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G.L., * 1939. Stammt aus Zechenwihl. Heute wohnhaft in Murg.

Ich bin Anfang 1939 geboren. Und ich war ein halbes Jahr alt, da musste mein Vater in den Krieg. Also meine Mutter hat mich praktisch die ersten Jahre alleine großgezogen. Mein Vater war sechs Jahre im Krieg. Ich habe noch einen Bruder, der sechs Jahre älter ist als ich. Die Schwester meines Vaters ist verstorben. Sie hatte zwei Kinder im Alter von zwei und sechs Jahren. Mein Vater hat zu meiner Mutter gesagt: „Du wirst doch die Kinder, zumindest eines, zu Dir nehmen“. Gleichzeitig hat aber meine Mutter noch den pflegebedürftigen Großvater betreut. Da hat sie schon ein bisschen schwarzgesehen, aber sie hat sich zusammengerissen – so hat sie es uns erzählt – und hat vor unserem Vater keine Angst gezeigt oder dass sie es nicht schaffen würde. So war es dann, das eine Kind kam zu uns und das andere Kind kam ins Waisenhaus. 

War dieses Kind älter als Sie? 

Das Mädchen war elf Jahre älter. Am Anfang verlief alles verhältnismäßig gut. Wir hatten noch einen Onkel in der Nähe, und der hat mitgeholfen in der Landwirtschaft. Sonst hätte es meine Mutter ja nicht alleine geschafft. Der Onkel kam gerade während der Hochsaison zur Heuernte. 

War dieser Onkel nicht im Krieg? 

Der Onkel musste nicht in den Krieg, er war viel älter als mein Vater. Er war eine große Stütze für meine Mutter. Und als alles schlimmer wurde, als die Not kam…

Wann? Wie alt waren Sie da ungefähr? 

Also ich war zweieinhalb. Ich war ein sehr aufmerksames Kind, so wurde es mir spä- ter gesagt. Ich hatte immer ein großes Vertrauen und auch das Bedürfnis zu helfen. Irgendwie ist es weitergegangen. Wenn ich mitbekommen habe, dass ich gebraucht werde, wollte ich immer mithelfen. 

Aber Sie hatten auch Antennen dafür, was um Sie herum los ist, und wie es Ihrer Mutter ging?

Ja, ich habe schon als kleines Kind mitgeholfen im Haushalt. Ich bedaure, dass die Kinder heute gar nicht mehr mitbekommen, was es heißt, mitzuhelfen im Haushalt. Ja, und mein Vater, der kam nach Frankreich. Dort war er ca. fünf Jahre. Wir haben gebangt, wann wieder etwas von ihm oder über ihn zu hören war. Aber er hatte ein unheimlich großes Gottvertrauen. Er war für mich immer ein ganz großes Vorbild, als Kleinkind schon. Wir haben jeden Abend den Rosenkranz gebetet, da habe ich als Dreijährige schon mitgemacht. Wir hatten eine Doppelkunst, wir Kinder saßen oben, und unten waren der Onkel und meine Mutter. Das Gottvertrauen ist schon etwas Wunderbares, wenn man das schon als kleines Kind mitbekommt. Das wächst, und das habe ich heute noch. 

Was immer auch geschieht, es ist irgendwie gut, ich brauche mich nicht zu sorgen?

Und so ist es dem Vater gegangen. Aber da war ich schon älter, als ich das erfahren habe vom Vater, da war ich schon so sechs Jahre alt oder sieben. Da hat sich ein Besuch angemeldet. Es war ein Kollege meines Vaters, der mit ihm im Krieg war. Der kam zu uns, um sich bei meinem Vater zu bedanken, weil er ihm so ein Gottvertrauen gegeben hat. Er erzählte, dass sie im Schützengraben lagen und die Männer alle total verzweifelt waren, weil sie durch die Franzosen eingekesselt waren. Mein Vater hat mit den Männern im Graben drin den Rosenkranz gebetet. Deshalb ist er gekommen und hat sich bedankt. Ein paar Jahre später kam noch ein weiterer Kollege, der das Gleiche erlebt hatte, und der ist auch gekommen, um sich bei meinem Vater zu bedanken, weil er es geschafft hatte, ihnen so ein Vertrauen zu geben in der schlimmen Situation, in der Verzweiflung, ob sie alles lebend überstehen. Das hat mich als Kind sehr beeindruckt. 

Könnte man sagen, dass sowohl ihr Vater als auch Sie dieses Vertrauen an andere weitergeben konnten?

Ja, genau.

Wenn einer ruhig bleibt, dann wirkt das auch auf die Menschen um uns herum?

Ja, das ist eben das, was mich so beeindruckt hat, was so ins Innere gegangen ist. Das Vertrauen, das er weitergegeben hat. Auch wir Kinder und mein Onkel hatten ein starkes Vertrauen in Gott.

Da war auch ein großer Zusammenhalt untereinander? Und es war selbstverständlich, dass man geholfen hat?

Ja, damit sie es schaffen konnten. Und gleichzeitig war da noch das Kind, das noch dazu kam. Und der Vater war ja gar nicht da.

Und das Kind war von seinem Geschwister getrennt, das war sicher auch schwierig für das Kind. 

Ja, das stimmt. Ich kenne jetzt die Verhältnisse nicht so intensiv. Aber auf jeden Fall war sie froh, dass sie hierher kommen konnte. Das andere Kind kam in ein Waisenhaus, das war noch klein. 

Sie haben vorhin gesagt, dass die Not langsam gekommen ist. 

Also da sind jeden Tag Bettler gekommen, die wirklich nichts mehr hatten. Meine Mutter hat abends nach dem Melken mindestens noch zwei-, dreimal nachgemolken, weil immer wieder Frauen kamen, die kleine Kinder, aber keine Milch mehr hatten. 

Hatten Sie eine Kuh oder zwei?

Wir hatten zwei Kühe. Meine Mutter konnte nicht Nein sagen. Sie hätte das Letzte hergegeben. Sie hatte ein großes Herz. Ich muss sagen, in Zechenwihl, das sind schon gute Leute, das hat meine Mutter immer gesagt. Als die Russen und Polen (Zwangsarbeiter) abends nach der Arbeit in der Fabrik bei uns vorbeigelaufen sind, standen sie vor unserem Haus, aber sie durften nicht betteln. Sie standen nur so da, und das hat mich als Kind unheimlich beeindruckt. Von dem Brot, das ich zum Essen bekam, sparte ich immer ein, zwei, drei Scheiben auf, damit ich es abends den Russen und Polen geben konnte. Das Geben ist mir bis heute geblieben. Ich kann an niemandem vorbeigehen, der in Not ist. Ich will geben und teilen. So schlimm der Krieg auch war, aber irgendwie hat es uns geprägt. Heutzutage laufen die Leute am Elend vorbei und schauen nicht nach rechts und nach links. Wir hatten damals schon am Nachmittag den Gedanken, ich spare etwas von meinem Essen auf, um am Abend den armen Leuten etwas abgeben zu können. Von den Großbauern haben diese Leute nichts bekommen. 

Die durften ja nicht betteln, also sind sie so hin gestanden, dass es klar war.

Ja, sie haben immer so schwer geschnauft. Meiner damaligen Nachbarin, die auch eine Schulkameradin war, erging es gleich. Sie haben auch morgens schon von ihrem Frühstück etwas auf die Seite getan, um abends den Russen und Polen etwas abgeben zu können. 

Haben die in einem Rüstungsbetrieb gearbeitet?

Der Ehemann, der bei dem Gespräch anwesend ist: Circa 80 bis 100 Polen und Russen, Frauen und Männer, haben in dem Rüstungsbetrieb in Murg gearbeitet. Sie haben Metallteile für Peenemünde, für die V1 und V2 hergestellt.

Damals gab es ja keine Gesamtgemeinde Murg. Sie sind nach der Arbeit ausgeschwärmt in die kleinen Dörfer in der Umgebung. Die wurden untergebracht hier. Wo haben die gewohnt? 

Ehemann: In einer Sammelunterkunft in Murg, einer Baracke Also privat waren die nicht untergebracht. Aber sie hatten nichts zum Essen. Das war das Schlimme. Die waren beinmager.

Haben Sie selbst auch Not gelitten? Oder wie würden Sie das aus der heutigen Sicht sagen? 

Man kannte ja nichts anderes, wir sind ja praktisch im Elend aufgewachsen. Wir kannten keinen Wohlstand. Aber dadurch, dass wir eine Landwirtschaft hatten, die zwar nicht groß war, sind wir schon versorgt gewesen. Wir hatten Milch.

Die Grundnahrungsmittel also?

Ja, Grundnahrungsmittel, Butter, die Mutter hat Brot gebacken. Wir hatten einen Garten, also auch Kartoffeln. 

Zum Überleben hat es gereicht?

Ja, wir hatten zum Überleben.

Bei Kriegsende waren sie ja sechs Jahre alt. Wie haben Sie miterlebt, dass der Krieg zu Ende geht? Wurde darüber gesprochen? Hat man gehört, dass die Franzosen näher kommen? Oder wie hat das ein sechsjähriges Kind erlebt? 

Ich habe noch gut in Erinnerung, als es hieß, „die Franzosen kommen“. Unsere Nachbarn hatten ein Bienenhaus. Von dort aus hatte man einen Blick auf die Hauptstraße von Murg. Dort standen wir, und es hieß, die Franzosen marschieren ein, mit Fahrzeugen und Panzern. Daran kann ich mich noch gut erinnern. 

Haben Sie sich gefürchtet, oder waren Sie eher aufgeregt oder neugierig? 

Also das war schon ein bisschen Neugierde oder Staunen. Wir hatten ja keine Vorstellung von Panzern. 

Das war etwas ganz Besonderes, oder? 

Ja klar, jeder, der vorbei kam, ist hergekommen und hat geschaut.

Kamen Franzosen auch nach Zechenwihl?

Ja, da hat man sie auch gesehen. Ich erinnere mich an etwas, das ist mir wahnsinnig nachgegangen. Ganz hinten in Zechenwihl war eine Familie, die sind abgeführt worden. Die Franzosen fuhren mit einem Jeep vor und haben die Leute mitgenommen. Da waren alle traurig. Wir kannten keine Zusammenhänge, wir wussten nicht, warum sie geholt wurden, wir waren einfach traurig darüber.

Eine Familie? 

Nein, das war keine Familie, das waren Einzelpersonen. Ich weiß nicht, warum sie geholt wurden. Also irgendwie war da schon etwas …

... etwas gewesen mit den Nazis?

Ja, irgendwie so.

Hat sie vielleicht jemand verraten?

Verraten, ja. Das Bild habe ich noch fest vor Augen, wie die geheult haben. 

In Zechenwihl sind Sie ja in einem Dorf aufgewachsen, wo es in der Kriegszeit wenige junge Männer gab. Wahrscheinlich waren es überwiegend Frauen, alte Männer und Kinder. 

Ja.

Und als Ihr Vater dann zurückgekommen ist 1945?

Das muss ich noch erklären. Mein Vater hatte nur noch eine Unterhose an, als er von Frankreich in die Schweiz verschleppt wurde. 

Ehemann: Er musste Spießrutenlaufen. Links und rechts waren Franzosen und haben auf die Gefangenen drauf geschlagen. Die, die auf der anderen Seite angekommen sind, sind in die Schweiz deportiert worden.

Mein Vater kam nach Ettenschwiel bei Beromünster. Ich weiß nicht genau, wie lange er da war. Auf jeden Fall hat es eine ganz enge Beziehung gegeben mit den Schweizern. Er hat dort praktisch wie ein Knecht gearbeitet. Er hatte keine Kleider; die Schweizer haben ihn gut versorgt. Ich halte viel auf die Schweizer. Ich erinnere mich daran, als meine Mutter und ich das erste Mal rüber gingen, um meinen Vater zu besuchen.

Sie haben ihn dort besucht?

Ja, wir haben ihn besucht. Aber da war er schon länger dort. Die haben mich ausstaffiert mit Kleidchen.

Das war wahrscheinlich wie Weihnachten für Sie?

Ja, das war wie Weihnachten, wirklich wahr. Wir bekamen Schokolade. Eine Schokolade habe ich schon vorher mal gefunden, da hatten wir noch einen Ledigen im oberen Stock, der war auch im Krieg und kam nicht mehr nach Hause. Und wie es die Kinder haben, bin ich mal an seinen Schrank gegangen und hab rumgekruschtelt und plötzlich habe ich etwas Braunes gesehen. Ich kannte Schokolade damals ja nicht. Ich bin dann runter zur Mutter und habe es ihr erzählt. Sie sagte mir, das sei Schokolade. Dann habe ich sie probiert. 

Sie haben Schokolade schon gekannt, aber in der Schweiz haben Sie dann zum zweiten Mal welche bekommen. 

Ja, das war natürlich kein Vergleich zu der Schokolade, die ich gefunden habe. Da habe ich dann eher den Wohlstand kennen gelernt, gesehen, wie man leben kann. Mit den Leuten hatten wir Verbindung bis vor 10, 15 Jahren. Ich war dann mal vier Wochen dort in den Ferien. Ich habe die Kühe gemolken. Es war eine große Landwirtschaft, die hatten 46 Kühe. Da lernte ich das Melken. 

Sie haben gerade gesagt, dass Sie Ihren Vater besucht haben. Wer ist wir? Die Mutter, die Geschwister? 

Nein, nur die Mutter und ich. 

Die anderen mussten wahrscheinlich daheim bleiben und arbeiten?

Ja. Als die Mutter noch ledig war, hat sie in der Nähe von Beromünster mal gearbeitet. Das war wohl in den 20er-Jahren. Sie kannte sich dort also ein bisschen aus. 

Und wann ist Ihr Vater dann wieder heim gekommen? 

1946.

Was hat das in der Familie verändert? Das war ja eine völlig neue Situation, denn Sie hatten sich ja an das Leben ohne Vater gewöhnt.

Ich habe zuerst einmal gelitten. Ich hatte nicht das Vertrauen. Ich hätte nicht mit ihm schmusen können wie sonst ein Kind. 

Der Vater war ja praktisch ein Fremder geworden.

Ja, er war fremd. Ich habe ihn ja erst da kennen gelernt.

Hat sich das dann schnell wieder eingependelt, oder blieb es für längere Zeit bei dieser Distanz? Es gab einen Film, ich weiß nicht, ob Sie ihn gesehen haben, „Das Wunder von Bern“ ...

Ja, den haben wir schon mal gesehen. 

Da kommt der Spätheimkehrer heim und findet eine völlig andere Welt vor. Wie ist das bei Ihnen gegangen? Wie war das nach dem ersten Fremdeln? 

Das Vertrauen war schon da. Aber dass ich mit ihm hätte schmusen können, das habe ich nie mehr gekonnt. So etwas muss früh wachsen, wenn man als kleineres Kind mit jemandem eine engere Beziehung hat. Aber sonst hatten wir schon eine gute Beziehung. Nur Schmusen, das konnte ich nicht. 

Ist Ihr Vater gesund zurückgekommen?

Ja, er ist gesund zurückgekommen.

Das war ein großes Glück ...

Ja, wirklich. Aber wie ich schon sagte, eine richtig große Hochachtung bekam ich, als ich hörte, dass die zwei Freunde vorbei kamen, um sich bei ihm zu bedanken. 

Da haben Sie zu Ihrem Vater richtig hochgeschaut. Stolz, dass man so einen Vater hat.

Ja. Er war sehr hilfsbereit. Im Dorf war ein älteres Ehepaar, das eine große Landwirtschaft hatte, aber keine Kinder. Sie wurden gebrechlich, und kein Mensch hat sich um sie gekümmert. Der Vater hat das mitbekommen und konnte das nicht haben. Die Hilfsbereitschaft ... er hat ihnen geholfen beim Zubettgehen und bei vielen anderen Dingen.

In Ihrer Familie ist das offensichtlich eine selbstverständliche Tradition, dass man anderen hilft, wenn sie in Not sind.

Ja, das ist auch bei mir so weitergegangen. Ich habe meinen Enkeln schon oft erzählt, dass es heute teilweise eine schlimmere Zeit ist als früher. Früher hat man einander geholfen, wenn einer in Not war, man hat einfach viel Hilfsbereitschaft gezeigt. Heute kennt man die Leute kaum noch. 

... und weiß gar nicht mehr, wie es den anderen geht ...

In den Anfangsjahren meiner Ehe bin ich zu allen Nachbarn hin zum Helfen. Mit einer Nachbarin bin ich zum Einkaufen, als wir dann ein Auto hatten. Ich hätte ja nie gedacht, dass wir mal ein Auto bekommen. Wir haben gebaut. Wir sind acht Jahre miteinander gegangen, nach einem halben Jahr hat er schon gesagt: „Weißt Du was, wir sparen auf ein eigenes Haus.“ Ich wollte das noch gar nicht, ich war ja erst 17 Jahre alt und noch gar nicht mal fertig mit der Lehre. Und er kam und sprach schon von einem Haus. Die Ernsthaftigkeit, die er hatte, hatte ich noch nicht mit 17. 

Jetzt haben Sie gerade die Lehre erwähnt. Wann sind Sie denn in die Schule gekommen?

Ich bin mit 6 ½ Jahren in die Schule gekommen. 

Wen hatten Sie als Lehrer?

Meine damaligen Lehrer hießen Willmann und Spitznagel.

Wie haben Sie die Schule erlebt? Es gab ja viele Dorfkinder, für die war das nicht schön. Die wurden regelmäßig – also vor allem die Buben – über die Bank gelegt und wirklich geprügelt.

Meine Schulzeit war eigentlich schon gut. Im Gegensatz zu meinem Bruder, der hatte eine ganz schlimme Schulzeit. Der ist verprügelt und getreten worden, ganz schlimm. Da gab es einen Lehrer, der ein Nazi war, das war ein Nachbar von uns. Der hat meinen Bruder auf den Boden geworfen und getreten. Ganz Schreckliches hat mein Bruder mitgemacht. 

Der Bruder war älter als Sie, haben Sie gesagt?

Sechs Jahre älter als ich.

In der Zeit damals hat man sich ja nicht gewehrt. Der Lehrer war eine Autoritätsperson.

Das war ein Nazi, der hat die Leute nicht verstanden, die da nicht mitgemacht haben. Ich selbst hatte eine gute Schulzeit in Niederhof. 

Wo war die Schule?

In Niederhof. Wenn man Richtung Laufenburg fährt, da in der Ecke drin.

Ist es vielleicht den Mädchen in der Schule besser gegangen als den Buben?

Nein, das war alles gut. Es wurde kein Unterschied gemacht. Der Lehrer Willmann war ein vorzüglicher Lehrer, man konnte zu ihm aufschauen, er hatte Charisma. Der Lehrer Spitznagel auch. Später kam noch eine Lehrerin aus Laufenburg, Fräulein Egger. Die hatten wir auch gern.

Fräulein Egger? Also schon eine Frau?

Ja. Wir haben sie als abgeholt von Laufenburg. Wir sind durchs Schulerholz und liefen ihr entgegen. Wir hatten an und für sich eine gute Schulzeit. 

Ihr Vater kam 1946 heim. Hat er dann in der Landwirtschaft gearbeitet oder in der Fabrik?

Er hat beim Sägewerk Rufle in Murg gearbeitet. Später war er Hofarbeiter in der Fabrik.

1948 kam ja die Währungsreform. Haben Sie davon irgendetwas mitgekriegt, dass plötzlich etwas anders geworden ist, z.B. im Geschäft, gab es eigentlich ein Geschäft in Zechenwihl?

Ganz vorne beim Elektro-Kammerer.

Können Sie sich noch erinnern, was anders geworden ist?

Ja, wir hatten einen Mordsspaß an den 10-Pfennig-Papierchen.

Wie hat sich das ausgewirkt? Haben Sie gemerkt, es gibt mehr zu kaufen?

Also dahingehend waren wir ja nicht verwöhnt. Das muss ich ja schon sagen, gegen- über heute. Das ist kein Vergleich.

Hat es in Niederhof überhaupt einen Laden gegeben?

Bei Kammerers ein kleines Lebensmittelgeschäft. Da gab es nicht so viele Sorten und Zeug wie heute. Es gab Mehl und Zucker und Teigwaren.

Auch Nähnadeln und Faden?

Nein, dafür musste man nach Laufenburg. Oder nach Murg zum Wolf. Unser Weg nach Laufenburg ging durchs Schulerholz. 

Haben Sie Grundnahrungsmittel gekauft?

Das hatten wir daheim, also Milch und Eier.

Was hat Ihre Familie dann im Laden gekauft?

Zucker und Salz.

Bohnenkaffee war Luxus, der kam viel später. Ersatzkaffee, gab es den?

Ja, Muckefuck hat man gesagt. Was wir noch hatten, durch das Mädchen, das wir angenommen hatten, es hat später in der Schweiz im Haushalt gearbeitet. Die hatten eine Apotheke in Laufenburg/Schweiz. Sie hat hin und wieder einen Kaffee mitgebracht. Aber den gab es nur am Sonntag. Ich machte mir damals noch nichts aus Kaffee. Aber meine Eltern haben das genossen. 

Das Erste, was dann über das absolut Lebensnotwendige hinausging, war dann für Ihre Eltern ein Kaffee am Sonntag.

Ja.

Und für Sie Schokolade in Beromünster?

Ja. Das war ein schönes Erlebnis, diese Schokolade.

Wie war Zechenwihl und Niederhof, als Sie in die Schule kamen. Das war ja dann damals im Grunde genommen eine geschloßene Welt. Wann hat das für Sie angefangen, dass die Welt von außen ein Stück weit reingekommen ist?

Den Zug nach Murg in die Kirche gab es immer. Das war immer wie eine Prozession. Früher sind die Leute aus jedem Haus nach Murg in die Kirche. Die Murger sagten immer: „Die machen eine Prozession auf Niederhof und Zechenwihl rauf“.

Wo ging der Weg durch?

Von Zechenwihl herunter über die Bündte und die Diegeringer Straße herunter bis zur Linde und dann nach Murg runter. Wir sind fast eine dreiviertel Stunde von Zechenwihl hinuntergelaufen. Das haben wir jeden Sonntag so gemacht. Da hat es keine Frage gegeben, ob wir gehen oder nicht. Jeden Sonntag und bei jedem außergewöhnlichen Gottesdienst unter der Woche.

Bei jedem Wetter?

Bei jedem Wetter. Das war förderlich für die Kameradschaft und das Miteinander der Menschen. Da ist ein Gemeinschaftsgefühl erwacht. Zur heutigen Zeit ist fast alles isoliert. Wir wohnen hier an einer Ecke, da gibt es noch ein Hoffest. Die ganzen Nachbarn kommen da zusammen, wir haben das auch schon bei uns gemacht. Und das ist schön. 

Das ist die Seite von Zusammengehörigkeit und Geborgenheit. Haben Sie aber auch mitgekriegt, dass zum Beispiel Zechenwihler und Oberhöfler miteinander rivalisiert haben?

Eigentlich nicht. Meine Mutter ist vom Sood in Oberhof. Im Gegenteil, wir sind da rauf gelaufen, es haben uns alle gekannt. Nein, das könnte ich jetzt nicht sagen.

Da gab es eine Verbindung?

Ja, das war wie eine Verbindung. Das ist ja das Schöne gegenüber heute.

Ich bin noch neugierig auf die Jugendzeit. Sie haben gerade erwähnt, dass Sie 17 waren, als sie Ihren Mann kennengelernt haben. 

Er ist vier Jahre älter als ich.

Sie sagten, Sie wären mit der Lehre noch nicht fertig gewesen. Sie haben ja Schneiderin gelernt.

Ja, ich habe Schneiderin gelernt.

Wie kam das, dass Sie gerade dieses Handwerk gelernt haben? Wollten Sie das selber, oder hat die Mutter gesagt …

Nein, das wollte ich selber. Meine Lehrer wollten, dass ich studiere, dass ich mich weiterbilde. Zuhause hieß es dann: „Ach so ein dummes Zeug, nach zwei, drei Jahren heiratest Du eh.“ Das wäre dann für die Katz. Ich habe nach der Volksschule eine hauswirtschaftliche Jahresklasse absolviert. Da wurde man ausgesucht vom ganzen Landkreis. Man musste Zeugnisse einschicken und durfte keine schlechtere Note als eine 2 haben. Man wurde ausgesucht, und ich war dabei.

Und wie lange hat das gedauert?

Das ging ein Jahr, jeden Tag.

Wo hat das stattgefunden?

Hier in Murg in der Schule. Ich würde empfehlen, dass es auch heute wieder so etwas gäbe. Dann gäbe es nicht so viele Ehescheidungen.

Was haben Sie da gelernt?

Alles. Wir haben wirklich alles gelernt. Die Zusammensetzung der Nahrungsmittel, die Werte, wie man plant. Alles

Auch, wie man ein Haushaltsbuch führt?

Auch, ja.

Ist es Ihnen nicht schwer gefallen, nicht auf eine weiterführende Schule zu gehen? Waren Sie damit einverstanden, eine Lehre zu machen?

Meine zwei Lehrerinnen sind zu meinen Eltern gegangen und haben auf sie eingeredet, dass sie mich doch weiter ausbilden lassen sollen. Und die haben eben gesagt, das sei eine Tradition. „Jo, jetzt ist sie 15, bald 16 Jahre alt, dann heiratet sie in drei, vier Jahren.“ Und weitere Ausreden. Ich selbst wollte das gar nicht. Ich wollte lieber einen Handwerksberuf lernen, Schneiderin. Ich habe immer gestrickt oder gestickt. Was ich jetzt noch alles habe, das habe ich alles selbst gemacht. Wenn sie dort den Schrank aufmachen würden, könnten Sie sehen, was ich so alles zusammengestrickt habe. Und dann sind also diese zwei Lehrerinnen zu meinen Eltern gegangen und haben eben gesagt, dass es schade wäre. Ich habe ja auch immer überspielen wollen, dass ich so groß gewesen bin, ich bin nie gerade hin gestanden. Ich wollte nicht so auffallen und einfach nicht größer sein als die anderen. Und dann sind diese Lehrerinnen eben zu ihnen hin gegangen und haben gesagt, dass ich Begabung hätte, und sie könnten sich vorstellen, gerade als Hauswirtschaftslehrerin oder so, das wäre doch die Sache. Da haben meine Eltern dann halt einfach irgendwie abgelehnt und mir war …

… das gar nicht so unrecht. 

Nein. Und dann habe ich gesagt: „Aber dann darf ich doch Schneiderin werden, oder?“ Da haben sie sofort Ja gesagt. Sofort.

Ein Handwerk zu lernen war also gut?

Ja, ein Handwerk. Und so kam es dann. Dann habe ich Schneiderin gelernt. Nach Abschluss der Lehre bin ich nach München und habe noch die Ausbildung gemacht für Zuschneiderei und Zeichnungen für Kleider. Das habe ich dann mehrere Jahre gemacht, bis ich geheiratet habe.

Wie lange waren Sie in München? Das war ja eine andere Welt.

Das war eine andere Welt, aber es war schön. Mein Mann hat mir damals jeden Tag einen Brief geschrieben. Jeden Tag habe ich Post von ihm bekommen. 

Ehemann: Ich hatte halt Angst.

Also ich muss sagen, Chancen hatte ich en masse. Aber ich war kein "leichtes Mädchen“. Ich musste mich immer wehren. Ich war halt ein großes, hellblondes Mädchen. Jetzt war ich schon 30 Jahre nicht mehr beim Frisör (lacht), der Mann spart Geld. Meine Haare waren ganz weißblond, das war sehr auffallend. 

Sie waren also eine junge Frau, nach der Einige geguckt haben. Wie lange sind Sie denn in München geblieben?

Bis ich das Diplom hatte.

Wie alt waren Sie da?

Ich war 18.

Mit 18 sind Sie von Murg in eine große Stadt. Das muss ein großer Sprung gewesen sein.

Ja.

Wie haben Sie in München gewohnt?

Ich hatte noch eine Begleitperson dabei, die auch Schneiderin gelernt hat. Von Säckingen, die Tochter vom Gilgin. Wir zwei sind miteinander nach München gegangen. Ich hatte noch eine Tante da. Wir haben in einer Wohngemeinschaft gewohnt. In Waldtrudering. Dadurch hatten wir auch von Anfang an etwas Vertrautes, sie hat uns die Grunddinge gezeigt.

Hatte Ihnen dieser Gegensatz zur Murger Welt gefallen? Hatten Sie kein Heimweh?

Nein. Aber da wurde man schon gefordert.

Ehemann: Danach ist eine ganz andere Frau zurückgekommen.

Ich war ein eher ernster Typ. Wenn ich etwas gemacht habe, dann richtig oder gar nicht. Das ist heute noch so. Sie sehen ja, wie ich das richtig gemacht habe mit meinem Mann. Wir haben bald das 50-Jährige.

Wann?

Am 23. Juli.

Ehemann: Sie kam verändert zurück. Ernster.

Und ist es Ihnen schwer gefallen, wieder nach Murg zurückzukehren?

Nein, gar nicht. Ich habe mich dann selbständig gemacht.

Als Schneiderin?

Ja.

Wann haben Sie Ihr erstes Kind bekommen? Zwischendrin war wahrscheinlich noch eine Hochzeit.

Ehemann: Du musst das mit den acht Jahren noch erklären.

Er ist „z’Licht“ gegangen, acht Jahre auf Zechenwihl rauf. Wissen Sie, was das heißt?

Ehemann: Das war ein Spruch auf dem Hotzenwald. Da gab es die einzelnen Höfe, und am Samstag und Sonntag haben die Frauen und Mädchen in der großen Bauernstube am Spinnrad gesponnen und Lieder gesungen. Da brannte ein Licht, und die Buben, die Mädchen wollten, die sind immer „zum Licht“ gegangen, weil es da Mädchen hatte. Da ging es immer lustig her. Deshalb sagt man, er war „Lichtgänger“ oder er ist „zum Licht“ gegangen.

Aber bei uns hat kein Licht gebrannt. Wir haben uns bei der Katholischen Jugendgemeinschaft (KJG) kennengelernt. Er ist vier Jahre älter als ich, hat zu den Größeren gehört, und ich bin nach der Volksschule zur KJG. Jede Woche hatten wir Gruppenstunde. Da bin ich von Zechenwihl heruntergelaufen und wieder heim. Die Älteren haben uns Jüngeren einen Tanzkurs gegeben. Da haben wir uns kennengelernt. Ich tanze fürs Leben gerne. Ich konnte es schon, die anderen noch nicht. Da hat er mich immer geholt. 

Ehemann: Ich musste Musik machen. Tanzlehrer war der Herbert. Und Du warst Vortänzerin.

Irgendwann wollte er mich dann nach Hause bringen. Als er das erste Mal mit mir nach Hause gelaufen ist, hat er gesagt: „Du hast aber einen weiten Weg“. Von da unten, er ist ja Murger. So langsam hat dann alles angefangen. Er hat immer größere Augen bekommen.

Das war, bevor Sie nach München sind?

Ja, da habe ich noch gelernt. Ich merkte, er hat Interesse an mir, und dann sagte ich: „Ich will eigentlich noch nicht, weil ich erst 17 bin und noch nicht mit der Lehre fertig.“ Meine Lehrmeisterin hat das nicht so gerne gesehen. Und er sagte dann: „Also dann warten wir“.

War das da, als er Ihnen sagte, 'wir sparen jetzt schon auf ein Haus'?

Nein, da war es dann schon ernster. Da kam er schon regelmäßig z’Licht, als er das gesagt hat. Ich wollte einfach noch nicht. 

Er ist hartnäckig geblieben?

Ja und er ist treu geblieben. Er war schon ein rechter Kerl, das muss ich sagen. Er hätte auch bei anderen Chancen gehabt. 

Sie beide hätten also auch andere Chancen gehabt.

Ja. Auf jeden Fall sind wir da auf dem Zumsteg gestanden Richtung Niederhof vor der Linde, und da ist ihm das gekommen: Wir könnten doch … Also ich sagte, die nächsten paar Jahre will ich noch nicht heiraten. Das will ich noch nicht. Ich will meinen Beruf ausüben. Und dann hat er gesagt: „Wir könnten doch ein Haus bauen miteinander.“ Das hat den Ausschlag gegeben. Dann fingen wir an zu sparen. Und so sind wir dann halt so lange miteinander gegangen. Am Hochzeitstag sind wir hier eingezogen. Wir haben vorher nicht zusammen gewohnt. Das sehe ich als großen Vorteil, als Ideal. Es hat einfach die ganzen Jahre hindurch gehalten, die ganzen Jahrzehnte, darum können wir das 50-Jährige feiern. 

1964 haben Sie dann geheiratet? 

1964 haben wir geheiratet. Da war ich 25.

1964 ist die Welt ja schon ein wenig offener geworden als in den 50er Jahren. Damals war alles auf die kleine Welt bezogen, in die man hinein geboren war. Wenn Sie heute an die 25-Jährige von damals zurück denken, wie die die Welt erlebt hat, hat die gestaunt, was sich da alles verändert, oder ist das alles selbstverständlich gekommen, dass Sie es gar nicht bemerkt haben? Ich zum Beispiel kann mich erinnern, in Bonndorf wurden im Winter die Straßen mit Ochsen oder Rössern und einem Dreiecksschneepflug geräumt. Irgendwann kamen dann die ersten Autos. Mir als Kind ist das nie aufgefallen, dass das irgendwie eine andere Welt ist. Das ist so selbstverständlich gewesen. Wie ging das bei Ihnen?

Also da mussten wir schon zurückstecken. Wir hatten kein Geld für ein Auto oder den Führerschein. 1966 ist meine Mutter verunglückt. Sie ist ins Gülleloch gefallen. Wir waren mit dem Kirchenchor auf einem Ausflug. Als wir nach Hause kamen, war die Nachricht da, dass die Mutter im Krankenhaus liegt. Wir hatten kein Auto, nichts, wir erledigten alles mit dem Moped. Ein halbes Jahr lag sie in Säckingen im Krankenhaus. In dieser Zeit bin ich mit dem Rad nach Zechenwihl gefahren, um ihren Haushalt zu machen, und wieder runter nach Säckingen zum Massieren. Damals gab es das im Krankenhaus noch nicht, das musste ich machen. Auf Weihnachten zu sagte der Chefarzt: „Ihr könnt die Mutter heim nehmen, aber ihr müsst sie jeden Tag bringen.“ Ende November sagte meine Mutter: „Mach den Führerschein, ich zahle ihn.“ Wir hatten gebaut, wir hatten kein Geld für den Führerschein und ein Auto. Ich mel- dete mich am 1. oder 2. Dezember an, und am 21. Dezember hatte ich den Führerschein. 

Waren Sie da stolz?

Stolz, an den habe ich nie gedacht. Wir waren einfach froh, dass wir von meinen Eltern eine Hilfestellung bekamen. Wir haben dann ein gebrauchtes Auto gekauft, und ein halbes Jahr lang habe ich meine Mutter jeden Tag nach Säckingen gefahren. Sie hat Stangenbäder gekriegt.

Sie haben also von Anfang an gekrampft.

Ich habe immer gekrampft, aber ich habe es nicht als Krampfen angesehen. Das war eine Selbstverständlichkeit. Das ist jetzt die Hilfsbereitschaft, die ich vorher schon erwähnt habe. Auch Nachbarschaftshilfe ist für uns selbstverständlich.

Ich möchte jetzt vielleicht einen Sprung machen.1964, 1965, als Sie Schneiderin waren. Da sind ja die Modesachen schon ganz anders gelaufen als zehn Jahre vorher in einem abgelegenen Dorf. Ich weiß noch, wie jedes Frühjahr die neue Mode gekommen ist, der neue Stil aus Paris, das Chanel-Kostüm. Damals sind die Rocksäume jedes halbe Jahr so viele Zentimeter kürzer oder wieder länger geworden. Hat man in Ihrem Beruf den Einfluss gemerkt von der "großen Welt" drum herum?

Ja, sicher. Als Schneiderin sowieso. Vom Material her hat sich schon viel geändert. Und vor allen Dingen war es schon eine Umstellung, als ich von München kam. Von so einer Großstadt nach Murg zurück, da waren schon Welten dazwischen.

Es war wieder einfacher?

Wieder einfacher, ja. Aber dort hat es von den Stoffen her schon sehr gute Qualität gegeben. Ich würde mir wünschen, dass es diese Qualität heute wieder gäbe. Ich sage als zu meinen Enkelkindern, dieses Jeanszeug, abgefärbt und alles Mögliche, nie im Leben wäre dazumal jemand mit solchen Hosen herumgelaufen, so etwas hätte man angezogen zum Misten.

Da trug man den blauen Anton.

Ich meine, damals war man sensibler für die Kleidung und das Schöne, auch vom Material her. 

Ab Ende der 50er Jahre hat es ja immer mehr Dinge, Konsumartikel gegeben. Wie hat sich das für Sie bemerkbar gemacht? Wurde damit das Leben für Sie leichter? Ich habe als Kind in Bonndorf gelebt, und in unserem Lebensmittelgeschäft hat es vielleicht eine Sorte Wein gegeben. Inzwischen hat jeder kleine Supermarkt an die Hunderte im Angebot. Wie haben Sie diese Veränderung mitbekommen?

Also da macht sich die Kindheit wieder bemerkbar. Wir haben nie in Fülle gelebt. Deshalb hat man auch gar keine große Notiz davon genommen.

Sie sind also eher bescheiden geblieben.

Ja.

Und im Haushalt? Früher hat es ja keine Konserven gegeben. Da hat man dann selber eingemacht, und die Gläser sind im Keller gestanden mit den Kirschen oder Mirabellen. Und dann ist die Dosennahrung gekommen, es gab Mandarinen und Ananas in der Dose. Ist das bei Ihnen nicht angekommen?

Nein, auch heute nicht.

Sie sind praktisch nie auf den Konsum umgestiegen?

Nein, ich lasse mich dadurch nicht beeinflussen. Ich habe mein eigenes Zeug, und ich lege Wert auf Naturalien, bei denen ich weiß, woher sie kommen. Wir hatten Kirschen, ich habe Marmelade gemacht, Johannisbeeren, Himbeeren und einen großen Garten. Ich kaufe nur wenig Gemüse.

Noch eine etwas andere Sache. Ich kann mich noch erinnern, das war, meine ich, 1953 oder 1954, da hat meine Mutter die erste hydraulische Wäschepresse bekommen. Das war ja eine Revolution gegenüber früher mit den Kindern, als man alle Windeln von Hand waschen musste. Wann bekamen Sie die erste Waschmaschine? Waren da die Kinder schon da oder hatten sie schon vorher eine?

Wir hatten in unserem eigenen Haushalt von Anfang an eine Waschmaschine. Aber früher bei meinen Eltern wurde alles im Zuber und im Kessel gewaschen.

Sie hatten von Anfang Ihrer Ehe an eine Waschmaschine. Wann haben Sie geheiratet?

1964.

Wie viele Kinder haben Sie?

Wir haben nur einen Sohn.

Ehemann: Wir wollten gerne mehr Kinder, aber es hat leider nicht geklappt.

Ich hatte durch die Gartenarbeit einmal einen Abgang, aber das war ganz am Anfang der Schwangerschaft. 

Und da konnten Sie trauern, und dann musste das Leben weitergehen?

Ja.

Wissen Sie, ich habe vorhin nochmal gefragt wegen der Waschmaschine, denn es macht im Umgang mit den Kindern schon einen Unterschied, ob Eltern die Windeln dauernd auskochen müssen, oder ob es eine Waschmaschine gibt. 

Ja.

Als junge Familie hatten Sie also einen - nach heutigen Maßstäben bescheidenen - Mindest-Komfort.

Ja.

Haben Sie auch nach Ihrer Heirat weiter gearbeitet als Schneiderin? Das ist ja ein Beruf, den man auch in Teilzeit zuhause machen kann.

Ich habe viel gearbeitet. 

Woher stammte Ihre Kundschaft? Aus dem Dorf?

Ehemann: Weil sie halt nach Maß schneidern konnte – das hat sie ja gelernt –hat sie auch von auswärts Kundschaft gehabt.

Sie hatten einen guten Ruf.

Ich will mich ja nicht selbst rühmen. 

Wie lief das? Hat man gesagt, geh zur Frau Lüthy, lass dir da was nähen?

Nein, ich habe nicht alles angenommen. Ich war alleine, und ich hatte noch den Haushalt. Ich hatte immer irgendjemanden, den ich unterstützen musste. Ich konnte also nicht voll in meinem Beruf arbeiten, immer nur so zwischendurch oder in der Nacht.

In dieser Zeit waren ja viele Frauen einfach nur daheim, nur Kinder, Familie, Garten. Ich nehme an, Sie waren jedoch mit vielen Frauen in Kontakt, wenn um Beispiel jemand zur Anprobe gekommen ist.

Ja klar, sicher. Aber meine Familie stand immer im Vordergrund. Ich musste ja immer noch nach Zechenwihl, um meine Mutter zu unterstützen, und mein Mann hatte eine Tante und einen Onkel im Vinzentiushaus, da musste ich auch immer hingehen. 

Also haben Sie viel gearbeitet.

Ja.

Und Ihr Leben war beschränkt auf weniger Dinge und Bereiche, aber Sie haben das nicht als einen Verzicht erlebt, sondern als eine Fülle und eine Freude.

Ja.

Ich habe herausgehört, dass Sie bei aller Not und allen materiellen Einschränkungen die Lebensverhältnisse früher sehr wertschätzen und bedauern, dass heute viel weniger wechselseitige Fürsorge und Verbundenheit herrscht. Gibt es auch etwas, wo Sie denken, da ist etwas besser geworden? Also gibt es auch Seiten, wo Sie sagen, da bin ich froh, dass ich nicht mehr dazumal lebe?

Das gibt es schon.

Ehemann: Zum Beispiel die Möglichkeiten, wie man Kinder ausbilden lassen kann heutzutage. Das ist schon ein Fortschritt gegenüber früher.

Auf jeden Fall.

Für eine junge Frau heute wäre es ja selbstverständlich, dass Sie nach Freiburg gehen könnte und ihren Beruf selber wählt.

Ja.

Gibt es noch andere Sachen, wie zum Beispiel Reisen, wo Sie die heutigen Möglichkeiten gut finden?

Ja, das gibt es auf jeden Fall. Aber ich bin kein Mensch, der reisen muss und viel erleben will. Ich bin mit dem Wenigeren zufrieden. Ich bin nicht unzufrieden, wenn ich nicht in die Ferien gehen kann. Aber wenn ich mal irgendwo hingehen kann, dann freue ich mich schon auch. Ich erlebe schon alles richtig. Also jetzt will ich mal etwas ganz Einfältiges erzählen. Ich schäme mich fast. Ich habe zur Zeit eine Phase, da bin ich sehr berührt, wenn ich so Tiere sehe. So wie letzte Woche, da ist so ein kleines „Heugumperle“ die Wand rauf geklettert. Und so sehe ich hin und wieder Tiere, die ich früher nicht so beachtet habe. Und dann denke ich mir, je, musst du so umeinander krabbeln, bis du nur was zu Fressen findest. Das „Heugumperle“ hat mir so leidgetan, weil es da die Wand hochgeklettert ist, und da oben gibt es doch gar nichts zu Fressen für das Tier. In den kleinsten Kleinigkeiten steckt manchmal mehr, als wenn man weiß Gott was erlebt. Es ist einfach so, je älter man wird, umso bewusster erlebt man alles und man schaut bewusster hin, wenn es auch nur eine Blume ist. Ich lebe schon mit der Natur.

Könnte man sagen, dass Sie dankbar sind, wenn Sie auf Ihr Leben zurückschauen?

Aber ganz sicher. Und ich bedauere schon sehr, dass es heute nicht mehr so weitergehen kann. 

Sie befürchten manchmal, so wird es nicht weitergehen?

Ja, ich denke schon, dass es mal einen „Kladderadatsch“ gibt.

... wo dann notgedrungener Weise Menschen wieder mit weniger auskommen müssen?

Ja.

Und vielleicht wieder ein bisschen mehr zusammenhalten müssen?

Ja.

Ehemann: Das wäre der Vorteil. Not, das weiß man, da rücken die Menschen zusammen. Wenn man Tierfilme anschaut, da merkt man immer wieder, wenn sie ein Junges haben und es kommt eine Gefahr, dann versammeln sich alle großen Tiere um das Kleine, und man rückt näher zusammen. Dadurch entsteht natürlich ein ganz anderes Gemeinschaftsgefühl, und das ist uns während des Wohlstandes usw. verloren gegangen. Das brächte die Menschheit viel- leicht wieder etwas näher zusammen. Als der Golfkrieg war, da sind alle Vergnügungsveranstaltungen abgesagt worden, es fand ein Sondergottesdienst statt, auf einmal hat man gespürt, da ist wieder etwas. Und man hat sich wieder auf etwas anderes besonnen.

Ich hätte jetzt noch eine Frage. Wie feiern Sie Ihr 50-jähriges Ehejubiläum? Was machen Sie da?

Wir feiern schon. Wir haben Verwandte eingeladen. Wir machen es nicht so überschwänglich. Mein Mann hat veranlasst, dass es im Konradsblatt gestrichen wird. Sonst gäbe es ein zu großes Ding, und das wollen wir nicht haben. Wir machen das im kleineren Kreis. Wir haben über 30 Leute eingeladen. Wir feiern einen Dankgottesdienst, der Geistliche ist ein Freund von uns. Ich war Jugendlagerköchin, als er als Bub dabei war. Das ist schön. Und nach der Kirche macht meine Freundin einen Sektempfang mit Wecken. Nachher gehen wir ins Fischerhaus. Dort feiern wir mit unseren Verwandten.

Ich wünsche Ihnen, dass es ein ganz, ganz schöner Tag wird. Und wenn ich jetzt noch einmal einen Schritt zurückgehe zu dem Verlust von der Zusammengehörigkeit und Geborgenheit. Ich habe gehört, dass Sie viel selbstverständliches Vertrauen erlebt haben und gehe davon aus, dass es in Ihrer näheren Umgebung immer noch Überbleibsel davon gibt.

Ja, also da tun wir schon selber auch etwas dazu. 

Was wäre Ihnen jetzt noch wichtig in diesem Gespräch?

Also was ich noch sagen wollte, mein Vater hat immer gesagt: „Ich bin nur gespannt, ob wir das 50-Jährige erleben können.“ Das verfolgt mich in letzter Zeit ein bisschen. Meine Mutter ist drei Monate vorher gestorben. Es war ein plötzlicher, aber schöner Tod. Also, was früher die Eltern an die Kinder haben weitergeben können, das war schon etwas Großartiges. Was ich heute bemängele ist, dass das nicht mehr stattfindet. Ich muss sagen, wie gelebt so gestorben. Meine Mutter ist so schön gestorben; und der Vater auch. 

Ein erfülltes Leben?

Ja, sie haben nicht lange gelitten. Mein Vater wollte, dass ich dableibe und ihm die Hand halte. Er sagte „Mutter Gottes“ und hat die Augen zugemacht. Das sind solche Sachen, die einem bleiben. Immer wieder kehrt der Gedanke daran zurück.

Darin drückt sich vielleicht das 'wie gelebt, so gestorben' aus?

Ja, das ist ein wahres Sprichwort. Ich will damit sagen, was Eltern ihren Kindern weitergeben können, sind einfach gute Momente, die sie durchs Leben begleiten. 

Ich höre, Sie sind Ihren eigenen Eltern sehr dankbar.

Ja, das bin ich. Die sind über die Jahrhundertwende so armselig aufgewachsen. Also mein Vater hat mit zwei Jahren die erste Mutter verloren und mit sieben Jahren die zweite Mutter. Danach hat sein Vater nicht mehr geheiratet. Da können sie sich vorstellen „wie die hän duure müesse“. Es waren fünf Kinder. Und trotzdem sind es so charaktervolle Menschen geworden. Ich weiß nicht, ob das heutzutage nochmal möglich wäre. 

Sind Sie einverstanden, dass wir das so stehen lassen? Das ist ein schöner Schluss.