Fahrrad nach Oberhof. Am Abend durfte er dann alles mitnehmen, was er für sich und seine Familie brauchte im Haushalt, also Gemüse und Fleisch.

Das war ja eine gute gegenseitige Versorgung.

Ja, natürlich. Er war froh, dass er seinen sieben Kindern etwas zu essen geben konnte. Als Lehrer hat man ja auch nicht viel verdient. Und so hatten wir in der Schule eigentlich keine Probleme. Wir hatten es schön. Aber natürlich hat einem die Mutter gefehlt.

Gab es andere Bezugspersonen? Sie sagten ja, dass immer mal wieder Frauen da waren. Aber gab es auch eine Tante oder sonst jemanden, der Ihnen näher war?

Nein. Mein Vater war ja Schweizer. Er ist nachher nach Oberhof gezogen. Da gab es noch einen Onkel, der jetzt auch nicht mehr lebt. Der war so halb unsere Mutter. Der sollte in der Schweiz in eine Partei eintreten und hat das verweigert. Dann ist er aus der Schweiz ausgewiesen worden und konnte 15 Jahre nicht mehr in die Schweiz rein. Er hatte Familie und vier Kinder.

Er ist politisch unter Druck gekommen und hat nicht nachgegeben.

Und dann ist er ausgewiesen worden, ja. Er war dann ein paar Jahre bei meinem Vater. Er war dann quasi unsere Mutter und hat uns manchmal ins Bett gebracht.

War das der jüngere Bruder von Ihrem Vater oder der ältere?

Ein älterer Bruder. So sind wir groß geworden, und als wir aus der Schule kamen, hat unser Vater zu mir und meiner Schwester gesagt: „Jetzt müsst ihr was lernen.“ Dann hat er uns in eine Hauswirtschaftsschule geschickt. Meine Schwester war in BadenBaden und ich war in Rastatt bei den Barmherzigen Schwestern. Da hat man Haushalten gelernt von der Pike auf, nähen, stricken und alles. Das hat viel Geld gekostet, aber mein Vater hatte ja das Geld. 

Hat man da alle hauswirtschaftlichen Tätigkeiten gelernt?

Ja, auch Gartenarbeit. Wir mussten von Rastatt nach Muckensturm Bohnen pflücken gehen. Da war ja nicht nur ich alleine, viele Mädchen waren da unten. Meine Schwester hat Damenschneiderin gelernt und ich habe in Rastatt in der Klinik gearbeitet als Krankenschwester. Meine beiden Brüder haben Metzger gelernt. Sie haben beide den Meister gemacht. 

Wie alt waren Sie, als Sie nach Rastatt gekommen sind?

Das war direkt nach der Schule, ich war 15 Jahre alt. 

Wie lange waren Sie auf der Hauswirtschaftsschule in Rastatt?

Zwei Jahre. 

Und dann sind Sie in Rastatt geblieben?

Ja, ich habe in der Klinik eine Ausbildung angefangen. Und dann kam die S. auf die Welt. Das war nicht geplant. Ein Vierteljahr hätte ich noch machen müssen, dann wäre ich fertig gewesen. Die Leute in der Klinik in Rastatt sagten, dass ich die S. auf der Babystation lassen und dann die Prüfung ablegen könnte. Es war ja nur noch ein Vierteljahr. Aber dann hatte ich Schwangerschaftsurlaub und bin zu meinem Vater gefahren. Die S. ist dann hier auf die Welt gekommen. Und dann hat mein Vater gesagt: „So, jetzt ist Schluss. Du hast jetzt ein Kind und eine Mutter gehört zum Kind. Du versorgst jetzt dein Kind.“ So konnte ich die Ausbildung nicht abschließen. 

Und dann blieben Sie zuhause bei Ihrem Vater?

Ja, dann blieb ich zuhause und habe ihm geholfen. Er ist mit 56 Jahren gestorben. Es war schon eine Aufgabe, die er mit uns hatte. Ich denke, dass es nicht so einfach war für ihn. Als wir kleiner waren, ging das noch ein bisschen besser, aber als wir größer wurden, hat er dann schon Schwierigkeiten bekommen. Er hat zwar immer mal eine Haushälterin gehabt zwischendrin, aber das war alles nichts. Es hat einfach im Endeffekt nichts gebracht. Unser Vater war ein hilfsbereiter Mann. Wenn jemand in Not war, hat er immer gegeben. 

Sie sind 1938 geboren, ein Jahr später ist der Krieg losgegangen. Als kleines Kind bekommt man das ja kaum mit. Haben Sie noch Erinnerungen von der Kriegszeit?

Ja, ziemlich viele. Als die da oben geschossen haben. Wenn es wieder ruhig war, hat der Vater uns immer wieder losgeschickt. Wir mussten diese Hülsen sammeln. Die Hülsen, die heruntergeschossen worden sind und die auf der Wiese lagen und auf dem Feld. Und wenn es dann ganz schlimm war, dann hat er uns alle vier im Backofen versteckt. In der Küche in einem großen Backofen.

Als Schutz, wenn die Franzosen kamen?

Ja, und wenn es halt nicht gelangt hat zum Backofen, dann hat er uns hinter einer Holzbiege versteckt. Später dann in der Scheune. Da hat er eine Grube ausgehoben und betoniert. Da konnte er Bretter drauflegen und Heu darüber. Da konnte man sich auch verstecken. Und dann musste er zum Volkssturm. Er musste eigentlich in den Krieg, aber das konnte er ja nicht, weil er vier Kinder hatte. Deshalb musste er zum Volkssturm und am Tag Dienst machen. Und der Vater war halt so schlau, dass er sagte: „So Kinder, ihr geht alle mit zum Volkssturm.“ Er hat uns dort oben bei dem Chef ins Büro gesteckt und zu den anderen gesagt: „So, ihr passt jetzt auf und ich mache meinen Volkssturm.“ Zu uns Kindern sagte er: „Schreiet, blaret, lueget.“ Zwei Tage später musste er nicht mehr kommen. Gerade am Ende des Krieges, da hat er eine große Schnapsbrennerei gehabt. Wir hatten ja viel Obst. Das kam alles in so Riesenfässer rein und daraus wurde Schnaps gebrannt. So ein Fass hat er präpariert, und als die Franzosen kurz vor Kriegsende gekommen sind, hat er sich darin versteckt. Wir mussten weinen und sagen, dass wir keinen Vater mehr haben. Die Franzosen sind dann wieder gegangen. Mein Vater hatte viele französische Freunde. Als er nach Oberhof kam, hat er nur französisch gesprochen. Sie sagten zu ihm ja „der Franzose“, ein Leben lang, obwohl er eigentlich ein Eingebürgerter war. Er kam aus der französischen Schweiz aus dem Kanton Fribourg. Die Eltern von ihm hatten dort eine große Mühle. Sie sagten zu ihm „der Franzose“, weil er halt franzö- sisch gesprochen hatte. Ich kann mich noch gut erinnern, als die Franzosen kamen, in den Wald gingen und Rehe geschossen haben. Das gute Fleisch haben sie selbst gegessen. Es waren immer viele Franzosen bei uns oben. Das was Abfall war, das haben sie ihm verkauft für Eier. Und dann haben sie Eierlikör gemacht. 

Waren bei Ihnen auf dem Hof Franzosen einquartiert?

Nein. Das waren alles Freunde von ihm. Ein Unternehmer von Murg hatte in Frankreich eine große Stofffabrik. Er musste den Stoff außer Landes bringen und sagte zu meinem Vater, dass er ihm unbedingt den Stoff verstecken muss. Die hatten natürlich keine geschlossenen Lastwagen. Also sind durch ganz Oberhof die offenen Lastwagen gefahren, und der Stoff ist bei meinem Vater abgelagert worden. Dann kamen die Oberhöfler und wollten Stoff haben. Es gab sonst ja keinen zu kaufen. Der Vater sagte: „Das gehört nicht mir, das ist nur zwischengelagert.“

Das gehörte noch dem Stoffhändler?

Der hatte eine Fabrik in Frankreich. Er hat den Stoff vor den Franzosen versteckt. Er musste einfach mit dem Stoff raus ins Deutsche und dann hat er es beim Vater gelagert. Mein Vater konnte da ja auch nichts wegnehmen. Es war ja nicht seins. Und dann eines schönen Tages, mein Vater war mit meinem älteren Bruder im Wald und ich musste auf die anderen zwei aufpassen und daheim bleiben, ist plötzlich ein großer Lastwagen gekommen und es sind Franzosen ausgestiegen und mit Maschinenpistolen sind sie auf uns drei Kinder zu. Und der Vater war im Wald. Es ging ziemlich lange, bis es der Nachbar gemerkt hat. Er ist dann rübergekommen und ist mit einem von den Franzosen in den Wald gefahren und hat den Vater geholt. Dann wurde der Stoff geholt. Die ganzen Lastwagen sind wieder gekommen und haben das Zeug aufgeladen. Aber mein Vater hatte Freunde unter denen, die haben ihm geholfen, von dem Stoff etwas auf die Seite zu schaffen. Das hat er dann im Heu vergraben. Die Schwester meines Vaters, Josefine, hat in Schwörstadt gewohnt. Sie war Damenschneiderin. Mein Vater hat zu ihr gesagt, dass sie mal wieder kommen und den Kindern Kleider nähen muss, den Mädchen Kleidchen und den Buben Anzüge. Er hat sich gefreut, dass der Stoff noch da ist. Mein Vater hatte noch einen Bruder in Rheinfelden, der ihn immer mal wieder besuchte, weil er auch immer wieder etwas gebraucht hat. Mit dem hat er den Stoff im Heu versteckt, für den Fall, dass nochmal eine Kontrolle kommt. Und der Onkel von Rheinfelden kam dann eines Nachts und hat den ganzen Stoff geholt, den der Vater versteckt hatte. Als die Josefine da war zum Nähen, war kein Stoff mehr da. 

Also hat der Onkel das seinem Bruder geklaut? 

Ja. Es kam dann raus, als die Josefine plötzlich erfahren hat, dass er den Stoff verkauft. Der Vater hat dann lange nicht mehr mit ihm geredet. Aber später haben sie dann doch wieder Frieden geschlossen. Es war halt auch eine aufregende Zeit. Wir Kinder waren schon ziemlich vielem ausgesetzt. 

Bei Kriegsende, als Sie die zwei jüngeren Geschwister gehütet haben und der Vater mit dem ältesten Bruder im Wald war, da waren Sie sieben. Danach war die Besatzungszeit, wo die Franzosen noch in der Gegend waren.

Ja, das war die Zeit, wo er den Stoff geholt hat. Er hat so einen Leiterwagen genommen und hat Gras darüber gemacht, als wenn er ein Bauer wäre. So hat er das von Oberhof runter gekriegt über die Grenze. Denn da standen ja die Franzosen. Das sind noch Erzählungen vom Vater.

Aber die Situation, wo Sie die Geschwister gehütet haben und die Franzosen kamen, da erinnern Sie sich selbst, oder?

Wie die mit der Maschinenpistole vor mir standen, natürlich.

Wie war es dann nach dem Krieg? Wie haben Sie die Nachkriegszeit erlebt?

Da hatten wir keine Probleme. Wir hatten keinen Hunger, wir hatten keinen Durst. Mein Vater brauchte keine Lebensmittelkarten. Wenn welche gekommen sind, dann hat er sie verschenkt, weil er sie nicht brauchte. Wir hatten ja alles in Hülle und Fülle. Armut kannten wir nicht. Der Vater hat immer für uns gekocht. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir einmal von der Schule gekommen sind und es kein Essen gegeben hätte.

Und wenn es nur eine Gemüsesuppe war mit einem Stück Fleisch drin oder Speck. Mein Vater war ja auch Metzger und er hatte ja genügend Kühe. Es gab nur Schwierigkeiten, als eine Viehzählung gemacht wurde.

Unser Vater war schlau. Er hat die Tenne ja nicht nur für uns zum Verstecken genommen. Da sind auch die Hühner untergekommen und Kühe auch. Denen hat er eine Morphiumspritze gegeben, damit sie ruhig sind, bis die Kontrolle durch war. Und dann hat er sie wieder in den Stall gestellt. 

Er hat immer gut gesorgt.

Er hatte dann über tausend Hühner, aber die haben halt keine Eier gelegt. Er sagte: „Kommt doch schauen.“ Er hat zu den Leuten gesagt, die in der Not waren: „Kommt nachts um 12 Milch holen, morgens geben meine Kühe keine Milch mehr.“

Der Bürgermeister wurde schon fast wahnsinnig. Aber mein Vater hat sich da nicht viel draus gemacht. Er konnte in der Zeit metzgen wie er wollte, da hat niemand nachgefragt, denn die Kühe blieben ja immer gleich im Stall. Nur die versteckten wurden geschlachtet, und die Schweine auch.

Sonst war es ja strafbar, wenn man ohne Genehmigung geschlachtet hat. Da hat er schon ein großes Risiko auf sich genommen. Aber wenn man eine Kuh schlachtet, die es gar nicht gibt, dann fällt es nicht so auf.

Wir hatten manchmal schon Angst um unseren Vater, wenn er solche Sachen machte. Er hat halt allen Leuten geholfen. Ich kannte eine Frau in Murg, die ist vor drei oder vier Jahren gestorben. Die hat gesagt, wenn mein Vater nicht gewesen wäre, dann wären ihre zwei Kinder verhungert.

Ein Hof war ja überall da, aber die Leute mussten ihr Zeug abgeben. Der Vater hat halt nichts abgegeben. Die Frau erzählte mir, dass sie mit dem „Handwägele“ mit zwei Kindern nach St. Blasien hausieren gegangen ist, zum Betteln. Und als sie in Oberhof raus kam, hat sie gar nichts gehabt. Und dann ist sie doch noch zu meinem Vater gegangen und da konnte sie einen ganzen Stapel Lebensmittelkarten mitnehmen. Damit konnte sie einkaufen. Und er hat ihr sonst noch Sachen mitgegeben.

Bevor die Frau gestorben ist, war ich noch ein paarmal bei ihr, da hat sie mir gesagt, dass sie nie im Leben vergessen würde, was dieser Mann für sie getan hatte. Er hat 6 keinen weggeschickt. Wenn er keine Kartoffeln zuhause hatte, dann hat er ihnen die Harke in die Hand gegeben und hat gesagt, holt euch die Kartoffeln, die ihr braucht. Die Frau sagte, er sei der Ernährungsminister gewesen.

Ihr Vater hieß „der Franzose“. Sie sind aufgewachsen mit drei Geschwistern ohne Mutter. Der Lehrer ist von Harpolingen gekommen und hat Sie am Nachmittag betreut. Waren Sie etwas Besonderes in der Umgebung? Gab es in der Schule auch mal Bemerkungen, dass Sie Extrawürste kriegen?

Eigentlich nicht, weil mein Vater fast allen geholfen hat. Es gab viele Bauern, die nur ein Kind hatten, und wenn Heuernte war, hat er einfach geholfen. Er war richtig integriert. Er hat eigentlich keinen einzigen Feind gehabt. „Der Franzose“ war er nur immer, weil er ein Zugezogener war. 

Was ist Ihre schönste Erinnerung an die Kindheit? Sie haben ja auch viel mitgemacht. Haben Sie eine Erinnerung, wo Sie sagen können, das war schön? 

Also die schönste Zeit war die Hochzeit mit meinem Mann. Mein Vater lag damals mit dem Pfarrer im Clinch. Er hat auch keine Kirchensteuer mehr bezahlt. Er hatte mit dem Pfarrer Schwierigkeiten, aus dem einen Grund: Als meine Mutter gestorben ist, sagte der Vater zum Pfarrer, was ist auch das für ein Herrgott, der eine Mutter von vier kleinen Kindern wegnimmt. Da hat ihm der Pfarrer scheinbar zur Antwort gegeben: „Der Herrgott hat ihr ein schöneres Plätzchen gegeben.“ Und von dem Tag an ist mein Vater nicht mehr in die Kirche. Wir hätten nicht in den Religionsunterricht gemusst. Er ist mit uns nicht an den „Weißen Sonntag“ gegangen, das haben die Nachbarn gemacht. Wir sind dann im Religionsunterricht geblieben und sind auch manchmal in die Kirche gegangen. Aber der Vater selbst hatte mit der Kirche nichts mehr zu tun. 

Wie alt waren Sie, als Sie geheiratet haben? 

21.

Dann lag er also 20 Jahre lang mit dem Pfarrer im Clinch.

Ja, und dann musste er für 20 Jahre Kirchensteuer nachzahlen.

Das hat der Vater Ihnen zuliebe gemacht?

Ja natürlich. Aber er ist dann an der Hochzeit gerade wieder bestraft worden. Da hat er einen Walzer getanzt mit irgendjemandem und ist dabei so auf einen Stuhl gefallen, dass er eine Kehlkopfschwellung gekriegt hat. Man musste ihn heimbringen und einen Doktor holen.

Wie haben Sie denn Ihren Mann kennengelernt?

Ich habe ihn in Murg kennengelernt.

Sie waren ja in Rastatt in der Schule, dann im Krankenhaus.

Und dann kam ich zurück und war beim Vater bis zur Hochzeit. Man hat ja in den Bauernhäusern kein Bad gehabt. Ein Badezimmer gab es bei uns nicht. Aber er hatte so eine große Holzbütte, da hat er alle vier Kinder immer reingesetzt. Aber wenn man richtig baden wollte, musste man nach Murg in die Schule. 

Gab es da ein Badezimmer mit einer Badewanne?

Viele Bäder nebeneinander. In Murg im alten Schulhaus. Und da habe ich dann meinen Mann kennengelernt. Natürlich war es meinem Vater nicht recht. Er hatte nicht viel übrig für Flüchtlinge.

Und die S. gab es da schon?

Ja. Die S. ist nicht von meinem Mann. Sie war vorher schon da. S. hat den Opa noch gut in Erinnerung. Sie weiß noch viel.

Sie sind in Rastatt schwanger geworden und der Vater sagte dann: „Jetzt kommst Du zurück.“

Ja, er sagte: „Du gehst jetzt nicht nochmal nach Rastatt.“ Und nachher war er so vernarrt in die S.. Er hat sie fast nicht hergegeben. Er ist ja so schnell gestorben. Ich glaube wir hätten kein Erbe gekriegt, da hätte die S. alles gekriegt. Sie war sein Ein und Alles. 

Er war 56, als er gestorben ist. Wie alt war da die S.? 

1967 ist der Vater gestorben. Da war die S. acht Jahre alt. Sie ist in Oberhof in die Schule gegangen. Mein Mann und ich mussten dann hoch mit den Kindern und zuerst einmal die ganzen Viecher verkaufen und schauen, dass sie aus dem Stall kommen und alles geregelt ist. Die S. ging dann in Oberhof in die Schule, da waren die 1. bis 4. Klasse in einem Zimmer. Der Lehrer sagte: „Sie muss weitermachen, die weiß ja mehr als unsere Achtklässler.“ Also das hatte sie schon immer, diese Begabung, dass sie es nie schwer hatte mit dem Lernen oder Studieren oder was sie da alles gemacht hat. Das ist ihr gerade nur so von der Hand gegangen. Ich hatte mit ihr überhaupt nie Schwierigkeiten. Als sie ddie Erzieherschule gemacht hat, hat sie gesagt: „Du musst gar nicht an den Elternabend gehen, das ist unnötig.“

Also Ihrem Vater war es nicht recht, dass Sie einen Flüchtling geheiratet haben.

Meine Schwester hatte auch einen Flüchtling. Mein Mann war aus Danzig.

Und ist es dann gut gekommen? War das nur einen Moment lang, dass der Vater das nicht so gut gefunden hat?

Ja, er hat ihn dann schon akzeptiert. Es war nur im ersten Moment.

Sie sind gut miteinander ausgekommen. Haben Sie noch mehr Kinder?

Ja, mit meinem Mann noch drei Jungs.

Die sind aber dann nicht in Oberhof aufgewachsen, oder?

Nein. Der älteste Sohn hat den Opa noch erlebt, die anderen nicht mehr.

Was wurde aus dem Hof Ihres Vaters?

Der Vater ist ja so schnell gestorben, dass es kein Testament gab. Es war dann eine Erbengemeinschaft unter uns Kindern. Mein ältester Bruder hat in der Schweiz eine große Kopfschlächterei. Das sind so große Fabriken, wo sie das Fleisch portionieren und an die Hotels und die Lebensmittelgeschäfte verkaufen. Der hat dann den Hof da oben gekauft und hat uns ausbezahlt. 

Wo haben Sie nach dem Tod Ihres Vaters gewohnt?

Wir haben in Murg gewohnt. Aber wir haben dem Vater immer geholfen bis er gestorben ist. Er hätte das ja nicht alleine machen können. Ich bin dann immer mit zwei Kindern hoch gekommen. Er war schon froh, wenn wir oben geholfen haben, aber abends hat er immer gesagt: „Geht heim und kommt morgen wieder.“ Er wollte einfach seine Ruhe haben. 

Er war wahrscheinlich auch müde vom vielen Schaffen.

Ja natürlich. Mit der Zeit ist er eigenbrötlerisch geworden. Er hat mit der Tür geredet oder mit den Schweinen. Er hat dann nachher auch immer wieder seinen Spruch gebracht: 'Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere.'

Er hat auch nie mehr geheiratet.

Nein, das hat er der Mutter im Krankenhaus versprochen, und da hat er sich dran gehalten. Er war ja erst 29, da hätte er noch oft heiraten können. Aber es war am Anfang einfach ein Schock für ihn, nehme ich an. Der Jüngste war ja erst ein halbes Jahr alt, da musste er Windeln wechseln und alles machen. Er hat uns immer wieder erzählt, dass er erst einen Schnaps trinken musste, damit er das fertiggebracht hat.

Das war für Männer damals ja außergewöhnlich. Das war sicherlich auch eine große Belastung für ihn.

Ja natürlich. Wir waren ja auch nicht gerade die Leisesten oder die Nobelsten. Ich denke, dass wir manchmal was angestellt haben, was ihm nicht gepasst hat.

Er hat mal einen Motorradunfall gehabt und eine Kopfverletzung. Da hat er einem Freund aus Murg den Auftrag gegeben, er müsse hoch gehen und nach uns schauen, bis er wieder vom Krankenhaus da ist. Wir haben zu ihm nur „der Schimmel“ gesagt, der hatte so schöne graue Haare, der Brandenburger. Dann hat der uns versorgt. Wenn wir abends ins Bett gehen sollten, sind wir so lange um die Kapelle in Oberhof herum gerannt, bis er am Boden gelegen ist, aber wir waren noch nicht im Bett.

Wir waren schon sehr lebhaft. Dann ist „der Schimmel“ zum Vater ins Krankenhaus und hat ihm gesagt: „Du musst wach werden, du musst nach Hause gehen. Die machen mich noch ganz kaputt.“ Tatsächlich ist unser Vater am nächsten Tag im Krankenhaus abgehauen und ist mit einem Taxi nach Hause gekommen. Aber er war 9 so entstellt am Kopf, er hatte Schwellungen. Meine Schwester und mein jüngster Bruder hatten Angst. Meine Schwester ist zur Nachbarin, die wollte gar nicht mehr zurückkommen. Von dem Unfall hat er auch etwas zurückbehalten. Er hatte immer mal wieder Kopfschmerzen. Man hat es ihm schon angemerkt. 

Wie war es dann mit Ihren Kindern? Sie hatten ja auch vier.

Eigentlich habe ich mit meinen Kindern heute noch so ein Verhältnis wie früher. Ich habe halt immer konsequent durchgegriffen. Also ich habe immer gesagt: „Wenn ihr etwas angestellt habt, dann kommt und sagt es sofort. Man kann alles in Ordnung bringen, wenn man es sofort sagt.“ Einer hat mal etwa angestellt. Der musste dann zur Strafe ein Vierteljahr lang den Leuten helfen, den Hof wischen, die Wurst-, Fleisch- und Fischtheke sauber machen. Der Mann kam dann nach 14 Tagen und sagte: „Ich muss dem Bub etwas geben, der ist so fleißig.“ Für meinen Sohn war das ganz schlimm, weil er draußen fegen musste und seine Kollegen das gesehen haben. Ich habe halt einfach konsequent durchgegriffen. Bei der S. musste ich gar nichts machen. Sie hat mir ja auch viel geholfen. Sie war ein Mädchen, das immer nach den Hausaufgaben geschaut hat. 

Sie war ja auch älter. Wie viel älter war sie?

Sie ist 1959 geboren. Die Söhne kamen 1961, 1966 und 1971 zur Welt. Also auf die zwei Kleinen konnte sie schon aufpassen. Sie musste halt auch lernen. Ich musste arbeiten, mein Mann war krank. Der war ja mehr krank als dass er gearbeitet hat. Ich musste abends zum Bedienen, tagsüber habe ich stundenweise gearbeitet. Sonst wären meine Kinder verhungert. Mein Mann hatte Krebs. Er hatte ein Melanom, das mit einem Muttermal verbunden war. Das sprang auf keine Therapie an, auf keine Bestrahlung, auf keine Medikamente. Das war ja früher so, dass sie abgeschrieben waren. 

Ist er dann auch früh gestorben?

Nein. Im Krankenhaus in Säckingen war damals zufällig ein Professor aus Amerika da, der hat ihn operiert. Sie haben ihn weit im Gesunden geschnitten, aber die Krankheit nicht im Ganzen erfasst. Da das beim Schneiden in den Blutkreislauf geht, setzt sich das irgendwo ab.

Als danach die ersten sieben Jahre rum waren, habe ich gedacht, so jetzt ist er fast über dem Berg. Und plötzlich hat er mit den Augen Schwierigkeiten bekommen. Dann ist ein Auge herausoperiert worden. Das andere mussten sie stabilisieren und so ein Panzerding drum machen, damit ja nicht auch das Auge noch weg musste. Dann hat er Lungenkrebs gekriegt. Da hat sich wieder etwas abgesetzt. Dann musste er diese große Operation noch auf sich nehmen, ihm wurde die halbe Lunge herausgenommen. 

Ein langer Krankheitsverlauf.

Ja, die erste Krankheit war schon lange. Da wurde an beiden Oberschenkeln die Haut weggenommen. Bis auf die Rippen war alles weggeschnitten und abgeschabt. Es gab ja keine andere Methode. 

Und Sie haben dann die vier Kinder großgezogen und den Mann auch noch betreut und darum gekämpft, dass die Familie überlebt. 

Das war 1971. Ich weiß noch, ich habe über 25 Jahre bei unsrem Hausarzt den Haushalt gemacht und nebenher noch die Praxis geputzt. Der hat zu mir gesagt: „Mein Gott, jetzt ist der Heiko so klein und du stehst jetzt ganz alleine da.“ Und wir haben damals noch angefangen, ein Haus zu bauen. Das mussten wir dann abgeben. Wir hätten für das Haus 80.000 Mark an Eigenleistung bringen müssen. Und ich konnte ja nicht auch noch auf den Bau gehen. Mein Mann war dazu ja nicht in der Lage.

In den 50er Jahren ist es mit der Wirtschaft und den Möglichkeiten zum Geldverdienen wieder aufwärts gegangen. Wie haben Sie das erlebt, ist das besser geworden Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre.

Da hätte ich gar nicht arbeiten gehen können. Ich hätte keine Chance gehabt. Ich konnte ja nur stundenweise arbeiten. Es war immer nur ein kleiner Nebenjob, damit ich meinen Kindern ein klein bisschen was bieten konnte. Sie haben viel Sport gemacht, alle drei Buben haben Handball gespielt und Faustball. Dann mussten sie nach Steinbach in die Sportschule, und die hat 800 Mark gekostet. Und ich dachte: Lieber Gott im Himmel, wo soll ich so viel Geld hernehmen? Damals konnte man sich noch die Rente auszahlen lassen. Da habe ich mir dann meine Rente auszahlen lassen, damit die drei auf die Sportschule konnten nach Steinbach. Und heute fehlt sie mir. Ich habe bis heute ja den Kinderzuschuss, die 28 Euro oder was es da gibt, gar nie bekommen. Aber jetzt haben wir die Mütterrente beantragt, und ich hoffe ja, dass ich die bekomme. Jetzt wird es ja anders berechnet. Früher war es so, ich hatte vier Kinder, da hätte ich mindestens noch zwei oder drei Jahre nachzahlen müssen, damit ich diese 28 Euro pro Kind kriegen würde. Jetzt hat aber die S. gesagt, wir gehen jetzt aufs Rathaus und wir beantragen jetzt die Mütterrente und schauen was dabei raus kommt. Sonst habe ich eine minimale Rente. Mein Mann hat ja nie richtig gearbeitet. Ich kriege 588 Euro. Mit dem muss ich alles bestreiten. Miete und alles.

Als die Kinder noch kleiner waren, woher kam da das Geld, als ihr Mann krank war und Sie nur stundenweise arbeiten konnten? Gab es da Krankengeld?

Ja, es gab Krankengeld. Mehr nicht. Ich ging abends bedienen. Ich habe halt geschaut, wo ich was verdienen konnte. Ich bin halt einfach arbeiten gegangen. In Obersäckingen war Verwandtschaft, da konnte ich einmal die Woche hingehen. Da hatte ich mal wieder für eine halbe Woche Geld.

Und die Kinder, mussten die früh mithelfen, Taschengeld verdienen oder Ferienjobs machen?

Taschengeld haben sie schon bekommen, aber sie mussten mithelfen. Jeder hatte seinen Aufgabenbereich. S. hat hinterher gesagt, wie wichtig es ist, dass sie das Putzen und das Kochen gelernt hat. Sie hat ja hinterher immer gesagt: „Mensch bin ich froh, dass ich das damals machen musste, sonst würde ich jetzt dastehen wie manch andere, die gar nichts kann.“ Das ist ja wichtig. Das muss man einfach lernen. Meine Jungs können alle bügeln und Wäsche waschen. Die kochen alle. Die sind am Wochenende nach Säckingen in den Goldenen Knopf und haben beim Kochen geholfen. Und so haben sie das Kochen gelernt. 

Wie alt waren Sie, als das letzte Kind aus dem Haus ist? Wie lange ist das her?

Da war ich 60. Sie sind jetzt alle selbständig.

Da hat man vier Kinder großgezogen und immer gekämpft drum, dass es gereicht hat und dass alles gut gegangen ist, und dann waren Sie 60 und alle aus dem Haus. Sind Sie noch irgendwo arbeiten gegangen oder schon lange daheim gewesen?

Ich hatte ja noch die Grundbegriffe von der Krankenschwesterausbildung. Ich war dann 30 Jahre beim Roten Kreuz und habe auch diese ganzen Kurse noch nachgeholt, diese Altenpflegekurse. Dann habe ich Leute betreut. Schon vor 60, immer von eh und je.

Aber gegen Bezahlung?

Ja, aber das war alles minimal. Diese Leute, es gibt so viele arme Leute. Ihr wisst gar nicht, wie viele arme Leute es gibt. Die haben fast nicht mal das Nötigste zum Leben. Was will man da noch holen.

Die Dienste, die ich beim Roten Kreuz gemacht habe, das war alles ehrenamtlich. Es gibt so viele arme Leute, das glaubt man gar nicht. 

Das sieht man nicht auf der Straße. Aber wenn man als Altenpflegerin unterwegs ist, dann sieht man die Situation von den Menschen?

Ich habe zwei ältere Damen versorgt, und bei den zwei Familien muss ich ehrlich sagen, ich habe noch nie in meinem Leben erlebt, dass zwei Söhne so liebevoll zu der Mutter waren. Für die hätte ich alles getan, wie ich gesehen habe, wie die nach ihren Müttern schauen. 

Das hat ihnen auch etwas gegeben.

Ja natürlich. Man kann ja gar nicht mehr verlangen. Wenn man überlegt, die meisten älteren Frauen, die kommen nicht über 700 oder 800 Euro.

 Die sind oft verwitwet, allein, die Kinder sind irgendwo anders.

Also bei den beiden Damen, die ich da versorgt habe, da waren die Söhne noch in der Nähe. Das ist etwas Wunderbares, wenn es zwei Männer gibt, die so auf die Mutter schauen. Da muss man helfen. Aber das sieht man so selten. Ich habe in einer Familie 18 Jahre lang gearbeitet. Der eine Sohn und die Tochter sind weggezogen. 

Was haben Sie da gearbeitet?

Ich habe den gesamten Haushalt gemacht. Und als er nicht mehr Autofahren konnte, habe ich auch den Chauffeur machen müssen. Als er im Kopf nicht mehr klar war, musste ich noch die ganzen Journale ausfüllen und Abrechnungen machen. Und er hatte noch Wohnungen, die er vermietet hatte. Er war ja Unternehmer.

Das war eine bezahlte Stelle?

Ja, das war schon bezahlt. Gearbeitet habe ich immer an Tageszeiten, zu denen ich konnte, wo ich Zeit hatte. So hat man vielen geholfen. Der Frau, die das Haus verkaufen musste, weil sie ins Altersheim musste, die habe ich vorher auch noch fünf Jahre betreut. Und dann bekam sie Angst und konnte nachts nicht mehr alleine sein. Ich konnte ja nicht auch noch bei ihr schlafen. Da musste man abklären, dass sie ins Altersheim kommt und dass sie das Haus verkauft. Das war auch eine, die hatte auch nur ungefähr 600 Euro Rente.

Also sind das richtig viele Schicksale, wo Sie betreut haben, geholfen haben.

Wenn man die Leute auf der Straße anschaut, dann sieht man nicht, ob die arm oder reich sind. Höchstens an der Kleidung kann man es noch etwas unterscheiden. Aber da gibt’s welche, die müssen wirklich kalkulieren, dass sie jetzt einen Gemüseeintopf machen und drei Tage daran essen. Und das zur heutigen Zeit. Ich habe das als Kind gar nicht gekannt, wir hatten immer Essen in Hülle und Fülle. Aber wir haben hier viele arme Leute, mehr als man denkt.

Sie waren ehrenamtlich unterwegs und haben gesehen, wie es den Leuten geht. Wie hat sich das nachbarschaftliche, gemeinschaftliche Leben verändert?

Das war früher besser als heute. Wenn man so einen Wohnblock nimmt, da kennen sich die Leute nicht mehr untereinander. Da ist einfach der Kontakt nicht da.

Sie wohnen jetzt hier schon ein paar Jahre in dieser Wohnung?

Das sind jetzt so sieben, acht Jahre.

Kennen Sie die Nachbarn?

Natürlich. Da hat jeder die Telefonnummer von mir. Ich gehe mit dem Auto einkaufen. Wenn die Nachbarin will, dann geht sie mit. Sie ist auch schon über 80. Wenn sie keine Lust hat, dann gibt sie mir den Zettel und den Geldbeutel. Wir hatten noch nie irgendetwas Böses miteinander.

Wenn ich morgens aufstehe und ich so um 9 Uhr aus dem Haus gehe, dann gehe ich ab und zu ins St. Franziskus zu einem Ehepaar, das im Altersheim wohnt. Ich hole die Wäsche und wasche sie und mache so Kleinigkeiten für sie, Einkäufe und so und besuche sie zweimal in der Woche. Früher habe ich noch vom Amtsgericht her Betreuungen gemacht im Altersheim, wo eine ältere Dame war, die nicht mehr reden und nichts mehr machen konnte. Ich glaube, das ist über das Amtsgericht gelaufen.

Also hat das Amtsgericht Ihnen den Auftrag gegeben?

Ja. Und dann hat man die Betreuung gemacht. Das war eine ziemlich reiche Frau. Aber ich habe ihr viel gegönnt. Ich habe ihr das Beste gekauft, was ich kaufen konn- 13 te. Da hatte ich zum Glück die Freiheit. Aber ich musste Belege abgeben und begründen.

Jeden Tag hat sie ihren Kuchen und ihren Kaffee gekriegt, und wenn ich mit ihr in die Stadt musste in ein Café mit dem Rollstuhl. Bis sie dann verstorben ist. Ich konnte vorher über alle Konten verfügen. Natürlich musste ich Rechenschaft ablegen. Da gehört ganz große Ehrlichkeit dazu, sonst funktioniert das nicht. Jetzt habe ich noch ein Ehepaar aus der Verwandtschaft, die sind jetzt beide im Altersheim. Heute war ich wieder bei ihnen, bei Besorgungen helfen, Wäsche holen.

Heißt das, Sie verdienen noch ein bisschen dazu mit den Aufgaben, oder ist das ehrenamtlich?

Sie sagen halt einfach „vergelt‘s Gott“. Was will ich machen? Ach das machst Du doch gern, E., heißt es dann. Natürlich gibt es immer wieder mal was, zum Beispiel wenn ich mal Geld auslege oder weil ich die Kleider aus der Reinigung hole.

Aber das ist fast wie ein bisschen Trinkgeld?

Ja, ich bin halt keine Angestellte. Da war mal eine reiche Frau, mit der musste ich nach Rheinfelden in die Klinik fahren. Sie wollte ihre Freundin besuchen, die ich nach einer Operation betreut habe. Und dann hat die Frau gesagt, sie will zu ihrer Freundin, ob ich sie mitnehme. Also sind wir nach Rheinfelden gefahren. Beim Heimfahren hat sie ausgerechnet, was sie mir jetzt ungefähr geben könnte oder müsste. Es ist eine schlanke, reiche Frau. Sie hat mein Gewicht mit ihrem Gewicht verglichen wegen dem Benzin. Und dann legte sie mir zwei Euro in die Ablage. 

Sie sind viel rumgekommen, in Familien, in Lebensverhältnisse, bei armen Leuten, bei kranken Leuten. Haben Sie auch einen „Namen“? Wenn Ihr Vater „der Franzose“ war, wie sagen die Leute zu Ihnen?

Die Leute sagen schon „Frau S.“. Ausser den Verwandten, zu denen ich ins Altersheim gehe. Da bin ich an die 30 Jahre hingegangen jeden Donnerstag. Sie haben mir immer aus der Not geholfen, wenn die Kinder wieder irgendetwas gebraucht haben, dann konnte ich arbeiten gehen. Aber sonst herrscht da Respekt in der Nachbarschaft. Ich sage „Frau X“ und sie sagt „Frau S.“. 

Also auch eine gesunde Distanz.

Nein, das mag ich schon gar nicht. Wenn man „Frau X“ und „Frau S.“ sagt, dann sagt man nicht viel Böses. Wenn man mit „Du“ anfängt oder mit dem Vornamen, da rutscht viel mehr raus. Es muss einfach der nötige Abstand da sein. 

Ich habe jetzt noch eine verrückte Frage. Wenn jemand ein Buch über Sie schreiben würde, wie müsste das Buch heißen? So aus dem Ärmel geschüttelt, hätten Sie da gerade eine Idee?

Da weiß ich nicht, was ich da vorne drauf schreiben sollte. Das kann man gar nicht beschreiben. Das ist ein wildes Durcheinander. Das wilde Buch könnte man vielleicht noch schreiben. Aber es ist so ein Durcheinander. Ich war noch nie im Leben einen Tag im Urlaub. Aber mir ist es genauso wohl. Ich hätte vielleicht schon irgendwann 14 mal eine Möglichkeit gehabt, in den Urlaub zu gehen. Aber da hat mich das Geld gereut.

Wo würden Sie denn gerne hingehen, wenn Sie jetzt das Geld hätten? Was würde Sie denn reizen?

Mir würde es reichen, wenn ich da in den Garten raussitzen und meine Blumen versorgen könnte. Wenn ich meine Ruhe hätte und nicht immer denken müsste, dass ich jetzt noch da oder dort hin muss. Ich habe viel gemacht, es ist unwahrscheinlich viel. Ich hatte schon zwei Herzinfarkte. In der Klinik kam ein Psychologe, der hat mir so viel Angst gemacht, dass ich dachte, ich muss gehen. Ich habe ihn gleich wieder raus geschickt. Dann kam nachher der Professor und sagte: „Frau S., warum schicken Sie denn den fort? Der muss Ihnen helfen. Es ist jetzt das zweite Mal, jetzt geht es nicht mehr anders.“ Dann sagte ich: „Raus! Ich will niemanden.“ Ich wäre noch kränker geworden. Der Psychologe sagte, dass ich nicht mehr rauchen darf und keinen Alkohol trinken. Aber Alkohol trinken wir grundsätzlich sowieso keinen. Ich habe noch nie Alkohol getrunken. Sie dürfen dies nicht und jenes nicht. Das konnte ich nicht gebrauchen, solche Ratschläge, dann habe ich ihn rausgeschickt. Da fange ich erst an zu denken, vorher denke ich gar nicht. Ich merke, dass es mir langsam besser wird und dann kommt der und erzählt mir so ein Zeugs. Da dachte ich: Nein, das geht nicht.

Wenn Sie so zurückdenken an Ihr Leben, was war die schönste Zeit für Sie?

Schöne Zeiten sind bei mir, dass meine Buben alle Arbeit haben, dass sie alle einen guten Beruf haben und noch nie einen Tag arbeitslos waren und überall eigentlich den Mann stehen und ehrlich und auch nett zu ihren Frauen sind. Das ist mein größ- tes Glück. Mehr will ich gar nicht.

Und dann haben Sie noch eine außergewöhnliche Tochter. Alles in allem stehen alle vier Kinder eigentlich ihren Mann und ihre Frau.

Ja, sie waren noch keinen Tag arbeitslos, und das ist wichtig. Wichtig war auch, dass ich dahinterstand, dass meine Söhne ihren Beruf gelernt haben und nachher, wo andere ausgelernt haben, mussten sie noch den Facharbeiter machen, alle drei, ein Jahr lang. Und dann ist man nicht arbeitslos und kommt überall unter. Man kann was vorweisen.

Und dann haben Sie auch noch gesagt, dass sie ehrlich sind.

Ja natürlich. Das ist das Wichtigste. Man muss etwas auf dem Tisch liegen lassen können. Man muss ihnen lernen, dass anderen Leuten nichts weggenommen wird. Das sind Sachen gewesen, wo ich ganz konsequent war. Und das war auch mein Vater immer. Wir hätten uns nie getraut, irgendetwas wegzunehmen ohne zu fragen. Das haben wir gelernt.

Wie viele Enkelkinder haben Sie?

Vier. Eine Enkelin macht wie ich auch Altenpflegerin. Sie ist so couragiert wie ich, die macht das.

Sie kennen Murg gut. Sie sind so lange da und Sie sind so nah an den Leuten dran gewesen. Wenn Sie jetzt Murg so anschauen als Gemeinde, was würden Sie Murg wünschen, damit es im sozialen Bereich gut weitergehen kann?

Mehr Leute, die nicht zwei Stunden lang im Dorf „rätschen“. Wenn ich nach Säckingen fahre und wieder zurückkomme stehen sie immer noch beim Brutschy Bäck unten. In der Zeit könnten sie für irgendjemanden, der krank ist, einkaufen gehen. Das sollten sie eher machen und nicht ins Dorf stehen.

Also mehr nach den Nächsten gucken, fürsorglich sein.

Und das kann man. Ihr glaubt das nicht, das kann man. Man muss nicht mal viel dazu tun. Es gibt immer Möglichkeiten, man sieht dies und jenes. Und das sind Kleinigkeiten, da bricht man sich nichts ab. Dann schaut man halt mal eine halbe Stunde weniger Fernsehen und macht mal was für jemand anders. Das geht immer. Und das ist mir wichtiger, als in die Kirche zu gehen. Ich glaube an den Herrgott und ich bete auch immer, aber ich muss nicht in die Kirche gehen. 

Sie machen Ihren Dienst, indem Sie anderen helfen.

Aber der frühere Pfarrer hat ja mal zu mir gesagt: „Diese guten Taten, die Sie tun, die tragen keine Früchte, weil Sie nicht in die Kirche gehen.“ Und dann habe ich ihm aber eine Antwort gegeben. Ich habe gesagt: „Also gut, ich gehe in die Kirche, wenn Sie mal zwei oder drei Stunden in ein Altersheim gehen und die Leute versorgen. Wir können grad tauschen.“

Ich habe ja mal im Altersheim gearbeitet. Da habe ich ein halbes Jahr lang eine kranke Frau, die den Fuß gebrochen hat, versorgt. Dann haben sie mich gefragt. Da bin ich nachts noch ins Altersheim, als die Kinder noch klein waren und habe jede Nacht Leute versorgt. Und wissen Sie was es da gab am Morgen, wenn man eine Nachtschicht gemacht hat? 3,60 Mark.

Wenn ich als den Lohn bekommen habe, dann sagte ich: „Backt einen Kuchen und gebt den alten Leuten einen Kaffee.“ Und das hat der Pfarrer ja auch gewusst. 

Wie es den anderen geht und ein bisschen helfen ist Ihnen noch wichtiger als die Kirche.

Ja klar. Was nützt das, wenn der Pfarrer kommt, die besuchen ja ab und zu mal die Kranken, und sagt zu dem kranken Mensch „Grüß Gott“. Was nützt das? Wenn er ein bisschen betet und ein bisschen schön tut und dann geht er wieder. Dann hat er doch nichts gemacht. Für mich hat er nichts gemacht. Er hat nur „Grüß Gott“ gesagt.

Wenn man ein Pfarrer ist, dann kann man sich ja auch sozial ein bisschen einstellen, dass man mal was macht. Nehmen wir mal an, er muss einen Mann besuchen, dann kann man dem doch mal was vorlesen oder hinsitzen oder mal sagen, kann man mit Dir mal ein bisschen laufen. Und nicht nur predigen, denn das Predigen bringt ja im Endeffekt nichts.

Und das haben Sie gemacht, Sie haben nicht gepredigt, Sie waren da und haben geholfen.

So lange ich kann, gehe ich immer wieder, wo ich was sehe, wo ich weiß, ich kann helfen, dann helfe ich.

So lange ich gesund bin und gehen kann, ist das kein Problem für mich.

Wie alt sind Sie jetzt? 76?

Ja, 76. 

Und immer noch unterwegs und engagiert, so gut Sie können.

Ja. Jetzt habe ich mich auch mal wieder riesig gefreut. Als ich heute Mittag gekommen bin, hatte ich Kartoffeln und zwei Taschen voller Wäsche von zwei Nachbarn und sonst noch ein paar Kleinigkeiten eingekauft. Der Nachbar ist grad heim gekommen, und er hat gesagt: „Komm, ich trag Dir das rüber.“ Und dann habe ich gesagt: „Warte mal, Du kriegst noch zwei Euro oder drei, dass Du Dir ein Bier kaufen kannst.“ Seine Mutter habe ich auch einmal betreut eine Zeitlang. Das sind immer so Kleinigkeiten gewesen. Da gab es in Murg die Arbeiterwohlfahrt draußen bei der H.C.Starck. Ab und zu sind es noch die Ärmsten, die dir fünf Euro geben oder sonst etwas. Die, die einen dicken Geldbeutel haben, die denken gar nicht daran, dass sie da etwas geben müssten. Wenn das viele machen würden, dann wäre es für viele leichter.

Das wäre eine Bereicherung, wenn jeder, der kann, ein bisschen was gibt und hilft.

Als der Mann einer Bekannten gestorben ist, da war die so weit unten. Da hat sie mich gefragt, wie ich das gemacht habe. Aufstehen, schaffen, abends todmüde ins Bett und am Morgen wieder zum Schaffen. Anders geht es nicht. Sonst kann man das gar nicht machen. Wenn ich mich da hingesetzt und stundenlang geheult hätte, das bringt doch nichts. Der kommt doch nimmer. Der ist doch jetzt weg und fertig. Sie soll an ihn denken und soll mit ihm reden in der Wohnung so viel sie will und einfach weitermachen. Es gäbe viel weniger Depressionen. Es ist nun mal so, Menschen müssen sterben und wenn sie gestorben sind, dann muss man das abschließen und loslassen können. Anders geht es nicht.

Ich habe zum Beispiel in der Verwandtschaft eine Frau gehabt, die hatte einen Sohn und eine Tochter. Der Sohn ist stundenlang am Bett gesessen und hat gesagt: „Mutti, du darfst mich nicht alleine lassen. Mutti, bleib bei mir.“ Als ich mal aushelfen musste, hat der Doktor gesagt: „Die kann nicht sterben.“ Da habe ich zum Doktor gesagt: „Die kann einfach nicht sterben, weil der Sohn sie nicht loslässt. “ Der Rü- cken war offen und wund, pures Fleisch. Nein, die Mutti muss da bleiben. Man muss loslassen und man muss abschließen. Ich mache abends auch eine Kerze an und habe ein Bild da oben stehen. Man kann ja auch mit ihm reden, wenn es niemand hört. Das spielt ja keine Rolle. Aber man muss loslassen können.

Jetzt habe ich den Buchtitel für Ihr Buch: Mit klarer Linie durchs wilde Durcheinander. Könnte man das so sagen? Mit den Kindern haben Sie eine klare Linie gefahren, mit dem Leben und den Konsequenzen.

Ich habe viel Sterbebegleitung gemacht. Man muss loslassen können. Jeder Mensch ist anders im Sterben. Das ist wirklich so. Der eine, der sagt gar nichts, dem musst 17 du nur noch die Hand halten und dann ist er zufrieden. Der andere, da geht nochmal ein ganzer Lebenslauf runter, da läuft ein Film ab. Es ist immer unterschiedlich. Ein Mann, bei dem ich geholfen habe, lag da so im Bett, und ich kam vom Wohnzimmer rein und ging auf ihn zu und bin am Eck vom Fenster gestanden. Und da sagt er: „Geh weg.“ Und ich sagte: „Warum muss ich weg?“ Er sagte: „Da geh ich jetzt hin, geh weg, Du stehst im Licht, ich sehe nichts mehr.“ Ich sagte: „Da ist nichts, da oben ist der Speicher.“ Der hat das Licht gesehen und ist auf das Licht zu. Bei dem musste man gar nichts machen, der hat nur in das Licht reingeschaut.. Und jeder geht anders. 

Haben Sie eine Idee, wie Sie gerne gehen würden? Oder ist das noch zu früh?

Ich könnte von heute auf morgen gehen. Eigentlich sind meine Kinder versorgt. Eigentlich habe ich nichts mehr zu verlieren.

Und Sie hatten ein reiches Leben. Also nicht geldmäßig reich, aber menschlich reich.

Ja, man muss halt einfach helfen. Es geht nicht anders.

Können wir das so stehen lassen?

Ja.